Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstgewerbliche Unterrichts- und Organisations-Fragen.

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rufen, dieses schwierige Problem zu lösen. Das Prinzip
der Jndividualisation ist den deutschen Stämmen ties
eingeprägt, zugleich aber auch das Streben nach Ein-
heit. Erst aus der vollen Vermittelung dieser Gegen-
sätze, aus der vollendeten Harmonie ihrer centrifugalen
und centripetalen Kräfte wird die ganze Größe unserer
Nation hervorgehen. Das war ja eben der einzige
Segen der staatlichen Zersplitterung Deutschlands, daß
damit hunderte von Kultnrguellen erschlossen waren.
Jndem wir aber nun zur Einheit gelangt sind, sollen
diese darum nicht versiegen, im Gegenteil nun um so
reichlicher flicßen. Das neue Reich hat ein weites
Arbeitsfeld geschaffen, auf welchem jedes edle Streben
seine Schwingen frei entfalten kann, und derjenige
macht sich des Geschenkes der nationalen Einheit am
würdigsten, der von der Freiheit zum Schaffen und
Arbeiten darin den weitgehendsten Gebrauch macht.
Deutschlands nationale Aufgaben sind mit seinen poli-
tischen Fragen noch nicht alle gelöst, es bleiben noch
zahlreiche andere zu lösen. Besonders aber auf dem
Gebiet der Kunst scheint es uns Beruf aller deutschen
Stämme zu sein, regen Anteil zu nehmen und so in
cinem bestimmenden Einfluß auf das deutsche Kultur-
leben reichlichen Ersatz für das zu gewinnen, was sie
etwa an politischer Selbständigkeit eingebüßt haben.

Aber nicht nur in den hier angedeuteten allge-
meinen Beziehungen, sondern auch in Rücksicht auf
die der künstlerischen Ausbildung dienenden praktischen
Anstalten, Sammlungen und Schulen, ist streng die
Mitte zu halten zwischen Centralisation und Decen-
tralisation, d. h. jene dürfen ihre Thätigkeit nicht ein-
seitig auf die großen Städte beschränken, wenngleich
sie hier ihren vornehmsten Sitz finden, sondern in
zahlreichen organisch verbnndcnen Zweiganstaltcn müssen
sie dieselbe weit in das Land hinein ausdehnen. Denn
nicht immer die großen Städte, svnderu vielmehr die
ländlichen Bezirke sind es, welche die bei weitem größere
Anzahl der Talente hervorbringen; in den großen
Städtcn sinden sie, d. h. jenc wenigen, welchen dies
Glück zu teil wird, meist nur ihre Ausbildung. Auf
dem Lande aber fehlt es bei uns fast völlig an Ge-
legcnheit dazu. Da gilt es nun zunächst, durch Ein-
führung des Zeichenunterrichtes an sämtlichen Schulen
des Landes der Jugend bis zu einem gewissen Grade
eine kiinstlcrische Vorbildung zu geben. Die Kunstge-
schichte liefert zahlreiche Bcweise dafür, daß oft die
bedeutendsten Männer aus ländlichen und ärmlichen
Verhältnissen hervorgingen; wie bedeutend größer würde
ihre Zahl sein, wäre die Gelegenhcit, das Talent rccht-
zeitig zu wecken und zu bilden, nicht eine so überaus
seltene! Jst aber das Kontingent bedeutender Talente,
welche das Land, bezw. die kleineren Städte, für die
höheren Kunstgebiete stcllt, schon ein grvßes, so würde

noch mehr Gewinn für die kunstgewerblichen Fächer zu
erwarten sein, für welche ein allgemeineres Berständnis
vorauszusetzen und in der That auch eine gute Anlage
im dcutscheu Volk vorhanden ist. Nächst dem allge-
meinen Zeichenunterricht wären alsdann in den einzelnen
Kreis- und Provinzialstädten Fachschulen einzuführen
und periodische Musterausstellungen einzurichten, unter
Berücksichtignng der dort hauptsächlich vertretenen Jn-
dustrien. Manches ist in dieser Richtung von Seite des
Staates in neuerer Zeit geschehen, aber auch seitens
der städtischen und Provinzialbehörden wäre ein regeres
Jnteresse zu wünschen. Auch muß man die in manchen
Gegenden noch vorhandenen Spuren alter Hausindustrie
und Überreste einst blühender Jndustriezweige aufsuchen
und die Bedingungen für etwa neu einzuführende
erforschen. Haben nun die am weitesten vorgeschobenen
Zweiganstalten hauptsächlich Spezialitäten in Kunst
und Gewerbe zu Pflegen, den lokalen Verhältnissen und
Bedürfnissen entsprechend, so können die der Provinzial-
hauptstäde schon einen allgemeineren Charakter haben,
bis endlich das ganze System in den nach umfassen-
dem Plane anzulegenden Musteranstalten, wie sie nur
in den großen Städteu bestehen können, seinen Abschluß
findet. Alle diese Jnstitute müssen jedoch in lebendigem
Kontakt untereinander stehen, ein wechselseitiges Geben
und Nehmen von oben nach unten und wieder vom
Kleinsten bis zum Größten hinauf muß stattfinden.

Zur Erreichung der im Vorausgehenden aufge-
! stellten Ziele hat aber in erster Linie die Schule mit-
zuwirken, denn es ist klar, daß die Knnstthätigkeit nur
dann mit Erfolg geübt werden kann, wenn Sinne und
Organe fchon srühzeitig gebildet wurden. Es ist aber
hierbei nicht die Fachschule für künstlerische Ausbildung
allein in Bctracht zu ziehen, svndern anch, da es sich
um Heranziehung jener zahlreichen, im Verborgencn
keimenden, meist nicht zur Eutwickelung kommenden
Talente handelt, die Schule im allgemeinen. Einer
der größten Mängel der heutigen Schule ist der, daß
sie cinen schon in früher Kindheit hervortretendcn
Grundzug menschlicher Natur, den Schaffenstrieb, gänz-
lich außer Acht läßt und ihr höchstes Ziel erreicht zu
! haben glaubt, wenn sie den noch unentwickelten Geist
! möglichst früh mit positivem Wissen anfüllt. Sie ist
zu einseitig Lernschule, während sie mindestens ebenso
sehr Schule der Auschauung und Schule der Arbeit
sein sollte. Die besten Kräfte der Jugend, Phantasie
und Thätigkeitstrieb, bleiben in der heutigen Schule
ungenutzt, wäs ein dvppelter Nachteil ist, denn auch
^ das positive Wissen, auf welches der Nachdruck gelegt
! wird, bleibt unfruchtbar, wenn die geistige uud physische
Kraft der Jugend nicht in voller Harmonie geübt
und entwickelt wird. Mit Vvllem Recht kann man
! endlich verlangen, daß der Begriff des Schönen der
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