Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Aus dem Bistum Zeitz-Naumburg.

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tianischen Zeit etwa von der Terraffe der Caracalla-
thermen geboten haben mag. Die sechs Säulen und
die zwei ihre Folge abgrenzenden Anfangs- und End-
pilaster gliederten das mit ungcmciner Kunst komponirte
Campagnabild in drei große und vicr klcinere Abschnittc.

Unter den kleineren Jntervallen wies der Abschnitt
ganz links (zwischen dem Pilaster und der ersten Säule)
dasjenige auf, was wir von den Baulichkciten des
-Sndteils des alten Roms kcnnen, die altehrwürdige
Mauer der Königszeit, das UnosUnrn insAnnni, eincn
korinthisch gesäulten Rundban, deffen Stelle heute wahr-
scheinlich S. Stefano rotondo einnimmt, und den Zweig-
aquädnkt, mittelst dcffcn Nero seine Palatinischcn
Bauten mit Wasser versorgte. Wciter entsernt erschiencn
die waldigen Höhen des Esquilin mit den Titusthermen.
Die Ausläufer dieses Hügels setzten sich in das erste
großräumige Bildfeld des Panorama's hinein fort; vor
ihnen erschien daselbst die mit größter Fülle an Archi-
tekturcn, Statucn und Fontäncn ausgestattete Villa der
s'aterani, hinter deren Anlagen die Agua Claudia uns
allmählich entschwand. Den Horizontschloß der Soracte
ab. Die zweite und dritte Säule faßten das kleine
Bild der Abzweigung einer zur Porta Metronia führen-
den Straße von der Via Appia, das Amphitheatrum
Castrense und die hellbeleuchtete Aqua Claudia, im
Hintergrunde der Monte Gennaro ein. Die Aqua
Claudia, welche als das Leitmotiv der Komposition
immer wieder hinter den Hügeln der Campagna sonnen-
durchglüht anfstrahlte, nahm mit dem ganzen, zwischen
der genannten Straße und der Via Latina liegenden
villengeschmückten Gebiet das zweite große Kapitel in
dcr Schildcrung der Campagna in Anspruch; über
sie hinweg ragten in weiter Ferne die Schroffen des
Sabiner Gebirges auf. Dann folgte — als eine der
herrlichsten Episoden zwischen den in echt historischer
Größe sich zeigenden Landschaften der großen Bild-
abteilungen — das Bild mit der Trennung der Via
Latina von der Appia; jene erreichte, unter den Gipfeln
immergrüner Eichen hindurch und von Grabdenkmälern
geleitet, die (nicht sichtbare) Porta Latina nnd tauchte
in der Campagna noch einmal nahe der Aqna Claudia
mit Erinnerungs- und Grabmälern auf. Auch das
Thal der Egeria (Caffarella) gehört in diesen Bereich.
Der waldumkränzte Abhang des Thales setzte sich in
dem großen Bildteile fort, welchen die fünfte und die
sechste Säule begrenzten: er zeigte die Via Appia so-
wohl innerhalb als auch außerhalb der Aurelianischen
Mauer mit ihren ragenden Denkmälern und verfolg-
bar bis zu den aus duftigster Ferne herübergrüßenden
Albaner Bergcn. Wie das Jdyll der Via Latina, so
war auch der letzte Abschnitt des Bildes (zwischen
sechster Säule und Pilaster rechts) von ausnahmsweise
hoher landschaftlicher Schönheit und Stimmung; über

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die Aurelianische Mauer hinweg sahen wir die Cam-
pagna und diese gan; in der Ferne begrenzt durch die
Ausläufer der Volsker Berge, welche sich vvn furcht-
barem Gewittersturm umtost und halb verhüllt zeigten.
Wnnderbar schön war der Gegensatz zwischen den tief
dunkcl getönten Waldabhängen des Albaner Gebirges
und dem Schroffen, Felsigen, Kahlen der Sabiner Ab-
stürze zur Geltung gebracht. Die wellige Hochebene,
welchc Vvn diesen Gebirgen nmkränzt wird, lag mit
Ausnnhme der dem See nahen Teile ebenfalls in klarer
Beleuchtung da, wie dcnn überhaupt die Farben-
stimmung eine in Reichtum und Harmonie selten
schöne war.

Jm vvrigcn Jahrc trascn wir in Neapel mehrere
Landslentc, die durch das Bild des Gvlss Vvn Jteapcl,
mit wclchcm Wilbcrg dcr FischereiauSstcllnng zn Berlin
(1879) hohe Anziehungskraft verliehen hatte, zur Fahrt
in die Gefilde des glücklichen Campaniens vcranlaßt
worden waren. Das Campagnabild des Malers über-
traf jenes noch an Größe der Komposition, an Farben-
reiz und Stimmung, sowie an Reichtum und Deli-
kateffe der Ausführnng. Wcnn 'es zur nochmaligen
Ausführung gelangt, so dürfen wir Rom und seiner
Campagna einen erheblichen Znwachs an Bewunderern
in Aussicht stcllen, deren Einführung in die Zauber
der Campagna ein Verdienst des Herrn Wilberg ge-
wesen sein wird.

E. Nibbach.

Aus dem Bistum Zeitz-Naumburg.

Die beiden interessantesten und ehrwürdigsten Bau-
denkmale hiesiger Gegend, der Naumburger Dom und
die alte Cisterzienserabtei Pforta haben in den letzten
Jahrzchntcn verständnis- und pietätvolle Restanra-
tivns- rcsp. Ergänzungsarbeitcn erfahrcn, dic noch
nicht abgeschlossen sind. Jn Schulpfvrta ist der Ban
der neuen Aula der Vollendung jnahe. Dieser von
Schäfer entworfene, von dem Bauinspcktor Blau
geleitete Saalban schließt sich im Äußeren an die
Architektur der südöstlich daneben stehenden frühgoti-
schen Kirche an. Das Jnnere, ein Rechteck von etwa
14X18 m, crhält reichen vrnnmentalcn und polychrvmen
Schmuck, und bildet einen der gelungensten Versuche,
die gotische Dekorationsweise bei uns einzubürgern
und mvdernen Ansprüchen dienstbar zu machen. Eine
Absvnderlichkcit sreilich soll nicht unerwähnt bleiben,
welche vermutlich durch einen Machtspruch der Bau-
herren dem begabten erfindenden Architekten in sein
Bauprogramm hineinoktroyirt worden ist. Die Ver-
mittelung zwischen den Konsolen und dem Gebälk der
flachen Decke bilden acht männliche Figuren in vollem
Relies, welche die Typen dcr an der Anstalt thätigen
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