Sondheim, Moriz
Gesammelte Schriften: Buchkunde, Bibliographie, Literatur, Kunst u.a. — Frankfurt a.M., 1927

Page: 121
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Heber den deutschen Holzschnitt.
. mailicher . . . [versticht] mit seim eysellein
etwas in ein klein höltzlein ... dz wärt künst-
licher vnd besser dann eins andern großes werck,
daran der selb ein gantz jar mit höchstem heiß
macht." Albrecht Dürer.
Die Technik der Holzschneidekunst im eigentlichen
Sinne beruht auf folgendem Verfahren. Auf der geglätteten
Fläche einer Holztafel wird eine Federzeichnung entworfen.
Hierauf schneidet man mit scharfem Messer alle von der Feder
unberührten, weiß gebliebenen Stellen aus, sodaß nur die von
den Federstrichen bedeckten Teile der Fläche übrig bleiben,
und die Zeichnung erhaben hervortritt. Wenn man nun dies
Relief mit Druckerschwärze einreibt und ein Blatt Papier da-
gegenpreßt, so erhält man auf diesem ein Spiegelbild der ur-
sprünglichen Zeichnung, welches dem Original um so ähnlicher
wird, je gewandter und sorgfältiger das Messer geführt worden
ist. Einen solchen Abdruck auf Papier nennen wir einen
Holzschnitt.
Die Definition der Holzschneidekunst im eigentlichen Sinne
hätte also etwa zu lauten: Hochschnitt einer Strichzeichnung
auf diner Holztafel zum Zwecke der Vervielfältigung durch
Abdruck auf Papier. Hierbei ist der Zusatz „zum Zwecke der
Vervielfältigung u. s. w." zu betonen, weil ähnliche Holzformen
angefertigt und zu anderen Zwecken verwandt wurden, bevor
pian auf den Gedanken kam sie auf Papier abzudrucken, ja
lange bevor man Papier kannte.
Die Anfänge der Holzschneidekunst sind unbekannt. Wir
wissen, weder wann noch wo und von wem sie zuerst ausgeübt
wurde, ein Umstand, der, so seltsam er beim ersten Blick er-
scheint, uns natürlich vorkommt, wenn wir die Verhältnisse
näher betrachten, unter welchen diese Kunst im Abendlande
aufkam.
Mit dem Christentume war von Irland aus und über die
Alpen nach dem mittleren Europa die Malerei gebracht worden.
In den ersten Zeiten wurde besonders die Wand- und Buch-
malerei gepflegt; im Laufe der Jahrhunderte wuchs mit der
Kultur das Bedürfnis nach bildlichen Darstellungen, ursprüng-
lich mehr zu Andachtszwecken und zur Belehrung als aus
reiner Kunstfreude, und es entstanden Tafelmalereien und Bil-
derhandschriften für die Reichen, und daneben für das Volk
billige Bilder, die an Wallfahrtsorten, an Kirchen und auf
Märkten feilgeboten wurden. Diese bemalten Blätter, die mei-
stens von religiösem Charakter und mit einem frommen Spruch
oder Gebet versehen waren, nannte man Briefe vom la-
teinischen breve [scriptum], ein Ausdruck, welcher für jedes
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