Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

Seite: 335
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HENRI-MATISSE, DIE SEINE IN PARIS

NOTIZEN EINES MALERS

VON

HENRI-MATISSE

Wendet sich ein Maler an das Publikum nicht
um ihm seine Werke vorzuführen, sondern
um einige seiner Gedanken über die Kunst des
Malens auszusprechen, so setzt er sich mehrfacher
Gefahr aus. —

Zunächst weiss ich, dass viele Leute die Malerei
gern als von der Literatur abhängig betrachten.
Sie verlangen daher von der Malerei nicht nur all-
gemeine Ideen, wie sie den Ausdrucksmitteln dieser

Wenn der Leser erstaunt, warum wir den Ausführungen
von Matisse auch Bilder von (Vianet, Monet, Sisley und Cezanneq
hinzugefügt haben, so wird er es kaum noch thun, nachdem
er gelesen hat. Er wird finden, dass die klugen Theorien des
Parisers von heute ohne die glorreichen Schöpfungen franzosischer
Malerei, die von jenen älteren Künstlern stammen, nicht hätten
formuliert werden können. Wir hören hier mit hohem Ver-
gnügen einem gross wollenden Epigonen zu, der zu denken
versucht was Jene fühlten, der die Raummathematik der Kunst,
die die Impressionisten in der Empfindung hatten, sich und
Anderen beweisen und als Stilidee verkünden will und der
sich in diesem Bemühen dem „Laokoon" Lessings wieder auf

Kunst entsprechen, sondern spezifisch literarische
Ideen. Ich fürchte daher, dass man mit einigem
Erstaunen sieht, wie ein Maler es wagt, das Gebiet
des Schriftstellers zu betreten. In der That bin ich
mir auch bewusst, dass die beste Demonstration,
die er von seinem Arbeitsverfahren geben kann, die
ist, die sich aus seinen Gemälden ergiebt.

Dennoch: Künstler wie Signac, Desvallieres,
Denis, Blanche, Guerin, Bernard haben einiges ge-

modernen Umwegen nähert. Da Matisse in gewisser Weise
die junge französische Schule gut repräsentiert, haben seine
Theorien programmatische Bedeutung. Sie beweisen, wie
ernst es auch diesem neuen Künstlergeschlecht ist, wie über-
all derselbe Wille zum Stil hervortritt; beweisen aber auch, dass
ein gewisses Stocken der eigentlich produktiven Kraft eingetreten
ist. Ein Künstler aus der Generation um 1870 hätte nie ge-
sagt, er wünsche seine Kunst sei „ein Beruhigungsmittel,
ähnlich wie ein guter Lehnstuhl". In diesem paradoxen
Ausspruch verrät sich, wie in vielen anderen Sätzen, die dekora-
tiv architektonische Tendenz dieser neuen Kunst, ja ihr Zug
zum Kunstgewerblichen. D. Red.

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