Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Nekrologe,

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und derselbe macht eine vortreffliche Wirkung. Als
Grundfarben, von denen sich die Ranken abheben, und
die auch sonst als Folie der vortretenden Teile dienen,
wurden Rot, Blauschwarz und ein helleres Blau ange-
wendet. Die unbekleideten Körperteile der Figuren
sind in Fleischfarbe gehalten, die stch namentlich
bei den kleinen Gestalten des Frieses lebhaft gelteud
macht. Aber die Hauptmasse des Rahmens und seiner
gesamten bildnerischen und ornamentalen Ausstattung
ist vergoldet; und es zeigt sich, daß diese ebenso ge-
diegen wie glanzvoll wirkende Masse von Gold so
notwendig zn dem Bilde gehört, daß dessen ganze
farbige Anlage erst ihre Erklärung findet, wenn man
die Malerei in dem Rahmen sieht. Die frischen, hellen
Farben, das viele Gold im Kostüm der Figuren: alles
bekommt erst durch die Umrahmung seinen Abschluß
und seine Berechtigung. Man kann sich, nachdem man
das Werk so in seiner ursprünglichen Totalität vor
sich sieht, gar nicht vorstellen, daß eine Zeit, in welcher
doch das Verständnis und die Wertschätzung Dürers
uoch durchaus nicht ausgestorben waren, so barbarisch
hat denken und handeln können, wie diejenige, in welcher
diesc Perle aus ihrem Geschmeide herausgelöst wurde.
Und man fühlt sich-in Erinnerung daran zu um so leb-
hafterem Danke gegen die kunstverständige Behörde
verpflichtet, welche das Zerstörungswerk nach Kräften
wieder gut zu machen wußte. Unter den Männcrn,
die dazu freundlich mitgeholfen haben, wird uns mit
in erster Anie Direktor A. Essenwein genannt, welcher
die Erlaubnis, den Originalrahmen kopiren zu lassen,
vom Nürnberger Magistrat erwirkte und dcn Bild-
hauer Geiger für die Arbeit empfahl.

Wie wir hören, wird dieses nicht das einzige
Werk bleiben, welches im neuen Wiener Hofmuseum
eine solche stilgerechte Einfassung und demgemäß natür-
lich auch eine abgesonderte Aufstellung erhalten soll.
Unter anderem ist etwas Ähnliches dem Altar des heil.
Jldefons von Rubens und der Madonna im Grünen
von Raffael zugedacht. Mit dieseni Gedankeu kommt
man nicht nur den künstlerischen Anforderungcn ent-
gcgen, welche bei dcr Aufstellung der Museen zu be-
rücksichtigen sind, sondern man handelt so zugleich im
wahren Sinne geschichtlicher Wissenschaft. L.

Nekrologe.

Hcnry Adric» PrSvost dc Longvöricr, dessen Tod
am 14. Jannar nach dreimonatlicher schwerer Krank-
heit zu Paris erfolgte, war ebendaselbst am 21. Sept.
1816 geboren. Seit früher Jugend wies ihn seine
Neigung zu archäologischen, insbesondere numismati-
schen Studien hin, in welchen er durch ein ihm eigenes
angeborenes Geschick, man könnte fast sagen eine Art
wissenschastlicher Jntuition, überaus gefördert wurde.

Schon im Jahre 1835 finden wir ihn als Assistenten
am Medaillenkabinet der Nationalbibliothek, und zwei
Jahre darauf erwirbt er durch seinen „Lssai sur lss
insckaillss äss rois xsrsss äa 1a äzinastis 8s.88aniäs"
die Mitgliedschaft 'der „Looiötö äss antignairss äs
b'rs.nos". Jm Jahre 1847 ward er an Stelle Dubois'
als Konservator des ägyptischen Museums ans Louvre-
museum berufen, trat aber bald daraufin derselben Eigen-
schaft zur Abteilung der Antiken über, wo er nicht nur
Gelegenheit fand, seine ausgedehnten archäologischen
Kenntnisse beim Ordnen und Katalogisiren zu bewähren,
sondern auch die damals im Entstehen begriffene assy-
rische Abteilung durch die Resultate der Ausgrabungen
Botta's und Victor Place's in Niniveh und Khorsa-
bad, die zu nicht geringem Teile seiner Jnitiative zu-
zuschreiben sind, in ausnehmender Weise zu bereichern.
Bei Begründung des Kaiserreichs ward er an die Spitze
der Administratioii der schönen Künste gestellt, eine
Stellung die, wie sie einesteils seinen rein wissenschaft-
lichen Tendenzen und Neigungen wenig entsprach, ihm
andererseits manche Anfeindung eintrug, ohne jedoch
seinen Ruf als Gelehrter mindern zu können, Jm
Jahre 1854 ward er zum Mitgliede der ^ssäslliis
äss Insoriptions gewählt. Die litterarische Thätigkeit
Longpöriers war eine ausgebreitete, doch ist sie, der
Natur ihrer Gegenstände nach, die den Spezialgebieten
der Numismatik, Jnschriften- und Denkmälerkunde des
Orients und der Antike angehören, zumeist in Fachzeit-
schriften, dem L,tkisllg.srnn trsnyg.i8, der Rsvns äs
HumisNrstiglls, die er von 1856—1874 leitete, der
Itsvus sreliöoloAigus, Rsvus orisntals, dem äollrns.1
ssiaticills u. a. m. zerstreut geblieben, ohne daß bis-
her eine Sammlung oder Auswahl seiner Abhand-
lungen veranstaltet worden wäre. An selbständigen
Schristen erschienen von ihm, außer den schon oben
erwähnten und einigen systematischen numismatischen
Katalogen, jener der antiken Bronzen des Louvre
(blotios äss bronrss a.ntigllS8, 1850), ein kleines
Meisterwerk in seiner Art, die »Rlllliisingtiglls äss rois
L,r8aoiäös" (1854) und das unvollendet gebliebene
Prachtwerk über die antiken Monumente des „ülusös
Xs.xo1öoll III." (Paris 1854 ff.). Zuletzt trat er noch
bei Gelegenheit der letzten Pariser Ausstellung in die
Öffentlichkeit, indem er, als Präsident der betreffenden
Kommissivn, an der Organisation der retrospektiven
Ausstellung des Trocadero den lebhaftesten und vom
schönsten Erfolge gekrönten Anteil nahm und aus diesem
Anlaß zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde.
Die Archäologie verliert in ihm einen ihrer Meister,
dessen Autorität und wisscnschaftlicher Ruf, gegrüudet
auf eine Sicherheit des Blicks und eine Detailkenntnis
ohne Gleichen, weit über die Grenzen seines Vater-
landes hinausreichte. Wenige kamen ihm in Bezug auf
numismatisches Wissen gleich; es erstreckte sich dieses
gleichmäßig über die antike, orientalische und die ver-
schiedensten Zweige der mittelalterlichen Münzkundc.
Jn gleichem Maße beherrschte er die klassische Archäo-
logie und die Kenntnis der orientalischen Altertiimer;
er war einer der ersten, die sich (seit 1847). mit der
Entzifferung der assyrischen Keilinschriften mit Erfolg
beschästigten, uud seine letzte Arbeit war die Redaktion
des die Münzkunde behandelnden Bandes des Oorpns
Inssriptionllll! 8sillitios.rllin. Noch aus seinem Toden-
bette feierte seine seltene Jntuition einen letzten Triumph,
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