Sondheim, Moriz
Gesammelte Schriften: Buchkunde, Bibliographie, Literatur, Kunst u.a. — Frankfurt a.M., 1927

Page: 175
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dem englischen Kunstgewerbe zu der leitenden Stellung ver-
holten hat, die es jetzt in Europa einnimmt
Man hätte hieraus folgern sollen, daß William Morris das
Haupt einer Schule werden würde, die viele Generationen hin-
durch seine Grundsätze und Kunstanschauungen praktisch ver-
wenden würde; aber kaum ist ein Jahr vergangen, seitdem er
die Augen geschlossen, und seine Theorien und seine Werke
scheinen bereits einer abgeschlossenen Vergangenheit anzu-
gehören. Ein neues Geschlecht ist aufgewachsen, welches zwar
Morris als den „Erwecker der modernen gewerblichen Be-
wegung" verehrt, aber den „Archaismus seiner Werke"*) ver-
urteilt, und Morris, der Erwecker der modernen Bewegung,
scheint zugleich der letzte Vertreter der alten Richtung zu sein.
Dies ist so zu erklären: neben der von Morris ausgehenden
Bewegung, welche das Studium der Natur und der großen Mei-
ster für die Grundlage eines jeden Kunstwerkes hielt, hat sich
in England eine Schule gebildet, welche Anregung und Motive
nur aus der Natur entnehmen will. Einer ihrer vornehmsten
VertreteristC. F. Ä. Voysey. Der Unterschied zwischen Morris
und ihm wird am besten durch zwei Zitate klar werden. Morris
hatte gesagt: „Eure Lehrer müssen sein Natur und Geschichte.
Was erstere betrifft, so ist es so selbstverständlich, daß ihr
von ihr lernen müßt, daß ich nicht dabei zu verweilen brauche;
und was die zweite anbelangt, so glaube ich nicht, daß
irgend jemand, außer den höchsten Geistern,
heutzutage ohne eifrigesStudium der altenKunst
irgend etwas vollbringen kann. Wenn ihr glaubt, dies
widerspreche dem, was ich über den Tod dieser alten Kunst
gesagt, und der Notwendigkeit, die ich daraus folgerte, eine
Kunst zu schaffen, welche für unsere Zeit charakteristisch sei,
so kann ich nur Folgendes sagen: wenn wir nicht die alten
Werke studieren und verstehen lernen, so werden wir durch
die schwachen Werke, welche uns umgeben, beeinflußt werden
. . . . Laßt uns daher die alten Werke mit Verständnis studieren,
laßt uns durch sie belehrt, erleuchtet werden, stets den Ent-
schluß festhaltend, sie nicht nachzuahmen oder zu wiederholen,
entweder gar keine Kunst zu haben oder eine Kunst, welche
wir zu unserem Eigen gemacht haben."^) Voysey dagegen sagt:
„Es ist nicht nötig, daß die Künstler an Traditionen und Vor-
bilder gebunden seien oder sich mit der Kenntnis der Arbeiten
fremder Nationen vollpfropfen. Jeder sollte die ihm von Gott
geschenkten Fähigkeiten gebrauchen, und wenn einer Gedanken
hat, die wert sind ausgedrückt zu werden, so sind und werden
immer genügend Mittel vorhanden sein, sie auszudrücken. Nicht
daß wir unsere Äugen ganz dem Wirken der Menschen ver-
i) Dekorative Kunst, München 1897. No. 1, S. 3.
j W. Morris, The decorative arts. 1878. S. 18.
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