Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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479 Kunstlitteratur — Todesfälle. — Personalnachrichtsn. — Kunstvereine. — Sammlungen und Ausstellungen 480

Aunstlitteratur.

Von Overbecks Geschichte -er griechischen Plastik. dritte
Auflags, ist der vierte Halbband und damit der Schluß des
stattlichen Werkes in der HinrichsschenBuchhandlung in Leipzig
erschieneu.

Todesfälle.

Sir Henry Cole, der Gründer und ehemalige Direktor
des South-Kensington-Museums, ist am 18. April im Alter
vou 74 Jahren in London gestorben.

Ludwig Halauska, ein geschätzter Wiener Landschafts-
maler, ist am 29. April im 55. Lebensjahre einem längeren
Leiden erlegen.

Aonkurrenzen.

tt.At. Monmnentaler Brunnen für Lindau. Dis Künstler,
welche sich an der von der königl. bayer. Staatsregierung
ausgeschriebenen Konkurrenz für einen monumentalen
Brunnen auf dem Reichsplatze zu Lindau beteiligten,
haben dem Schiedsgerichte die Abgabe seines Gutachtens nicht
gerade schwer gemacht. Schon ein flüchtiger Gang durch
den Ausstellungsraum reicht hin, um sich die Überzeugung zu
verschaffen, daß von den ausgestelltsn 17 Modellen nur etwa
drei in Betracht kommen können. Wir sehen da nicht blos
höchst banale Gedanken verkörpert, sondern auch Entwürfe,
denen es an all und jeder organischen und zweckentsprechen-
den Entwickelung gebricht. Das Stärkste in dieser Rich-
tung leistete Professor Schwabe an der Nürnberger Kunst-
schule mit seinem in der Hauptsache für Erzguß gedachten
Modell, welches für einen Tafelaufsatz ganz gut paffen mag,
nicht aber sür einen monumentalen Brunnen. Der groß
gedachte und echt monumental aufgebaute Entwurf Rue-
manns, eines Schülers des vorstorbenen Professors
Wagmüller, zeigt eine vierkantige Brunnensäule, von den
allsgorischen Gestaltew der Fischerei, des Ackerbaues, der
Schifffahrt und des Gartenbaues umgeben und gekrönt von
der Statue der Lindavia mit Lindenzweig und Steuerruder.
Schade nur, daß der Gedanke auf den Reiz der Neuheit
keinen Anspruch machen kann. Als eine recht wackere Arbeit
erweist sich Hafs Modell. Der aus dem Becken aufsteigende
Rundturm trägt die Lindavia, an dem unteren Teile sind
die Figuren von „Wasser"- und „Landsegen" und die Büften
Maximilians I., unter dessen Regierung Lindau an Bayern
kam, und Ludwigs II. angebracht. Neu und originell sind
die Gedanken nur am Modelle des Prof. Christian Roth.
Es weist ein vierfach ausgerundetes Becken auf; zwischen den
Ausrundungen erheben sich ebensoviele Postamente, welche
im Hinblick auf die von der Stadt lebhaft betriebene Schiff-
fahrt und ihre Lage auf einer Jnsel in ihrer Form einem
Steuerruder ähnlich erscheinen. Diese Postamente tragen vier
Knabengestalten: einen angeheiterten Schiffsjungen, in über-
sprudelnder Weinlaune den bekannten Seehafen vorzeigend
(Schifffahrt), einen kleinen Bacchus, den berüchtigten Kater
würgend (Weinbau), einen strammen Bauernjungen, die
schwäbische Zipfslmütze auf dem Kopfe, mit einer riesigen
Birne und mancherlei Gemüse (Obst- und Gartenbau), und
einen kräftigen Fischerjungen, einen zappelnden Fisch im
Arm haltend. Den untersten Teil der Brunnensäule schmücken
mächtige Renaissancevoluten, zwischen denen Schildkröten
hervorkommen, die weit vorspringende flache Muscheln auf
den breiten Rücken tragen. Über diesen verjüngt sich die
Säule, und zwar leider mehr als nötig und für das Auge
gefällig, und dient einer Brunnennymphe, welchs mit der
linken Hand eine Muschel über ihrem Haupt emporhält, zur
Basis. Aus der Muschel würde bei Ausführung des Modells
eine entsprechende Fülle Wassers strömen, um glassturzartig
das schöne nackte Weib wie in einen glitzernden Schleier zü
hüllen und sodann in die Muscheln und von da in das
grotze Becken abzuflietzen.

j)ersonalnachrichten.

Professor Alwin Schultz in Breslau hat einen an ihn
ergangenen Ruf als Professor der Kunstgeschichte an der
Prager Universität angenommen.

Aunstvereine.

Der Gesamtvorstand Les Vereins Berliner Künstler,
dessen Wahl nunmehr erfolgt ist, besteht aus folgenden Mit-
gliedern: Professor Karl Becker, erster Vorsitzender; Maler
Scheuernberg und Zöpke, Schristführer; Architekt Schwenke
und Bildhauer Thomas, Säckelmeister; Bildhauer Wiese,
Archivar.

5ammlungen und Ausstellungen.

Der Pariser Salon ist am 1. Mai eröffnet worden.
Der Katalog enthält 5612 Nummern, darunter 2722 Ölge-
mälde und 88k Skulpturen. Die allgemeine Physiognomie
ist bei weitem günstiger als die der letzten Jahre, obwohl
die Genre- und Anekdotenmalerei über die Malerei großen
Stils so sehr das Übergewicht hat, daß die letztere neben
jener gar nicht in Betracht kommt. Nur Puvis de
Chavannss hat mit einem grotzen dekorativen Gemälde
für Amiens Imärw pro xutris, (römische Jünglinge, welche
sich vor Frauen und Kindern in den Waffen üben) den
Ruhm der alten Schule gerettet, während der jüngere Nach-
wuchs sich fast ausschlietzlic^ auf die moderne Sittenmalerei
geworfen und auf diesem Gebiete eine stattliche Anzahl sehr
beachtenswerter Arbeiten geschasfen hat. Ein keineswegs
strenger Beurteiler, nämlich Albert Wolff, sagt jedoch im
„Figaro", daß höchstens 460 Gemälde ein lebhafteres Jnteresse
erregen. Zu ihnen gehört Bonnats Porträt des Malers
Puvis de Chavannes, Baudry's Wahrheit, an welcher nur
die gesucht nachlässige und wenig dezente Pose zu tadeln
ist, Rolls „Fest des 14. Juli auf üer Place Chllteau
d'Eau", „Mönche im Klostergarten" von Vibert, „Abend in
der Bretagne" von Jules Breton, eine Grablegung von
Carolus Duran, Bouguereau's „Abenddämmerung",
eine Grablegung von Benjamin Constant, „Kavalleristen,
die einen Eisenbahnzug besteigen", von Berne-Bellecour,
„Die Trunkenheit" von Feyen-Perrin, Joseph Bara von
Henner, „Das Bassin de la Villette" (mit Kohlenträgern)
von Gervex„und „Der Tod Kaiser Maximilians" von
Laurens. Österreich ist durch Brozik (Kaiser Rudolphll.
und sein Alchimist) und Werthseimer (Loreley), Deutsch-
land durch Fritz Uhde, dessen Gemälde „Wäschenäherinnen"
wegen seines feinen grauen Tons sehr gerühmt wird,
Liebermann, Josef Brandt und Grimm vertreten.

Aus dcm Münchener Kunstverein. Die bayerischs
Staatsregierung hat mit der Erwerbung der Lierschen
Stimmungslandschaft „Bavaria" einen glücklichen Griff ge-
than. Die Arbsit läßt erkennen, datz Adolf Liers ursprüng-
liche Natur aus der Schule der französischen Naturalisten
geklärt und gereinigt hervorgegangen ist; mit einer hochpoeti-
schen Ausfassung verbindet sie eine meisterhafte koloristische
Technik. Es ist Spätsommer und die Sonne eben hinter
dem Park an der Ruhmeshalle untergegangen. Aus dem
regenfeuchten Grunde der Theresienwiese steigen leichte Nebel
auf und legen sich über dis Fläche, übsr welche Schwan-
thalers eherner Koloß und Klenze's prächtiger Bau sich mächtig
erheben. Weiterhin schaut das Dorf Sendling mit seinem
schlanken Kirchturme von der Höhe hsrab, >und im Hinter-
grunds schließen die Zugspitze und ihre Nachbarn den Hori-
zont ab. Das Hauptgewicht hat der Künstler auf die Luft-
und Lichtstinimung gelegt, und durch sie wirkt er anregend
und beruhigend zugleich auf das Gemüt des Beschauers.
Als ein bedeutendes Werk erweist sich auch, trotz einer ge-
wissen Fremdartigkeit der Erscheinung, die in der Technik
ihren Grund hat, Albert Kellers neueste Schöpfung:
„Faustina, im Vestibul des Fortunatempels zu Präneste den
Ausspruch des Orakels erwartend". Faustina, des römischen
Kaisers Antoninus Pius Gemahlin, entbrannte in Liebe zu
einem Gladiator. Sie gestand dieselbe ihrem Gemahl und
besragts ein Orakel um Hilfe. Der Ausspruch lautete, der
Gladiator sei zu töten und die Kaiserin habe sich mit dessen
Blute zu waschen. Also geschah es, und die Kaiserin kehrte in
alter Liebezu ihrem Gemahl zurück und gebar ihm einen Sohn,
Commodus, der nachmals weniger einem Fürsten als einem
Gladiator glich. Jn Kellers umfangreichem Bilde, dessen
ungewöhnliche koloristische Schönheiten sofort in dis Augen
springen, sehen wir Faustina des Orakels harren und gleich-
zeitig in der Cella des Tempels den heiligen Akt vor sich
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