Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die Biel-Kalkhorsischs Stiftung für Frescomalerei und ihre jüngste Verwendung.

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Vorlagen für Wandgemälde dienen sollten, mit welchen
Erzbischvf Balvuin seinen Palast zu schmücken gedachte.
Ein Blatt, im Gegensatze zu den übrigen, leicht schattir-
ten und mit Wasserfarben gemalten, in Deckfarben aus-
geführt, macht ganz den Eindruck eines Teppichs. Dürfen
wir bei den beabsichtigten Fresken den gleichen Teppich-
charalter vermuten? Befremdend würde es keineswegs
wirken, da sich im Norden Teppichwirkerei und Wand-
malerei nahe stehen und für einander eintreten. Selbst
wenn die Vermutung sich nicht bestätigen sollte, bleibt
der Wert des Bildercyklus im Balduinkodex, als eines
geschlossenen Kreises historischer Darstellungen bestehen.
Wie selten begegnen wir in der Kunst des Mittelalters
Profangeschichtlichen Gemälden, wie selten sind nament-
lich Beispiele der Verherrlichung gleichzeitiger histori-
scher Ereignisse geworden! Die Bilder aus dem spani-
schen Kriege, welche Kaiser Karl der Große in seinem
Aachener Palaste malen ließ, müssen wir wohl aus
der Kunstgeschichte streichen, da sie nur durch den fabel-
reichen Turpin verbürgt sind. Unsere Kenntnis schränkt
sich auf das Schlachtbild ein, welches Heinrich I. nach
Liutprants Bericht in seinem Palaste zu Merseburg aus-
führen ließ, und auf den bekannten Teppich von Baheux,
welcher die Eroberung Englands durch die Normannen
schildert. Dazu tritt nun der Römerzug Kaiser Heinrichs
VII. Der herbe Realismus, der aus dem letzteren bei aller
Kunstlosigkeit der Darstellung spricht, ist beachtenswert,
da sich in ihm ein Grundzug der nordischen Phantasie
kundgiebt, welcherzuweilen zurückgedrängt, aber niemals
völlig vernichtet werden konnte. Seine Herrschaft in
der deutschen Kunst wird gewöhnlich später angesetzt;
wir ersehen aus dem Balduinkodex, daß er sich bereits
im Mittclaltcr regte. Anton Springer.

Die Biel-Aalkhorstsche 5tiftung für Frescomalerei
und ihre jüngste Verwendung.

Eine höchst originelle und feindurchdachte Be-
stimmung, welche in jedem Jahre einem deutschen Hause
ein Frescogemälde sichert, enthält das Testament des
Frcihcrrn von Biel-Kalkhorst auf Kalkhorst bei
Dassow. Dieser hochherzige Kunstfreund gründet auf
diese Weise eine Stiftung, aus welcher alljährlich ab-
wechselnd einer der Kunstakademien zu MUnchen, Berlin,
Düsseldorf und Dresden, sowie der Kunstschule zu
Karlsruhe 3000 Mark zur Verfügung gestellt werden,
um durch einen ihrer Schüler in dem Bereiche ihres
Bezirkes — ganz Deutschland ist zu diesem Zwecke in
fünf Bezirke eingeteilt — ein Frescogemälde^ausführen
zu lassen: am liebsten in einem Privathause, doch, falls
dies nicht ausführbar sein sollte, auch in einem vffent-
lichen Gebäude. Es wird dabei vorausgesetzt, daß der
Eigentümer des Gebäudes, welcher Eigentümer des

Bildes wird, dem Künstler mindestens die Farben und
das sonstige Material frei zur Berfügung stellt, wo-
möglich aber auch noch einen pekuniären Zuschuß giebt.
Die Akademie, Welche an der Reihe ist, hat eine Auf-
forderung in den gelesensten Blättern ihres Bezirkes zu
erlassen und denjenigen Bewerber um das Gemälde, der
ihr der geeignetste zu sein scheint, auszuwählen. Dieser
hat alsdann den Gegenstand anzugeben, den er gemalt
zu sehen wünscht, ja, es ist seinem Belieben anheimge-
stellt, ob er ein Historienbild, eine Landschaft oder eine
mehr ornamentale Dekoration gemalt haben will. Die
Akademie aber bestimmt den Schüler, der die Arbeit
übernehmen soll, sei es durch Konkurrenz, sei es nach
freiem Ermessen. Kurz und schlagend motivirt Freiherr
von Biel seine Stiftung folgendermaßen: „Durch diese
Stiftung möchte ich den Wunsch verwirklichen, erstens
die Kunst im häuslichen Kreise heimisch zu machen,
zweitens die jungen Künstler mit der Frescomalerei
bekannter zu machen, weil ich sie für die beste Ent-
wickelung junger Künstler halte, drittens jungen Talen-
ten Gelegenheit zu geben, sich hervorzuthun". Um nun
aber zu sehen, ob und inwieweit sein Gedanke praktisch
ausführbar sei, hat Freiherr von Biel, dem noch lange
Jahre zu leben vergönnt sein möge, schon jetzt seit
einigen Jahren die Ausführung der Bestimmungen
seines Vermächtnisses in die Hand genommen. Zunächst
kam München, dann Berlin an die Reihe. Jm Jahre
1880 aber trat an die Düsseldorfer Akademie die Aus-
gabe heran, in Nordwestdeutschland einen Eigentümer
fllr ein Frescogemälde und unter ihren Schülern einen
Künstler, der es auszuführen vermöchte, zu suchen. Jn-
folge ihrer Aufforderung in den öffentlichen Blättern
liefen vierzehn Meldungen ein. Die Bewerber waren
teils Privatleute, welche nach den Bestimmungcn der
Stiftung entschieden bevorzugt werden müssen, teils
Gemeinden, teils Behörden. Als der am meisten im
Sinne des Stifters gehaltenen Bewerbung wurde der-
jenigen des Fabrikanten Herrn Jakob Ruhr in Eus-
kirchen Folge gegeben. Dieser hatte sich gerade ein
neues, ganz massives Wohnhaus unter der Assistenz
des Herrn Architekten Schneider, des jetzigen Professors
an der Kasseler Akademie, erbauen lassen und wünschte
seinen Speisesaal mit dem Fresco geschmückt zu sehen,
stellte auch eine entsprechende Unterstützung des Künst-
lers in Aussicht. An der Düsseldorfer Akademie wurde
nun eine Konkurreuz ausgeschrieben. Drei junge Künst-
ler reichten Skizzen ein. Alle drei hatten von den
Borwürfen, die Herr Ruhr zur Auswahl gestellt,
„Dürers Bewirtung durch die Antwerpener Künstler"
gewählt. Das Direktorium der Akademie, welches sich
durch die Hinzuziehuug der Professoren v. Gebhardt
und Deger zu einer Kommission erweitert hatte, ent-
schied zu Gunsten des von Fritz Stummel gemalten
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