Sondheim, Moriz
Gesammelte Schriften: Buchkunde, Bibliographie, Literatur, Kunst u.a. — Frankfurt a.M., 1927

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August Essenwein
wurde am 2. November 1831 zu Karlsruhe geboren. Am Poly-
technikum seiner Vaterstadt begann er das Studium der Archi-
tektur, das er auf jahrelangen Reisen in Norddeutschland und
Belgien, in Paris und Wien, in Museen und auf Hochschulen
und bei der praktischen Arbeit in Ateliers fortsetzte. Vier-
undzwanzig Jahre alt veröffentlichte er seine erste größere
Arbeit, „Norddeutschlands Backstein-Bau im Mittelalter, Karls-
ruhe 1855." Zwei Jahre später trat er in Wien in den Dienst
der österreichischen Staatseisenbahngesellschaft als Architekt
für Hochbau. Hier, im Kreise gleichgesinnter Freunde, ent-
wickelte er eine rastlose Tätigkeit. Neben seinen Berufsge-
schäften fand er Zeit zu zahlreichen Entwürfen für Bauten und
Restaurationen und zu archäologischen Studien, deren reiche
Ergebnisse größtentheils in den Mittheilungen der k. k. Central-
Commission niedergelegt sind. 1864 erhielt er einen Ruf als
Stadtbaurath nach Graz, wo ihm ein Jahr später der Lehr-
stuhl für Hochbau an der technischen Hochschule übertragen
wurde. In jene Zeit fällt die Ausarbeitung und Drucklegung
seines großen Werkes über „die Mittelalterlichen Kunstdenk-
male der Stadt Krakau".
Aber schon nach zwei Jahren verließ Essen wein Graz: er
war am 21. Januar 1866 zum ersten Direktor des germanischen
Nationalmuseums in Nürnberg ernannt worden. Was er hier in
langer Thätigkeit und fast bis zur Stunde seines Todes gewirkt,
wie er das Museum umgeschaffen und ausgebildet, wie er ihm
den Stempel seiner Persönlichkeit aufgedrückt und es zu dem
stolzen Bau gemacht, den wir heute bewundern, ist allgemein
bekannt.
Doch trotz aller schweren Aufgaben, welche ihm durch
seine Stellung erwuchsen, und denen er sich mit voller Con-
centration seines Geistes widmete, wirkte dieser weit über die
Mauern des Museums hinaus; und eine ausführliche Lebens-
beschreibung Essenweins, welche die von Goethe formulirte
Hauptaufgabe der Biographie erfüllt, „den Menschen in seinen
Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, in wie fern ihm
das Ganze widerstrebt, in wiefern es ihn begünstigt, wie er sich
eine Weltansicht daraus gebildet, und wie er sie wieder nach
außen abgespiegelt", wird einst nicht nur eine Biographie Essen-
weins, nicht nur eine Geschichte germanischen Nationalmuse-
ums, sondern die Geschichte der kunstgewerblichen Bestrebun-
gen der letzten dreißig Jahre sein.
Die Vielseitigkeit seines Könnens, das weite Feld seines
Schaffens spiegeln sich in seiner Bibliothek wieder. Man er-
warte hier nicht die Sammlung eines Bibliophilen, der Bücher
sammelt, um sich an ihrer Schönheit, ihrer Seltenheit, an der
Reinheit ihres Textes, an der Kostbarkeit ihres Einbandes,
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