Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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DECKE DER GROTTE ZU ALTAMIRA (SPANIEN)
MASSSTAI5 I : 110

HÖHLENMALEREIEN DER VORZEIT

VON

FRANK DELAGE

Das Ende des neunzehnten und die ersten Jahredes
zwanzigsten Jahrhunderts haben in ungemein
rascher Folge eine aufsehenerregende Entdeckung
nach der andern auf dem Gebiete der Archäologie
bekannt werden sehen. Der schon oft durch-
wühlte Boden Kretas, der Zykladen, Ägyptens und
des Orientes barg für kühnere und methodischer
als ihre Vorgänger zu Werke gehende Forscher
noch einen reichen Vorrat seltener Schätze.
Die präpharaonische und prämykenische Zivili-
sation wurde ans Licht des Tages hervor-
gezogen; jenseits des Bronzezeitalters wurden die
eneolithische und neolithische Periode der Mittel-
meervölker eingehend erforscht; kurz es war ein
sicheres Eindringen in eine immer weiter zurück-
liegende Vergangenheit. Die Ernte ist grossartig

Anm. d. Red.: Die Illustrationen dieses für unsere
Zwecke gekürzten Aufsatzes von Fr. Delage sind mit Erlaub-
nis der „Anthropologie" (Paris), des Direktors des Wissen-
schaftlichen Kabinets des Fürsten von Monaco und der Kcole
d'Anthropologie de Paris reproduziert worden. Sie sind nach
den Originalen des Abb6 Breuil hergestellt, der ebenfalls gütigst
die Reproduktion gestattet hat.

gewesen. Aber auch die prähistorische Wissen-
schaft hat sich im westlichen Europa und besonders
in Frankreich, weit entfernt, hinter der orientalischen
Archäologie zurückzubleiben, durch ganz uner-
wartete und unvorhergesehene Entdeckungen be-
reichert, die fast unglaublich erscheinen und mehr
als alle andern zu besagen haben.

Seit den ersten Ausgrabungen, die um 1863
in den Ortschaften an der Vczere* von Lartet und
Christy ausgeführt worden waren, wusste man, dass
sich der prähistorische Mensch nicht damit begnügt
hat den Feuerstein, Bein und Hörn in geschickter
Weise zu bearbeiten, um Waffen und Gebrauchs-
gegenstände daraus herzustellen. Man wusste, dass
er Gefallen daran gefunden hat, Tiergestalten und
verschiedenartige Zeichnungen anderer Art mit oft
recht geschickter Hand auf Klingen von Knochen
und Elfenbein, auf Dolchgriffen, Wurfspiessen und
Harpunen einzugraben. Zunächst war das Erstaunen
nicht gering gewesen, und man hatte gar manchen

* Nebenfluss der Dordogne.

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