Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Dsutsche Geschichte mit Jllustrationen.

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Korporationen, Vereine, Städte u. s. w., sie möchten
einzelne Abgüsie, zunächst von plastischen Arbeiten des
Mittelalters, auf eigene Kosten herstellen lasien und in
das Museum stiften. Jede Gabe, groß oder klein, sei
willkommen. Der Direktor empfiehlt, ein Jeder möge
sich ein Werk aussuchen, welches seiner Heimat ent-
stammt, vielleicht zur Geschichte seiner Familie oder
seines Standcs in Beziehung steht oder seincn Neigungen
nahe liegt.

Die Sammlungen des Museums sind im abge-
laufenen Jahre, außer durch mehrere Schenkungen ein-
zelner hervorragender Kunstgegenstände, ganz besonders
durch drei Bermächtnisse in erheblicher Weise vermehrt
worden. Zunächst hinterließ der Notar Ernst Wolf
in Altenburg dem Museum seine aus ungefähr 900
Nummern bestehende Sammlung von Krügen, Gläsern,
Flaschen und ähnlichcn Gefäßen, sowie Waffen und
anderen Altertümern. Dann vermachte Botho Graf
von Stolberg-Wernigerode demselben seineSamm-
lnng von 30 000 Blatt Abbildungen aus alter und
neuer Zeit zur Geschichte des Baues der Burgen und
Wvhnhäuser, des Turnierwesens und der Volkstrachten,
nebst einer dazu gehörigen Bibliothek. Endlich ver-
machte der Landgerichtsrat Rosenberg in Berlin dem
Museum seine aus mehreren Tausend Nummern be-
stehende Sammlung vorhistorischer Gegenstände, vor-
zugsweise aus der Mark Brandenburg und von der
Jnsel Rügen. L. 13.

Dcutsche Geschichte mit Illustrationcn.

Wollte man sür unser Zeitalter nach der Seite
der bnchhändlerischcn Produktion hin eine Bezeichnnng
wählen, so könnte man es am passendsten die „Perivde
der Jllustrationswerke" nennen. Nachdem vor unge-
fähr zehn Jahren der Verlag von Engelhorn in Stutt-
gart den Reigen mit „Jtalien von den Alpen bis zum
Ätna" eröffyet und entschiedenen Erfvlg davongetragen,
blieb binnen knrzem keine Landschast unseres Planeten
ununtersucht auf den Gesichtspunkt hin, vb sie zu einem
Pracht- nnd Jllustrationswerke Stoff bote. Den mcistcn
dieser Werke gemeinschastlich ist das geistige Übergewicht
der Jllustration über den Text, welcher sich bisweilen
über das Niveau des Neisejournals nicht wesentlich erhebt.
Wenn indesien in einzelnen dieser Publikationen der Satz
,MuItnm, non innlts," insein Gegenteil verkehrt worden
ist, so muß man andererseits zugeben: ein wirkliches
Bedürfnis liegt den geschilderten Büchern doch zu
Grunde; ihren Erfolg verdanken sie vor allem dem
Zuge unserer Zeit, sich von der blos abstrakten gelehr-
ten Auffasiung der Welt und des Lcbens zu befreien
und uns Land, Leute und Geschichte auch in Formen,
Farben und Licht darzustelleu. Dieser gesunde Realis-

mus, der uns alle beherrscht, der noch im bemerkbaren
Zunehmen begriffen ist, und den wir recht bald auch
in unser Erziehungswesen cingeführt zu sehen hoffen, ist
neuerdings auf ein Werk angewandt worden, welches
indes nur anf den ersten Anblick mit den eben genannten
bnchhändlerischen Erzeugnissen verglichen werden kann,
in der That aber sich bemerklich von den meisten der-
sclben abhebt. Jch spreche vvn dcm zweibändigen
Werkc: „Deutsche Geschichte", in Verbindung mitAnderen
herausgegeben Vvn L. Stacke (Verlag von Velhagen
L Klasing). Der Text, welcher keinesfalls blos als
Beiwcrk zu der Fülle der Jllustrativnen aufgefaßt
werden will, soll uns hier nichts weiter angehen; wohl
aber verdient dcr auch sonst seiner Ausstattung wegen
rühmlichst bekannte Verlag spezielles Lob. Seine „Ans-
gaben für Bücherfreunde" sollen ihm niemals vergesien
werden, so überflüssig uns hoffentlich baldigst die etwas
zu ängstlichenReproduktionen 2—300 Jahrc alterMuster
crscheinen werden; sie haben mit dazu beigctragen, daß
wir endlich wieder im dcutschen Reiche — wenigstens
in Leipzig — einigermaßen geschmackvolle Buchaus-
stattungen leisten können.

Der „DeutschenGeschichte" derselben Verlagshand-
lung liegt offenbar der Plan zu Grunde, den Ent-
wickelungsgang unseres Volkes durch Abbildung von
Vorgängen, Lokalitäten, Urkunden aller Art in möglich-
ster Treue zu erläutern und eindrucksvoller zu machen.
Zu diescm Zwecke mußten ziemlich umfangreiche Arbeiten
angestellt werdcn, die denn allerdings einer glücklichercn
Hand als der des durch seine kühnen Entwürfe für
das Goslarer Kaiserhaus rühmlichst bekannten H.
Kn ackfuß wohl nicht anvertraut werden konnten. Jhm
verdankt das schöne Werk den größten Teil der Zeich-
nungen zu den vorzüglich ansgeführten Holzschnittcn des
erstcn Bandes, zu denen als wertvolle Zugaben facsi-
milirte Miniaturen.farbige Lithographien nach Mvsaiken,
Kaiserinsignien rc. hinzukommen. Wir vermisien dabei
allerdings eine annähernd auSreichendc Berücksichtigung
der für die Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser
so überaus charakteristischenKirchenarchitektur; die Stifts-
kirche von Gernrode, die Dome von Speyer und
Bamberg verdienten aus rein historischen Gründen einen
Platz in dem Prachtwerke.

Jni zweiten Bande sind die Nachbildungen nach
Hvlzschnittcn und Kupferstichen aus der Glanzzeit dieser
beiden Techniken durchweg vorzüglich gelungen und
sorgfältigst ausgewählt; für das vorige Jahrhundert
wird, was preußische Verhältnisse anlangt, Chodowiecki
gebührend herangezogen; erst gegen Ende dieses Bandes
tritt eine gewisie Ermattung ein, fast scheint es, als sei
die letzte Lieferung, vielleicht um die rechtzeitige Aus-
gabe zu Weihnachten zu ermöglichen, etwas übers Knie
gebrochen worden: über manche zur allerneuesten deut-
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