Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Der Verkauf der Paul'schen Sammlung in Hamburg.

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heutigen Jugend ebmsv geläusig gemacht werde, wie
der des Guteu, denn beide sind verwandten Ursprungs
und müssen sich gegenscitig ergänzen.

Nach den zahlreichen Niederlagen, welche die
deutsche Kunstindustrie auf den frühercn Weltaus-
stellungen ertitteu hat, wäre es gewiß Aufgabe der
Schnle gewesen, sofvrt dem künstlerischen Elemcnt ein
erweitertes Feld im Lehrplan einzuräumen, uni so dem
Übcl von Grund aus zu begegncn. Aber des Guten
ist in dieser Richtung noch nicht zuviel geschehen. Wie
anders haben dagegcu England und Österreich die
früher gemachten Erfahrungen sofort zu ihrem Vorteil
benutzt! Einst sah man in Deutschland und sieht man
hier zum Teil noch in den Zuständen Englands die
unerreichten Muster praktischer Vollkommenheit, und
man ahmte sie sovicl wie möglich nach. Warum nehmen
wir uns nicht auch die Kunstpflege der Engländer zum
Muster? Oder hätten diese etwa Plötzlich aufgehört,
„praktisch" zu sein, indem sie aller Orteu Kunst-
schulen gründeten? Es ist erstaunlich, welche Dimen-
sionen der Uuterricht in kunstgewerblichen Fächern seit
mehr als einem Vierteljahrhundert in England und
ebcnso in Österreich genommen hat. Man hat dort
eingesehen, daß kein Kapital besser angewendet ist als
dasjenige, welches für die künstlerische Ausbildung des
Handwerkers ausgegeben wird, dessen Leistungen, wie
die Statistik lehrt, um so ertragsfähiger werden, je
mehr sie dem gutcn Geschmack entsprcchcu. Die idealc
Bedeutung der Kunst bleibt ja von dieser praktischen
Rücksicht völlig unangefochten.

Vor allem wäre es nötig, schon an den Seminarien
den künftigen Volksschullehrer in eine gründliche Methode
des Zeichenunterrichtes einzuführen. Der Zeichenunter-
richt muß von dem planlosen Dilettantismus befreit
werden, wie man ihn in niedereu und hvheren Schul-
uud Erziehungsanstalten uvch so oft antrifft, meist eine
Folge davon, daß man mittelmäßige Künstler immer
noch für gut genug hielt, um sie als Zeichenlehrer an
Schulcn zu beschäftigen. Gründliche und einheitliche
Mcthvde ist aber auch in diesem Untcrrichtszweigc un-
umgänglich notwcndig, dessen Pflege wesentlich auch
dazu dienen soll, das Studium der jetzt überall im Ent-
stehen begriffenen kunstgewerblichen Vorbildersammlungen
erst fruchtbar zu machen. Aufgabe der gewerblichen
Zcichenschulen ist es, im Anschluß an jene Samm-
lungcn die Verbindung des Zeichenunterrichtes mit den
verschiedenen Jndustriezweigen anzubahneu. Die Volks-
schule aber soll bis zu einem gewissen Grad schon eine
Vorbildung sllr jcnc Anstaltcn gebcn. Hat sie doch
die Ausgabe, den Mcnschen zu seinem natürlichsten Be-
ruf, dem der Arbeit, im weitesten Sinn des Wortes,
hinzuführen.

Kassel.

Dcr vcrkauf dcr Paul'schcu Sammluiig in
Hamburg.

Als im Jahre 1847 das „Kunstmuseum" des Ham-
burgischeu Oberaltcn Pcter Friedrich Röding versteigert
werdcn sollte, schloß der Verfasser dcs Katalvges, dcrselbe
Erust Harzcn, wclcher spätcr seine eigenc kostbare Kupfcr-
stichsanimlung der Hamburgischcn Kunsthalle vcrniacht hat,
sein Vvrwvrt mit dem Schmcrzensruf: „ES ist die letztc
Sammlung diescr Art von vielen, deren Berlust dcr Patrivt
zu beklagcn hat." „NödiugS Museum" wurdc vor völli-
ger Zersplitteruug nicht belvahrt, es gab damals iu Ham-
burg noch kcine öffentliche Sammlung kunstgewerblicher
Altertümer. Noch 30 Jahre verflvssen, ehe das jetzige
„Muscum für Kunst uud Gcwcrbe" zur Staatsaustalt
crhobcu ward. Wie aber die Strömung der Zeit schou
Jahre vvr diescin Zcitpnukte zu dicscr Grüuduug hiu-
gedrängt hatte, so war inzwischen auch die Sammellust
der Hamburgcr Ivieder erwacht, und an Stclle dcr anf-
gelösten alten waren mehrere junge Sammlungen er-
standen, wclche an Reichtum des Juhalts hintcr jeuen
nicht zurückstehen, an geschmackvoller und tvissenschaftlich
dnrchdachter Zusamincnsetzung sie wahrschcinlich übcr-
treffcn. Die bedeutendste dieser jüngeren Sammlungen
ist die von Herrn Johanncs Paul vereiuigte; sie wird
am 10. bis 24. Oktvbcr durch die Herren I. M- Hebcrle
(H. Lempertz' Söhne) in Köln versteigert werden. Wie
hoch dcr Wcrt dicser Sammlung in Hamburg selbst ge-
schätzt wird, crhellt daraus, daß Scuat uud Bürgerschast
unlängst eine außerordentliche Bcwilliguug vou 50 000 Mk.
beschlossen haben, damit unscr Museum für Kunst und
Gcwerbe eine Anzahl der besten Stücke auf der Versteige-
rung ankausen könne. Daß mit dieser Summe keine
sehr erhebliche Anzahl von den 1544 Nummern der
Paulscheu Sammlung für Hamburg zu rctten ist, wird
jcdcr zugcbcn, wclcher den fabelhaften Snmnien.gefolgt
ist, zu welchen sich in letzter Zeit die Preise wirklich
ausgezeichneter Stücke auf den Auktivnen aufznschwingcn
pflegen. Vor 35 Jahrcn hätte weuiger als dic Hälfte
jcner Summe hingcreicht, um die ganze kunstgcwerblichc
Abteilung vvn Rödings Museum — 1570 Nunimeru —
zusammenzuhalten!

Fachmännern und Kunstfreunden, wclche in dcn
letzten Jahren Hambnrg besuchten, Ivird dic Paul'sche
Sammlung als einc der ivertvollsten bekanut seiu, welche
ein deutscher Privatmann in unseren Tagen vereinigt hat.
Vergleichen wir sie mit den bedeutendsten Sammlungen,
welche in unseren Tagen auf den Kölner Auktiouen zer-
splittert worden sind, mit dcr 1877 versteigertcn Sainm-
luug Garthe uud der im Vvrigen Jahr unter den
Hammer gebrachten Saminlung Disch, so übertrifst ihr
Bestand durch die Mannigfaltigkeit seiner technischen
nnd geschichtlichen Gruppen, durch die von wissenschaft-

G. Wittmer.
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