Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 13.1902

Seite: 409
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Vereine und Institute, ■*- Sammlungen und Ausstellungen.

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Der bekannte dänische Kunstfreund Jacobsen

hat eine Expedition nach der Insel Rhodos ausgerüstet,
die dort Ausgrabungen vornehmen soll. Die Leitung dieser
Unternehmung, zu der der Sultan seine Zustimmung ge-
geben hat, liegt in den Händen des Archäologen Dr. Blin-
kenberg. Man wird in Lindos beginnen.

VEREINE UND INSTITUTE

Wien. Generalversammlung der Wiener Secession. Die
Wiener Secession hielt am 30. April unter dem Vorsitz
von Professor Alfred Roller ihre ordentliche General-
versammlung ab. Der Rechenschaftsbericht des abtretenden
Ausschusses wurde mit Einstimmigkeit angenommen. Die
Secession hat im abgelaufenen Geschäftsjahre vier Aus-
stellungen veranstaltet, im Sommer die Kollektivausstellung
ihres Mitgliedes J. V. Krämer, im Herbst eine Ausstellung
nordischer Kunst, im Winter die österreichisch-deutsche
Ausstellung; am 15. April wurde die gegenwärtige Klinger-
Beethoven-Ausstellung eröffnet. Das finanzielle Ergebnis
der Veranstaltungen war ein sehr günstiges; der Kassen-
saldo weist ein Barvermögen von 38450 Kronen auf. Auf
Grund der Neuwahlen besteht der Ausschuss des nächsten
Jahres aus folgenden Herren: Präsident: Maler Wilhelm
Bernatzik; Vicepräsident: Maler Friedrich König; Schrift-
führer: Architekt Leopold Bauer; Kassenwart: Bildhauer
Othmar Schimkowitz; Ausschussmitglieder: Maler Anton
Nowak, Architekt Josef Plecnik, MalerHans Tichy; Geschäfts-
führer: Franz Hancke.

Rom. Archäologisches Institut. In der Sitzung vom
21. März trug Dr. Steinmann über Michelangelo's Verhält-
nis zur antiken Kunst vor und suchte nachzuweisen, dass
Michelangelo stofflich unendlich reiche Anregung vom
Altertum erhalten hatte, seine Formgedanken dagegen an
der Antike wohl gebildet, aber nicht von ihr entlehnt habe.
Durch Michelangelo's eigene Aussprüche suchte der Vor-
tragende weiter sein Verhältnis zur Antike zu charakteri-
sieren, wie auch durch eine Zusammenstellung der Antiken
in Rom, die des Meisters besondere Bewunderung erregt
hatten. Professor Hülsen legte die rechte Hälfte einer
früher auf dem Forum gefundenen Inschrift vor, die einst
Mommsen auf Constantin ergänzt hatte. Das Wort des
grossen Epigraphikers, dass der Spaten oft klüger sei als
der Archäologe, hat sich hier bewährt, indem die linke
Hälfte bei den neuen Ausgrabungen zum Vorschein kam,
wie erst Hülsen scharfsinnig erkannt. Darnach sind Valen-
tinian und Theodosius die Kaiser, von denen die Inschrift
redet, und die besiegten Tyrannen Magnus Maximus und
sein Sohn. Hülsen schloss seinen Vortrag mit der inter-
essanten Beobachtung, dass vorwiegend die spätesten
Kaiser auf dem Forum Romanum ihre Denkmäler hinter-
lassen hätten. Professor Petersen legte ein kleines Marmor-
relief aus Genua vor, Athena darstellend, deren weggewor-
fene Flöten Marsyas aufgenommen hat. Er wies zunächst
das angezweifelte Altertum dieses Reliefs überzeugend
nach und bestimmte gleichzeitig die Entstehungszeit.
Petersen fand die ganze Komposition augustaeisch mit
Tempelchen und Ölbaum im Hintergrund, dem Felsensitz
der Göttin vorne, und nach Massgabe augusteischer
Wandbilder mutmasste er, dass das Relief als Wand-
schmuck gedient habe. — In der Festsitzung vom acht-
zehnten April zur Feier des bevorstehenden Natale di
Roma richtete Professor Petersen die Aufmerksamkeit der
zahlreich erschienenen Versammlung auf eines der gewal-
tigsten Denkmäler römischer Cäsarenherrlichkeit, auf die
Säule Trajan's, deren neueste Publikation seit kurzem
vollständig vorliegt. Eine Scenenreihe aus dem Beginn des
zweiten Dakischen Krieges wurde von dem Vortragenden in

ihrem Zusammenhange erklärt und den Versammelten zu
gleich als Beispiel vorgeführt, wie sehr falsche Voraus-
setzungen die Erklärung eines Bildwerks beirren können. Tra-
jan's Seereise von Ancona, die Fortsetzung zu Lande bis zu
einem bestimmten Punkte, dann die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze, die Angriffe der Daker auf römische Po-
sitionen, die Bedrängnis der Römer und wie ein Deus ex
machina plötzlich wiedererscheinend Trajan, den Seinen Hilfe
bringend — das ist der generelle Inhalt dieser Scenen.
Der Versuch, die dargestellten Kämpfe in die Dobrudja zu
verlegen, ist dem Verfasser der neuesten Publikation
trotz glänzender Beweisführung misslungen. Seine Er-
klärung, welche diese Kämpfe auseinanderreisst, aber
sämtlich innerhalb des Karpathengürtels sich abspielen
lässt, verkennt die Hauptsache, den innigen Zusammen-
hang, in welchem diese Bilder untereinander und mit den
nächstfolgenden stehen, wo Trajan's berühmte, in ihren
Trümmern noch erhaltene Donaubrücke das Ganze örtlich
fixiert und damit die Situation klarstellt, die uns also die
Römer im Beginn des zweiten Krieges zeigt, in einem
Momente höchster Gefahr, wo die Errungenschaften des
ersten Krieges auf dem Spiele standen. — Dr. Hartwig
legte zwei Exemplare eines Campano'schen Thonreliefs
vor. Er beschrieb die eigenartige Architektur, die er als
Palästra erklärte, einmal wegen der Säulenhallen, haupt-
sächlich aber, weil zwischen diesen Säulen Athletenbilder
stehen und in der Mitte ein Herakles, der nun auch als
Heros des Gymnasiums oder der Palästra zu verstehen
ist. Weiter wies der Vortragende, nach einer allgemeinen
Charakteristik dieser Reliefgattung die einzelnen Athleten-
figuren als Typen berühmter Statuen nach, die uns teils
früher, teils in den letzten Jahren durch verschiedene Funde
bekannt geworden sind. — Professor Hülsen erläuterte
einen Plan des grossen Gebäudekomplexes am Abhänge
des Palatin, in dessen kleinere Hälfte S. Maria Antiqua
eingebaut ist. Die jüngsten Ausgrabungen auf dem Forum
Romanum geben gerade hier bedeutsame Aufklärungen.
Durch Ziegelstempel ist aufs neue bestätigt worden, dass
dieser Riesenbau der Templum divi Augusti ist und zwar
der Neubau Domitian's, der am häufigsten in der Litteratur
genannt wird, wenn von den Militärdiplomen die Rede
ist, die von Domitian in einem Raum hinter dem Augustus-
tempel aufgehängt wurden. Vor allem gab dann Hülsen
die Beantwortung auf die Frage, wozu die komplizierte,
hinter dem Tempel befindliche Anlage von S. Maria ur-
sprünglich gedient haben könne, durch einen Hinweis auf
die Überlieferung von einer Bibliothek der Minerva, welche
mit dem Augustustempel verbunden war. Orientierung
und Disposition dieser Räume seien den Vorschriften des
Vitruv gemäss und die rückwärtigen Gemächer — Kreu-
zigungskapelle, Apsis und Kapelle der Heiligen Cosmas und
Damians — würden etwa soviel Bücherrollen enthalten
können, wie die am Aufgang der Burg von Pergamon ent-
deckten Räume der berühmten Attalischen Bibliothek.

e. st.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN
Münchener Jahresausstellung 1Q02 im K. Glas-
palast. Die Jury für die Jahresausstellung hat sich kon-
stituiert und besteht aus folgenden Herren: Sektion für
Malerei: Prof. Mathias Schmid, 1. Vorsitzender; Galerie-
direktor Prof. August Holmberg, 2. Vorsitzender; Hermann
Gottlieb Kricheldorf, 1.Schriftführer; Ernst Schmitz, 2.Schrift-
führer; Karl Kronberger, Wilhelm Menzler, Prof. Karl Seiler,
Akademie-Professor Otto Seitz, Prof. Heinrich Stelzner,
Otto Strützel, Prof. Ludwig Willroider, Hofmaler Prof.
Rudolf Wimmer. Sektion für Bildhauerei: Prof. Heinrich
Wadere, Vorsitzender; Ludwig Dasio, Schriftführer; Fritz
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