Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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,7. Zahrgantz.
BeitrLge

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Lühow (Wien, There-
sianumgasie 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

15. Deccmbor

Nr. y.

Jnserate

k, pf. fLr die drei
Mal gespaltene ^)etit-
zeile werden von jeder

188s.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Lrscheint von Mktober bis Iuli jede woche am Donnerstag, von Iuli bis September alle hq- Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift für
bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Ia^rgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen


Ist dic Aimahmc eincs j)scudogrüncwald
gerechtfcrtigt?

Diese Frage drängt sich nns auf, wenn wir die
Kunstlitteratur der letzten Jahre verfolgen. Woltmann,
der in der jiingsten Zeit die gründlichsten Forschungen
über Matthias Grünewald von Aschaffenburg ange-
stellt hat, sah sich vcranlaßt, die Bilder, die Kranach
verwandt und seit langem mit Grünewald verwechselt
wurden, einem bis jetzt unbekannten Meister zuzuteklen,
worin ihm I)r. Eisenmann beistimmte, und nannte ihn
Pseudogrünewald. — 3n der „Geschichte der Malerei"
wird nun dieser Annahme von Or. Wörmann ent-
gegengetreten und die Behauptung aufgestellt, daß die
sämtlichen Gemälde von Lukas Kranach herrühren.

Es ist das wohl das schönste Angebinde, das die
Kunstforschung dem Lukas Kranach gemacht hat; doch
kann ich mich durchaus nicht damit einverstanden er-
klärcn. Denn abgesehen davon, daß dann für den
sächsischen Hofmaler, für den piotor oslarrimns, noch
eine Steigernng des Superlativ existiren müßte, sprechen
die Werke selbst gegen die Annahme Scheiblers und
Wörmanns.

Der Pseudogrünewald faßt die Gegenstände seiner
Bilder großartig auf, seine meist lebensgroßen Figuren
sind voll feierlicher Würde und Ruhe, Eigenschaften,
die wohl auch den Werken Grünewalds zukommen,
nicht aber dem etwas kleinlichen Kranach, mit dem er
allerdings die Malweise gemein hat und eine gewisse
Ähnlichkeit in der Zeichnung besitzt. Der unleugbare
Anklang an Grünewald läßt auch den Jrrtnm ver-
oeihen, der begangen wurde, als man das Hauptbild

des Erasmusaltares von Halle und die Flügel desselben
einem und demselben Meister zuteilte.

Es darf serner nicht unvermerkt bleiben, daß fast
sämtliche Werke des Pseudogrünewald ihren ursprüng-
lichen Standort in den Kirchen der Erzbistümer Mainz
und Magdeburg und der ihnen untergevrdneten Suf-
fraganbistümer hatten. Jch war einige Zeit der Mei-
nnng, daß ein Schüler Kranachs die Gemälde nach
Zeichnungen Grünewalds ausgeführt habe, der, wie
Sandrart berichtet, eine große Zahl Kreidezeichnungen
hinterließ, glaube nun aber durch nachstehende archi-
valische Einträge die Erklärung dahin ändern zu müssen,
daß der Meister lange Zeit neben Grünewald thätig
wär. Das Kreisarchiv zu Würzburg enthält in dem
sog. geistlichen Schranke unter den Mainzer Urkunden
die Ausgaben verzeichnet, die nach dem Tode des
Kardinals Albrecht II. s1545) an die Gläubiger ge-
macht wurden. Eine derselben lautet:

„Jtem ist man sur alle schuldt So maister Simon
Malers witwe von Aschaffenburgk furgewendt nemlich
1000 sl. Haubtschuld vnd erschinen pension davon dar-
zu lj hundert vnd etlich fl. der rechnung halben vber
das den Newen Baw zu Aschaffenburgk mit Jr ains
worden also das Sie gantz vnnd gar Zufrieden gestellt
mit 1j hundert vnd xx fl. wie Sie sich den Solches
bey dem Notario Winecks Substituten verzeigen vnd
ist 3r Jtzo 1j c fl. von dem claider gelt geliffert, die
andern 70 fl. soln Jr vf nechstkunfftige meßs werden
150 fl. zu 15 batz — 168 fl. 18 alb."

Der folgende Eintrag dürfte die Quittung über
die rcstirenden 70 Fl. sein:

„Jtem hat man entlehent auß dieser Kisten l rr fl.
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