Sondheim, Moriz
Gesammelte Schriften: Buchkunde, Bibliographie, Literatur, Kunst u.a. — Frankfurt a.M., 1927

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die syntaktische Gliederung, an deren falsche Lehren so lange
hartnäckig gehalten wurde, bis es der romantischen Schule
gelang, ihre unvernünftigen Schranken zu brechen, und schließ-
lich die Sylbenmischung, den Hiatus und die Tonmalerei.
Es ist zu bedauern, daß der Verfasser, da er sich einmal
entschlossen hatte, ein so umfangreiches Buch zu schreiben,
nicht in einem letzten Abschnitt die kurzen eingestreuten histo-
rischen Bemerkungen zusammengefaßt und zu einer Geschichte
der französischen Verskunst erweitert hat; bei keinem Volke
würde sich diese Geschichte so reich und interessant gestalten.
Wir wollen hoffen, daß die Zukunft uns eine solche nach-
liefern wird. Doch auch in dieser Gestalt steht sein Werk als
schönes, abgerundetes Ganze da. Oh es zur Ausbildung der
Poesie beitragen wird, müssen wir dahingestellt lassen; dem
Philologen wird es ein willkommenes Hilfsmittel bei seinen
Forschungen sein.

Ein Blatt aus dem Tagebuch meines
Urgroßvaters.
— — — Von Stund' zu Stund' sehe ich meiner Reise Ziel
nahrucken; bin gestern am Abend zu Lützen an'kommen und
hoff schon morgen zu Leipzig zu gelangen. Dorfen will ich
dann mit Gottes und unseres Herrn Jesu Christi Hülf' ein
rechter Goffesgelahrfer werden, auf daß ich's heilige Wort
denen Völkern verkünde.
Von Weissenfels bis Lützen hat kein Factum sich ereignet,
so des Äuffschreibens werfh war. Bey lezfbenannfer Stadt be-
sähe ich das Schlachtgefilde, da dem Herfzogen Wallenstein
der ketzerische König Gustavus Adolphus eine Schlacht ge-
liefert. Dorten begegnete mir auch etwas, so zwar meine Per-
sonam nicht angehet, welches aber meinen Geist so sehr hat
mit Verwunderung und Erstaunen angefüllet ob unseres Hey-
lands Macht, daß ich's jezt will auffschreiben.
Hart an denen Thoren von Lützen liegt ein Kirchhoff, wo
ich heut' in der Frühe spazieren fhaf — mulfa meo cum corde
volufans, wie der heydnische Poefa Virgilius Maro saget —
und bewunderte die Monumenfa, so auff denen Gräbern stun-
den, und las die Epifaphia, so darein fein eingemeißelf waren,
und fühlete allerley fromme Gedanken in mir auffkummen:
von der Unsterblichkeit der Seel' und von der kurfzen Dau'r
uns'res Lebens; da erblickte ich plötzlich unweit von mir eyne
unbestimmte Formam auff der Erden liegend, von der ich nicht
sehen kunnf, was es sey, ob Mann oder Weyb; und als ich
näher traf, sähe ich, daß es eyn alter Mann war, so eyne
Mönchkutte anhaffe und lang hingesfreckef vor eynem kleinen
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