Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Korrespondenz aus Dresden.

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Aorrespondenz.

Dresden, im April 1882.

Das Königreich Sachsen gehörte zu den ersten
deutschen Staaten, deren Budgets einen Fonds für
öffentliche Kunstzwecke auszuweisen hatte. Jn dem
kurzen Zeitraum von 24 Jahrcn hat dieser Fonds eine
lange Reihc stattlichcr Knnstwerkc hervorgcrnsen und
anregend nnd fördernd auf unser vaterländisches Kunst-
leben eingewirkt; namentlich ist auch mittelst dieses
Fonds zahlreichen Kirchen, Schulen und anderen öffent-
lichen Bauwerken und Plätzen in Stadt und Land zn
einem würdigen, künstlerischen Schmuck verholfen wor-
den. Es besteht seit Gründung des Fonds die Ein-
richtung, daß von den auf Kosten desselben Hergestellten
Kunstwerken die mit der Ausführung beauftragten
Künstler jedesmal eine, bei Gemälden in ciner farbigen
Skizze, bei Bildhauerarbeiten in einer photographi-
schen Aufnahme bestehende Nachbildung mit abzu-
liefern haben. Auf diese Weise ist nach und nach eine
das Album des Kunstfonds bildende ansehnliche
nnd interessante Sammlung entstanden, welche nicht
nur einen Einblick in die Resultate des Fonds ge-
währt, sondern auch, und zwar in den höchsten
Aufgaben der Kunst, in der monumentalen Malerei
und Plastik, die neuere Geschichte unserer vaterländi-
schen Kunst illustrirt. Die Blätter dieses Albums
waren bis auf die jüngsten Arbeiten, Anton Dietrichs
trefflichc Kompositioncn sür das Zittaner Gymnasium
und den gesamten künstlerischen Schmuck für das neue
Hoftheater, kürzlich auf der Brühlschen Terrasse öffent-
lich ausgestellt und verfehlten nicht die Ausmerksamkeit
der Kunstfreunde zu fesieln.

Die Kunstvereinsausstellung bietet wenig,
der Dilettantismus Pflegt dort zu dominiren. Zu den
wenigen gelungeneren und anziehenderen Erscheinungen
der letzten Zeit gehörte ein größeres Gemälde von
Wenzel Schwarz, ein Abendmahl, welches Begabung
und ein recht anerkennenswertes, ernstes Streben be-
kundete; ferner ein gutes Kinderbildnis von Paul
Kießling. Ebenso sind nie ohne Vorzüge die Tier-
stücke Vvn A. Thiele, G. Hammer und S. Dahl,
wie die Landschaften vvn W. Schuch (Hannover)
welcher ein Prächtiges Abendbild ausgestellt hatte, von
A. Thvmas, R. Schuster, Jettel, A. Reinhardt
und einigen anderen. Auch das Andenken an den
unter Lem Namen Spreewald-Krüger vorteilhaft
bekannt gewordenen Landschaster wurde durch eine An-
zahl von Studien aus seinem Nachlaffe aufgefrischt.
Auf plastischem Gebiete sahen wir ein treffliches
Medaillonbildnis des verstorbenen Dichters Julius
Hammer, das Gustav Kietz im Austrage der Tiedge-
Stiftung ausgeführt, und außerdem war, in 28 plasti-

schen Entwürfen, das Ergebnis einer Konkurrenz
ausgestellt, welche die hiesige Herrmanns-Stiftuug aus-
gcschrieben hat. Zweck der Konkurrcnz ist die Be-
schaffung einer „anmutigen" Figur oder Gruppe in
Marmor für eincn Platz in den Bürgerwiesenanlagen.
Aber gcrade um das Element der Anmut war es in
den eingegangenen Entwürfen sehr schwach bestellt, und
überhaupt erwies sich die Phantasie unsererBildhauer der
Aufgabe gegenüber ziemlich spröde. Nur wenige Arbeiten
konnten bei der Preisverteilung in Betracht kommen.
Mit der Ausführung des Werkes wurde verdienter-
maßen H. Bäumer betraut, zwei Entwürfe von
G. Broßmann und Chr. Behrens wurden prämiirt;
ein sonst recht verdienstlicher Entwurf von H. Epler
hatte sich durch Nichtbeachtung des Programms selbst
kiors cko oonoonrs gestellt.

Noch brachte Ostern zwei Ausstellungen, eine
der Studien der Akademie der bildenden Künste
und eine der Schülerarbeiten der Kunstgewerbe-
schule, an welchen beiden Ausstellungen das Publi-
kum einen erfreulichen Anteil nahm. Erstere enthielt
recht gute Arbtiten, namentlich aus dem Malsaale und
den akademischen Ateliers. Mit dieser Ausstellung ist
eine Preisverteilung verbunden. Vier Bewerber hatten
sich für das große Reisestipendinm eingefunden. Letzteres
wurde einem Schüler von Pauwels, R. Böhm, zuer-
kannt, auf einGemälde: „Thusneldawird vonihremVater
Segestes dem römischen Feldherrn Germanicus über-
geben". Auch die dargelegten Bildungsresultate unserer
Kunstgewerbeschule waren sehr befriedigend. Gleich-
zeitig mit ihrer Ausstellung waren in dem zur Schule
gehörigen Kunstgewerbemusenm eine Anzahl von Arbeiten
exponirt, welche infolge eines Preisausschreibeus hiesi-
ger Jndustriellen eingegangen waren. Erste Preise er-
hielten Bildhauer G. Seiffert in Berlin, Muster-
zeichner O. Knnath in Wurzen, R.Dorschfeld und
die Architekten E. Fleischer und P. Naumann
hierselbst.

Es würde nicht nur ungalant, sondern auch
unbillig sein, wenn wir in nnserer Ausstellungsrevuc
die anmutige Exposition mit Stillschweigen. übergehen
wollten, in welcher der hiesige Frauen-Erwerbs-
Verein die Arbeiten aus seinen Fachschulen für Ge-
werbezeichnen, Porzellanmalen und Kunststicken vor-
sührt. Trefflich geleitet, hat der genannte Berein
bereits seit einigen Jahren eine ersprießliche Wirksam-
keit entwickelt, und seine Bestrebungen und Leistungen
verdienen alle Anerkennung.

Auf die besuchteste und größte Ausstellung, welche
gegenwärtig hier eröffnet worden ist, auf die Aus-
stellung der für die Albert-Lotterie angekauften
Kunstwerke, behalten wir uns vor in cinem besonderen
Artikel zurückzukommen. 6.
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