Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Aus dem Germanischen Museum

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Bohnstedt ist nur dadurch zustande gekommen, daß fünf
Stimmen, von denen vier sür den Gotiker Scott, eine
für Mylius und Blnntschli votirt hatten, schließlich zu
Bohnstedt übergingen, weil unter allen Umständen eine
Entscheidung herbeigeführt werden sollte. Diejenigen,
welche den Vorgängen im Schoße der Jury damals
näher standen, behaupten, daß die fünf disientirenden
Stimmen schließlich nur deshalb für Bohnstedt abge-
geben wurden, damit kein Architekt der Berliner Schule
den Sieg davon trüge. Mit zweiten Preisen wnrden
bedacht der Engländer Scott, der inzwischen verstorben
ist, die Berliner Ende und Böckmann, Kayser und
von Großheim und Mylius nnd Bluntschli in Frank-
fnrt a. Main.*)

Ästhetisch und technisch zu motiviren war das
Votum zu Gnnsten Bohnstedts nur durch die Fasiade,
da die Disposition der inneren Räume an schweren
Mängeln litt, die niemandem verborgen bleiben konnten.
Man weiß, welch einen hohen Wert die Herren Par-
lamentarier aber gerade auf die praktische Anordnung
des Jnnern legen, und schon aus diesem Grunde würde
man vorsichtiger handeln, wenn man sich nicht so ohne
weiteres mit gebundenen Händen an Bohnstedt aus-
lieferte. Aber selbst seine Fasiade begegnet, so schön
und malerisch wirksam sie an und für sich ist, leb-
haften Bedenken. Einmal hat sie nicht einen Zug, der
darauf schließen läßt, daß sich hinter ihr eine Behörde
von imposanter Machtvollkommenheit, eine gesetzgebende
Körperschaft, verbirgt. Man hat sie nicht unpassend
mit einem Orangeriegebäude verglichen. Dann aber
würde sie im Hinblick auf die gewaltigen Dimensionen
des Königsplatzes, dessen Ostseite das Gebäude in seiner
ganzen Breite einnehmen soll, nur eine sehr geringe
monumentale Wirkung ausüben. Man denkt sich hier
ein Gebäude von lebendiger Gruppirung, welches die
Aufgabe hat, nach allen vier Seiten zu wirken und
seine Umgebung weit zu Uberragen, gleichsam als Sym-
bol der Gesetzgebung, welche über das Wohl des ganzen
Reiches zu wachen hat, nicht eine Kolonnadenfassade mit
Eckpavillons und Triumphbogen in derMilte, welche sich
mehr sür den Charakter eines Ausstellungs- oder Fest-
gebäudes ü laTrokadexopalast eignet. Zudem hatBohn-
stedt in der Zwischenzeit keine Gelegenheit gehabt, seine
Begabung für große Monumentalbauten unzweideutig
nachzuweisen. Wohl aber hat er eine Fruchtbarkeit des
Schaffens entfaltet, unter welcher die feine und gedie-
gene Ausführung des Details oft genug gelitten hat.

Diese Thatsachen sind in den Kreisen der Archi-
tekten nicht unbekannt, und untcr solchen Umständen
blickt man mit begrciflicher Sorge nnd Spannung auf
die Entscheidung der Kommission. Die allgemeine
Strömung ist unzweifelhaft für eine neue Konkurrenz.

') S. Zeitschrift f. b. K., Vtl., S. 279.

Nur fragt es sich, ob dieselbe auf alle Architekten
Deutschlands auszudehnen oder ob sie auf die Sieger
in der ersten Konkurrenz zu beschränken ist. Da von
den letzteren Scott inzwischen gestorben ist, bleiben
außer Bohnstedt nnr noch vier Bewerber übrig. Bon
diesen vieren dürste aber auch die Beteiligung der Firma
Ende und Böckmann zweifelhaft sein, da Ende von
der Regierung in die Kommisfion berufen worden ist.
Es dürfte sich demnach am Ende empfehlen, noch einige
deutsche Architekten, die sich im Laufe des letzten Jahr-
zehnts bewährt haben, hinzuzuziehen, vielleicht von
Berlinern Orth, Raschdorff, Kyllmann und Heyden,
Ebe und Benda, Schmieden, von Süddeutschen Ro-
bert Reinhardt, Gnauth, v. LeinS. Eine solche engere
Konkurrenz würde jedenfalls schneller zum Ziele führen
als eine allgemeine, gegen welche übrigens unter
den hervorragendsten Architekten Deutschlands nach den
trüben Erfahrungen, die ihnen das Konkurrenzwesen
eingebracht hat, eine entschiedene Abneigung herrscht.

Für die ganze Entwickelung unserer Architektur und
für ihre Leistungsfähigkeit ist diese Bauaufgabe von
unendlicher Wichtigkeit. Es wird demnach Sache
der Kommission sein, sich nicht mit dem Vorhandenen
zu begnügen, sondern mit allen Kräften nach dem
Besten zu streben, was überhaupt zu erreichen ist.
Und das ist nur auf dem Wege einer neuen Konkurrenz
zu erlangen, da unsere Architektur sich gerade im letzten
Jahrzehnt so rapid nach aufwärts entwickelt hat, daß
aus der Anspannung aller oder doch der besten Geister
ein schönes Ergebnis mit Sicherheit erwartet wer-
den dars. Adolf Rosenberg.

Aus dem Germanischen Museum.

Nürnberg, im Dezember 1881.

Der Direktor des Germanischen Museums ver-
sendet soeben ein Rundschreiben, in welchem er die Mit-
teilung macht, daß die Räume sür definitive Aufstel-
lung einer umfassenden, systematisch geordneten Samm-
lung von Gipsabgüssen deutscher Skulpturen zum
größten Teil nun cndlich beschafft sind, und daß es
jetzt seine Aufgabe sei, die Geschichte der monumen-
talen Plastik von der ältesten Zeit bis auf die Gegen-
wart durch Aufstellung einer lehrreichen Serie der
wichtigsten Skulpturen zur Anschanung zu bringen.
Einen Teil dieser Abgüsse, meist Geschenke wohlwollen-
der Gönner der Anstalt, besitzt das Museum bereits.
Doch fehlt noch viel an größeren wie kleineren Werken zur
Vervollständigung dieser Sammlung. Da das Mnseum
die dafür nötigen Mittel nicht besitzt, wendet der Direk-
tor sich abermals an die deutsche Nation, welche das
Museum bisher mit so großem Jnteresse begleitet hat,
und bittet hochstehendc und wohlwollende Kunstsreunde,
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