Sondheim, Moriz
Gesammelte Schriften: Buchkunde, Bibliographie, Literatur, Kunst u.a. — Frankfurt a.M., 1927

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aufgepflanzten Weihgeschenks verschafft wurde. Goethe wollte
darauf, daß ich den Pokal mit zum festlichen Mittagsmahl im
Stadthause nehmen und dort Eure Gesundheit daraus trinken
sollte. Dies geschah denn auch zur verabredeten Stunde. Was
ich dabei improvisirte, lege ich bei."
Das von Müller erwähnte Erwiederungsgedicht Goethes,
„Pflegten wir krystallen Glas rasch mit Schaum zu füllen",
ist bekannt, der erste Druck desselben ist aber bisher der
Forschung entgangen. H i r z e 1 und H e m p e 1 führen als sol-
chen Cotta's Taschenbuch für Damen von 1831 an; wir finden
dieses Gedicht jedoch bereits in den Zeit-Bildern vom 9. Sep-
tember 1830, und zwar mit der Variante „Wein" statt „Schaum"
in der zweiten Zeile. In derselben Nummer ist der Trink-
spruch Müllers auf die „Gesellschaft hochachtbarer Männer
in der Vaterstadt unsres Goethe" abgedruckt, den er im Auf-
träge Goethes „zur Weihe des Pokals" ausbrachte.
Von dem tollen Abend im Frankfurter Theater hat Goethe
nie etwas erfahren und nur mit freudigen Empfindungen ge-
dachte er in diesen Tagen seiner Vaterstadt. In einem Briefe
an Marianne v. W i 11 e m e r ließ er den Gebern noch einmal
danken und seinem Freunde Zelter berichtete er:
„Die Frankfurter Gönner und Freunde haben mir zum Ge-
burtstage einen bedeutenden silbernen Becher und viele Fla-
schen guten Weins gesendet, mit Verslein in Bezug aut die
„General-Beichte". So klingt das hin und wieder und endlich
wohl einmal ergötzlich an die Felsenquellen zurück."
Hierauf antwortete Zelter in seiner kernigen Weise mit
einem Ausspruche, mit welchem wir dieses Gedenkblatt be-
schließen wollen:
„Deine Frankfurter Landsleute sind brav, aber sie
müssen Zeit haben, und man muß alt genug werden, eh sie sich
besinnen. Dafür sollen sie denn nun erst gelobt seyn."

Die Buchkunst-Ausstellung im Frankfurter
Kunstgewerbe-Museum.
Wie die „Frankfurter Zeitung" bereits kurz mitgethedt
hat, ist am 26. v. M. im hiesigen Kunstgewerbe-Mu-
seum eine Buchkunst-Ausstellung eröffnet worden. In
den zierlich gedruckten Einladungen, welche das Museum ver-
schickt, wird das Programm der Ausstellung folgendermaßen
formuliert: „Die Ausstellung soll in großen Zügen den inne-
ren Buchschmuck in seiner Entwickelung vom Mittelalter
bis in die neueste Zeit veranschaulichen. Die einzelnen Grup-
pen behandeln das geschriebene Buch des späteren Mittelalters,
den deutschen Buchdruck des fünfzehnten Jahrhunderts, das
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