Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die Frankfurter Kunstausstellung.

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Kunstverständige schon srüher mit Jnteresse die stark
restaurirte „Pieta" von Giovanni Bellini betrachtet
haben. Ganz besondere Aufmerksamkeit erregen serner
drci große Markuslöwen in der hergebrachten heraldi-
schen Darsteklungsweise, welche wohl als Auszeichnung
oder Schmuck irgend wclcher Magistratsräume im
Dogenpalast dienten. Einer dieser Löwen, augenschein-
lich von Carpaccio, ist ganz besonders wegen des
Hintergrundes bemerkenswcrt, welcher eine Lagnnen-
Partie darstellt. Er ist auf cine Sorte von Lein-
wand gemalt, wie sie gcwöhnlich von Carpaccio be-
nutzt wurde.

Wenn ich noch eine Madonna von Giovanni
Bellini in Halbsigur ncnne, dnrfte das Bedeutendste
namhaft gemacht sein. Diese sowie die kürzlich be-
sprochene Ausstellung des Vorrates der Akademie wur-
den mit Spannung von den Freunden alter Kunst
erwartet. Daß sie endlich veranstaltet wnrden, ist vor
allem für die Direktionen der Knnstanstaltcn selbst vom
größten Vorteile. Wurden doch dadurch die übertrie-
benen Vorstellungen von der Mißachtung, mit welcher
man alte Kunstwerke hier dem Verderben preisgäbe,
beseitigt und somit die Direktionen von dem Druck des
Borwurfes, der so lange auf ihnen gelastet, befreit. —
Auffallend bleibt, daß man Gentile Bellini's Orgel-
flügel, welche vergessen oben auf den Galerien der
Markuskirche stehen, bei dieser Gelegenheit nicht aus
ihrem Versteck hervorholte. August Wolf.

Die Frankfurter Aunstausstellung.

(Schluß.)

Jn noch viel reicherem Maße war aber Frankfurt
das Objekt der von außen kommenden Strömungen in
der Knnstentwickelung, und hiervon legt die Ausstellung
vollgiltiges Zengnis ab. Der Natur der Sache!nach
ist diese Seite in der Zahl der Werke und der
Künstler die hervorragendere. Es gilt das sowohl für
die ältere Kunst, sür welche uns mancherlei Werke lehren,
wic Frankfurt seiner centralen Lage cntsprechend, die
Beeinflussungen der oberdeutschen wie der niederdeutschen
Kunstrichtung, nicht minder aber auch der fränkischen
erfuhr, was namentlich die städtische, jetzt im Archiv
aufgestellte Sammlung dentlich ausweist. Von ihr be-
finden sich einige Werke hier, besonders der große Altar
aus der Dominikanerkirche, wclchen man dem Konrad
Fyol zuschreibt; ferner Werke des älteren Holbein so-
wie solche, welche auf Hans Sebald Beham zurück-
geführt werden. Aus dem siebzehnten Jahrhundert zeigen
die Künstlerfamilien Merian und Roos sowie der als
Kunstschriftsteller bekannte Sandrart und dest hier
gebürtige, meist aber außerhalb wirkende Lingelbach,
daß Frankfurt stets eine achtungswerte Stellung in der

Gesamtbewegung eingenommen hat, was wiedernm
gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hervor-
tritt, als die Familie Schlltz in ihren verschiedenen
Gliedern und Generationen, dann Seekatz, Herrlein,
Justus Juncker, Johann Heinrich Tischbein, etwas
später Johann Ludwig Ernst Morgenstern und
Johann Georg Pforr, der Pferdemaler, hier wirkten.
Das neunzehnte Jahrhundert bringt uns neben Künst-
lern, welche unbekümmert um die große, von Cornelius
und seinen Gesinnungsgenossen ausgegangene Bewegung
ruhig weiter arbeiten, wie Anton Radl, als Haupt-
vertreter der Opposition der neudeutschen historischen
Schule, die Künstler, welche der DüsseldorferSchule ent-
stammen und, mit größerem Sinn sllr Kolvrit begabt,
die vorher verworfene Fachmalerei,besonders das Genre-
bild wieder zur Geltung bringen. Jhr Haupt ist der 1840
als Prvfessor an das Städelsche Jnstitut berufene, 1872
gestorbene Jakob Becker, mit dessen Auftreten sich die
ältere, von Veit vertretene Richtung nicht vertrug und
schließlich weichen mußte. Von Becker ist eine Reihe seiner
bekanntesten Kompositionen zu sehen, so der allbekannte
„Kirchgang", „Die Rllckkehr vomFelde", die „Glllckliche
Familie". Auch „Der vom Blitz erschlagene Schäfer"
sehlt wenigstens in der Skizze nicht. Die ganze, etwa
aus den zwanziger Jahren stammende Generation ge-
hört nun dieser Richtung an: an das Studium in
Frankfurt schließt sich der Besuch in Düsseldorf als
entscheidender Schritt. Genre, Landschaft, Porträt
sind nun die beliebtesten Fächer, in welche sich die von
Cornelius verlangte Alltüchtigkeit, die freilich nur bei
wahrhaft großen, schöpferischen Meistern möglich ish
wie auf sicheren Strand flüchtet. Und mit Recht: in
weiser Beschränkung läßt sich auch dann noch sehr Tüch-
tiges leisten, wenn die Kräfte der Erfindung und Aus-
führung für große, natürlich nicht räumlich sondern
durch ihr geistige Bedeutung und durch geniale Be-
herrschung der Formen große Werke nicht ausreichen.
Meist am Bauerngenre haftet Dielmann, während sich
Burger zu bedeutender Kraft in der Landschaft sowie
im Bauernbild nach Art der Niederländer erhebt. Er
versteht sich auf ein treffliches Kolorit und ist ganz
besonders glücklich in denBeleuchtungseffekten seinerJn-
tsrieurs, wie wenn er einen Schuster oder Schlosser
in der Werkstatt, eine arbeitende Frau im Zimmer
malt. Es scheint, daß auch außerhalb Frankfurt eine
gerechtere Würdigung dieser in ihrer Art hervorragenden
Kraft eintritt: die Ausstellung zeigt die Radirnng von
Eißenhardt nach derFarbenskizzefür das von der Na-
tionalgalerie bestellte Bild Burgers: „Der alte Markt".
An Dielmann und Bnrger schließt sich die Cronberger
Kolonie an, die sich nicht immer über die Einseitigkeit
zu erheben vermag und in ihrer Abgeschlossenheit sich
allzuleicht der siegesgewisien Sicherheit überläßt, als ob
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