Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die Konkurrenzentwürfe für daS deutsche ReichStagsgebäude,

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Als Ersatz für denselben bietet sich uns die seltene Ge-
legenheit, einmal eine Auswahl der hervorragendsten
Werke unserer einheimischen Meister beisammen zu sehen.
Es ist zu hoffen, daß sie besser gelingt als für die Pariser
Weltausstellung von 1878, da Männer, welche das
Vertrauen aller Beteiligten voll und ganz besitzen, die
Organisation der Gruppe sür moderne Kunst über-
nommen haben. Leistet die Landesausstellung in künst-
lerischer Beziehung das, was man billig von ihr er-
warten darf, fo wird sie ohne Zweifel auf die Fort-
entwickelung unserer Kunst von großem Einflusse sein.

Zürich, den 7. August 1882. Cart Brun,

Die Aonkurrenzentwürfe für das deutsche
Reichstagsgebäude.

III,

Unter den vier oder fünf Entwürsen, welche von
den sachmännischen Mitgliedern der Jury für den
ersten Preis in Vorschlag gebracht worden sind, sollen
sich diejenigen von Ende und Boeckmann und von
Kayser und von Großheim befunden haben. Es
geht sogar die Sage, daß sich Geheimrat Adler ent-
schieden für — Ende und Boeckmann ausgesprochen
haben soll. Dann wäre allerdings alles, was man
sich über Adlers Stellung zu den Berliner Architekten
erzählt, eine schnöde Verleumdung, und nur ein Zu-
fall hat es gefügt, daß ein Projekt, welchem an
Klarheit und origineller Gcstaltung des Grundrisses
kein zweites gleich kommt, nicht zur Ausführung ge-
langt. Ganz eigentümlich muß sich aber die Abstim-
mung gewendet haben, da ein zum ersten Preise vor-
geschlagenes Projekt sich am Ende mit dem dritten
begnügen mußte. Da die Jury bei ihrem unver-
brüchlichen Schweigen verharrt — es soll Verschwiegen-
heit vor den Abstimmungen proklamirt worden sein, —
ist jeder Versuch, sich aus dieser Fülle von Rätseln
herauszufinden, ein vergeblicher. Man wird sich eben
definitiv mit dem Resultate begnügen müssen und einen
gewissen Trost darin finden, daß sich eine derartige
Konkurrenz nicht mehr wiederholen kann, da das Er-
gebnis aller übrigen Konkurrenzcn sür öffentliche Ge-
bäude erst das Purgatorium der Akädemie des Bau-
wesens zu passiren hat, bevor an eine Ausführung zu
dcnken ist. Nur der Reichstag hat das Privileginm,
sich bei Bauten, die für seine Geschäftszwecke bestimmt
sind, dieser obersten Jnstanz zu entziehen, ebenso wie
Herren- und Abgeordnetenhaus. Dem projektirten Neu-
bau für dicse beiden letzteren parlamentarischen Körper-
schaften scheint man übrigens nicht den großartigen
monnmentalen Maßstab zu Grunde legen zu wollen, wie
dem Reichstagsgebäude.

Der Entwurf von Ende und Boeckmann hat zu-
nächst den Vorzug, daß bei der Ausbildung der Fassaden
jede Wiederholung vermieden worden ist. Nach dem
Königsplatze öffnet sich das geguaderte Erdgeschoß
durch rundbogige Fenster. Das Hauptgeschoß ist durch
eine Säulenstellung gegliedert, und eine mit Statuen
besetzte, um das ganze Gebäude herumlaufende Balu-
strade bildet den Abschluß. Die Eingänge befinden
sich an den Ecken des Mittelrisalits, welches in seinem
oberen Teile nach dem Muster römischer Triumph-
bögen durchgebildet ist. Den Haupteingang habcn die
Künstler an die Seite nach dem Brandenburger Thor
verlegt. Hier ist ein dreifaches Portal von großartiger
Wirkung geschaffen worden, für wclches ebenfalls die
römischen Triumphbögen maßgebend gewesen sind. Der
mittlere Teil erhebt sich über die beiden Seitenteile und
ist dadurch als Hanpt-Eingang und Einfahrt charak-
terisirt, Leider ist die Wirkung dieses Mittelportals
durch drei niedrige Einbauten etwas beeinträchtigt
worden, welche aber notwendig warcn, nm die Ein-
tretenden gegen Zugluft und Regen zu schützen. Keinem
der Konkurrenten ist es getungen, eine Schmalseite
des Gebändes so imposant zu gliedern und zu cnt-
wickeln, obwohl noch andere versucht haben, den Ein-
gang vom Brandenburger Thor als den Hauptein-
gang zu betonen und demgemäß bedeutungsvoll zu
entwickeln, Heinrich Seeling (zweiter Preis) hat
ebenfalls ein Portal mit stolzem Säulenschmuck ange-
legt, durch welches man in ein hochgewölbtes Bestibül
gelangt und von da in einen sehr geräumigen Licht-
hof, von dem eine schön geschwungene Doppeltreppe
zu den Garderoben, bezw. zum Sitzungssaale empor-
führt. Auf der andcren Seite entspricht jencm Licht-
hof ein ebensolcher mit der Treppe für den kaiserlichen
Hof, die Einfahrt sllr denselben liegt nach dem Alsen-
Platze zu. Durch diese Anlage entsteht ein doppelter
Übelstand. Einmal muß der kaiserliche Hof um das
ganze Gebäude herumfahren, dann aber ist die Längen-
axe des Gebäudes bei weitem nicht entschieden genng
hervorgehoben, da in derselben außer dem Sitzungs-
saale nur Vestibüle und Treppenhäuser liegen. Nirgends
cntwickelt sich in der Längenaxe eine bedeutende Per-
spektive. Auch in der Oueraxe ist das nicht erreicht
worden, da sich in derselben die Halle zur Erholung
(nach dem Königsplatze zu), der Sitzungssaal und ein
vffener, durch eine Mauer mit Portal gegcn die
Sommerstraße abgeschlossener Hof besinden, welcher
letztere zur Auffahrt für den Reichskanzler und die
Bundesratsmitglieder dienen soll, also in keinem un-
mittelbaren Zusammenhange mit den Räumen für die
Abgeordneten steht. Es fehlt diesem Entwurf völlig
an einem Grundgedanken, von welchem aus dersetbe
gestaltet worden ist. Bei Ende und Boeckmann er-
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