Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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1?. Iahrganq.
Beiträge

sind an ssrof. Dr. L. von
Lützow (Wien, There-

die verlagshandlung in
teipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

s. December

Nr. 7.
Inserate

d 25 j^f. für die drei
Mal gespaltene j)etit-

,88s.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Das Aorträt Moretts in der Dresdener Galerie.

Die Dresdener Gcilerie hat es iiber sich ergehen
lassen müssen, eine ihrer Zierden» die berühmte Madonna
des BUrgermeisters Meyer, als Originalwerl Holbeins
durch die grausame Kritik angefochten, ja zu Boden
gestreckt zu sehen: nun droht einem zweiten Haupt-
werke der Sammlung ein ähnliches Schicksal, dem
schönen Bildnis des Morett, welches bekanntlich von
Rumohr unter allseitiger Zustimmung dem jüngeren
Holbcin zuerkannt und seit Quandt (Kunstblatt 1846,
Nr. 9) von sämtlichen Forschern für das Porträt
von Mr. Hubert Morett, Goldschmied des Königs
Heinrich VIII. vou England, gehalten wurde. Herr
S. Larpeut in Christiania ist diesmal der Attentäter,
— nach dem schnöden Lermolieff nun schon der zweite
nordische Barbar binnen Jahressrist, dcr sich gegen die
heilige Dresdener Tradition auflehnt! Jn einer fran-
zösisch geschriebenen Broschüre*) bestreitet er zunächst
die von Quandt ausgestellte These, daß wir hicr den
Goldschmied Hubert Morett vor Augen haben, und will
es auch in Zweifel ziehen, daß dieser Morett, wie man
Rumohr geglaubt hat, von Holbein gemalt sei.

Der Angriff Larpents auf den Goldschmicd wird
schwer zu pariren sein. Der Autor geht von der Ge-
samterscheinnng des Dargestellten aus: „Die Physiog-
nomie, sagt cr — die Haltung, das Kostüm, alles
schemt mir für einen Edelmann, ja einen Fürsten zu
sprechen". Wie das Bildnis eines cnglischen Hand-

*) 8nr Is xorlrs.it cks Norstt üans Is dslsris cls
Orsscls. Ltiristianis, liiixs. äe I'ürsnssn st Ois. 1881. 8.

werkers oder Künstlers vom Anfang des 16. Jahr-
hunderts sieht der Mann nicht aus. Die Bezeichnung
als Goldschmied stützt sich auf die Annahme, daß der
„Mr. Morett" auf dem bekanntcn Blättchen von W.
Hollar, welches eine ähnliche Physiognomie zeigt, iden-
tisch sei mit einem gewissen Hubert Morctt, welchen
die Rechnungsbücher Heinrichs VIII. (x. u. 1532)
„IsvsUsr" nennen (Woltmann, Holbein, 2. Aufl. I,
S. 427 sf.), und ferner aus die Behauptung, daß der
kleine Hollarsche Stich nach der schönen, ebenfalls iu
der Dresdcner Galerie befindlichen Handzeichnnng an-
gcfertigt sei, die man allgeinein für Holbeins Original-
zeichnung zu dem Ölbilde hält.

Aber, meint Larpent, es können ja damals doch
auch andere Leute des Namens Morett existirt haben;
so findet man z. B. in dem Auktionskatalog der Hand-
zeichnungensammlung Jon. Richardsons (1746—1747)
unter Nr. 46 erwähnt: ,,0ns Holbein, 8isur 6s Norst,
ons ok tlio I'rsnoli Iic>8taA(Z in Vn^lunä". Die eng-
lische und französische Memoiren- und Lokalgeschichts-
litteratnr gewährt über diesen „8ionr cks Llorst" hin-
reichende Aufschlüsse. Sein voller Name lautet „Oüur-
los äs 8olior, 8isnr (oder Oomts) äs Vlorstts". Er
war aus einer piemontesischen Faniilie 1480 in Frank-
reich geborcn, wird zuerst untcr Karl VIII. von
Frankreich als Edelknabe genannt, nimmt dann glor-
reichcn Anteil an dem Zuge Franz' I. Uber dic Alpen,
fungirte darauf als Gesandter dieses Monarchen am
Hofe Heinrichs VIII. von England, sowie später bei
Karl V. und bci der Curie, befehligte eine Zeitlang
die französischc Flotte, diente auch unter Kvnig Hein-
rich II. noch in hoher Stellung und starb in Paris
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