Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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WUbergs Grmülde für die Hygienische Ausftellung zu Berliin

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aus ihren ersten Gründen herleiten" müffen: dann
hätten seine Untersuchungen in Wahrheit „Lavkoon-
studien" werden können. Er hätte dabei vor allen
Dingcn jene Lessingsche Unparteilichkeit sich bewahren
müssen, welche die Dinge ergründet, nicht aber mit
einem „es wäre besser" verurteilt, wie sie Lessing
auch in der Frage nach der Berechtigung der Allegorie
beweist, wenn er in einer von dem Verfasser für
Lessings Urteil Uber die Allegorie nicht in Betracht ge-
zogenen Stelle im Laokoon, nachdem er dnrchgeführt
hat, daß die Geschichte des Scepters des Agamcmnon
„als die vollkommenste Allegorie von dem Ursprung,
dem Fortgange, der Befestigung und endlichen Bcerb-
folgung der königlichen Gewalt unter den Menschen",
vielleicht einmal habe bewundert werden können, hin-
zufügt: „Jch würde lächeln, ich würde aber demunge-
achtet in meiner Achtung für den Dichter bestärkt
werden, dem man sv vieles leihen kann".

So aber verdienen Blümners Untersnchungen
diesen Namen nur, insofern sie ihre Anregung im
Studium von Lessings Laokvon gcfnndcn haben. Da
der Titel aber notwendig den Gedanken erwecken
muß, als fände man hier Studien im Geiste Lessings,
so ist er ein falscher, nnd sür den Verfasser ein wenig
glücklicher. Er ruft für seine Untersuchungen einen
Maßstab auf, der auf seine Arbeit nicht paßt: bei ihm
ist Hauptsache was für Lessing nur Beihilfe ist — die
kunsthistorische Betrachtung; bei ihm ist Nebensache
was bei Lessing Hauptsache ist: Entwickelung der Frage
aus ihren ersten Gründen mit Hilfe der Schärfe des
Denkens und der Klarheit der Anschauung. Dies ist um
so bedauerlicher, als der Gegenstand in der That einer
Herleitung aus den ersten Grllnden bedürftig ist und
eine Klärung der Begrisfe für die gerechte Beurteilung
von Kunstwerken, vielleicht auch für die praktische Aus-
führung von seiten der KUnstler verlangt, ganz abge-
sehen von der Wichtigkeit svlcher Fragen für die Ästhetik
selbst, welche einer selbständigeren Behandlung als der
einer Hilfswissenschaft wert ist. V. V.

Wilbergs Gemälde

ksygienische Ausstellung zu Berlin.

Jn der durch Brand zerstörten Hpgienischeu Aus-
stellung, deren Eröffnung für den 16. Mai in Aus-
sicht genommen war, sind auch zwei von Chr. Wilberg
ausgeführte große Gemälde mit zu Grunde gegangen,
welche die Thermen des Caracalla und die Campagna
di Roma darstellten. Der Künstler arbeitete eben noch
daran, als der Brand ausbrach und konnte zum Glück
wenigstens die Mappen mit seinen Studien und Ölskizzen

zu den Gemälden retten. Wir sind in der Lage, den
Lesern eine Beschreibung der Werke zu bieten, welche
unmittelbar vor der Katastrophe abgefaßt und uns
eingesendet wurde. Am Wortlaute des Berichts wurde
nur überall die gegenwärtige Zeit in die vergangene
verwandelt. Mvge die Zukunft diesen Wechsel wieder
gut machen, indem sie in dem neuen Ausstellungs-
raum auch Wilbergs hochinteressante Schöpfungen
wieder erstehen läßt! Der Bericht lautet:

Dem riesigen, von Süd nach Nord streichenden
Mittelsaale des äußerst geschickt in den durch dcn Lehrtcr
Bahnhof und die Stadtbahn begrenzten Raum disponir-
ten Hauptgebäudes lag an der Nordseite eine Apsis
Vvr, welche sich, niedriger als das Mittelschiff des
Langbaues, in der Breite desselben öffnete und deren
Eingang zwei riesige, von hohem Sockel ausstrebende
Säulen flankirten, die mit korinthisirenden Kapitälen ein
reich gegliedertes Gebälk trugen, von dem ein tempel-
artigcr Giebel aufstieg. Eine Art Vorhalle bildete sich
zwischen diesen beiden steinfarbenen Säulen; in ihr
stehend, erblickten wir geradeaus den säulen- und dra-
periegeschmückten Eingang zu dem Raum des Cam-
pagnabildes, seitwärts aber, und zwar durch kleine
Vorräume hindurch, welche mit Wafferanlagen, Dra-
perien und Blattpflanzcn reich dekorirt waren, rechts
die Außenansicht dcr Thermen des Caracalla, links
die Ansicht des Tepidariums derselben, nach Maßgabe
der Rekonstruktion durch Blouet und Canina. Nament-
lich die Tepidariumansicht war glanzvoll in der Wieder-
gabe des Raumes, niit dem kühnen Gewölbe und der
Marmorpracht der Dekoration. Das würde noch mehr
zur Wirkung komnicn, wenn der Rundbogen, durch
welchen man das Diorama erblickte, nicht so klein an-
gclegt wäre. Das andere Bild gewährte einen Blick
von außen her auf das Caldarium der Caracallather-
mcu, auf einige Kompartimente des sich anschließenden
Langbaues und den großen Hofraum mit seinen Säulen-
hallen, den Springbrunnen und den köstlichen Blumen-
und Baumgruppen.

Wenn man das in der Tiefe dieses vorhallen-
artigen Raumes durch kleinere Säulen gebildete Portal
durchschritt, so umfing uns ein in der Farbe des
Fiatto antieo erstrahlender halbkreisförmiger Raum,
von Nischen belebt, in welchem die Statuen des Äskulap
und der Hygieia aufgestellt waren; nach der Scite des
Bildes hin war derselbe mit einer der Rundung folgen-
den mosaizirten Treppenanlage siir das Publikum abge-
grenzt; anf der obersten Stufe standen sechs Säulen,
von deren Gebälk ein purpurnes, von Goldschnüren
aufgenommenes Gezelt emporstrebte.

Das hier aufgestellte und an Ort und Stelle
gemalte Panorama eröffnete einen Blick auf die Cam-
pagna Roms, wie er sich den Genoffen der Diokle-
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