Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Nekrologe.

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ncich dem Jcchre 1547. Mit Holbein ist cr mindestens j
einmal gleichzeitig in London gewesen. nämlich >528, !
vielleicht auch >534. Das Dresdener Bild ist mit l
dem modenesischcn Anlanf in sächsischen Besitz gelangt;
in Jtalien wurde aus dem Grafen Morette bekannter-
maßen Lodovico Sforza il Moro, und das Bild er-
hielt keinen Geringeren als Lionardo da Viuci zum
vermeintlichen Urheber. Larpent giebt ihm seincn ur-
sprünglichen Namen zurück und hat jedcnfalls deu
Nachweis geführt, daß wir nicht nötig habeu, in der dar-
gestellten Persvnlichkcit den „lavoUor" Heinrichs VIII.
zu erblicken.

Aber der Verfasser geht, wie gesagt, noch weiter: er
zieht auch Holbeins Urheberschaft in Frage. Seine
Meinung lautet folgendermaßen: „Man hat behauptet,
daß der Stich von Hollar, auf dem das Kostüm von
dem des Dresdener Bildes abweicht, nach der Zeich-
nung gemacht sei, welche sich ebenfalls in der Dres-
dener Galerie befindet. Doch trägt der medaillon-
svrmige Stich die Unterschrift „Holbkun xinxit", und
es will mir glaubhafter vorkommen, daß er nach einem
jener kleinen, in hvlzernen Kapseln bewahrten Rund-
bilder angefertigt ist, welche bei Woltmann mehrfach
erwähnt werden. Der Hollarsche Stich stellt osfenbar
dieselbe Pcrsönlichkeit dar wie die Dresdener Zeichnung,
aber, wenn ich mich nicht täusche, in einem vorgerück- !
teren Alter. Jch denke, in der Zeichnung haben wir
einen Mann von 45, in dem Stich einen von 60
Jahren vor uns. Die Zeichnung und der Stich stim-
men miteinander — besonders was die Haartracht
und Hutform betrisft — mehr überein als mit dem
Bilde,*) und mir scheiut, es existirt kein zwingender
Grund, welcher uns dazu veranlassen könnte, die
Zeichnung oder das sonstige Original des Stichs als
eine Vorstudie oder als eine Wiederholung von der
Hand desjenigen Meisters anzusehen, welcher das Bild j
der Dresdener Galerie gemalt hat. Und weun man
ferner nicht beweisen kann, daß Bild und Zeichnung
(das Original des Stichs kennen wir nicht) sicher von
Holbein herrühren, so scheint mir — im Hinblick aus
die große Verschiedenheit im Charakter der Physiogno-
mien beider Bildnisse — die Annahme nicht ausge-
schlossen, daß wir in der Zeichnung und in dem Bilde
zwei Porträts derselben Persönlichkeit aus verschiedenen !
Lebensaltern und von der Hand zweier verschiedener
Künstler vor nns haben. Nach meiner, Ansicht stellt
das Bild einen Mann von 50—55 Jahren dar."

Soweit Larpent. Derselbe citirt dann u. a. noch
eine Stelle aus Waagens „Hrousuros" (III, 236), !
4vo von cinem Porträt der Margaretha von Valois,

*) Auf der Zeichmmg ist die Stickerei am Kostüm für
Holbein cmffallend schwach.

Schwester König Franz' I., die Rede ist, welches srüher
dem Lionardo, dann von Waagen dem Holbein und
endlich auf desselben Veranlassung dem Jean Clouet,
Vatcr des Franyois Clouet gen. Iannet, zugeschricbcn
wurde. Er will damit auf die Möglichkeit hindeuten,
daß eine ähnliche Umtanfe nuch vielleicht mit dem
Morett der Dresdener Galerie vorzunehmen sei. Da-
mit schließt er seine Abhandlung, welche jedenfalls in
Betreff der Eruirung des Dargestellten alle Beachtung
vcrdient und auch was den Meister des Dresdener
Bildes anbelangt, wenigstens die Folge haben sollte,
die kompetenten Stimmen zu einer neuen Untersuchung
und Beurteilung des Falles zu veranlassen.

Nekrologe.

Elisabeth Jcrichan-Bliumann ch. Am I I . Jnli
d. I. starb zu Kopenhagen die hervorragende Malerin
Elisabeth Jerichau, gcb. Baumann. Auch außerhalb
der nordischen Länder hat sie sich einen so angesehenen
Namen erworben, daß einige eingehendere Mitteilungen
über ihr Leben und ihre Werke dem Publikum dieser
Blätter von Jnteresse sein dürften.

An den Ufern des Weichselslusses stand ihre
Wiege; es war zu Warschau, im Hause eines wohl-
habenden deutsch geborenen Fabrikanten, wo Elisa-
beth Maria Anna Baumann den 27. November
1819 das Licht erblickte. Zehn Jahre alt, ward sie,
um erzogen zu werden, nach Danzig geschickt; bei der
Muhme in der deutschen Stadt sollte sie für die
reichen und mannigfaltigen Anlagen, die sie schon frühe
gezeigt hatte, Entwickelung suchen. Damit ging es
aber anfangs nur schlecht: ein regelmäßiger Unterricht
war dem wilden Mädchen entschieden zuwider, und erst
nachdem sie nach zwei Jahren in die Heimat zurllck-
gekehrt war, fand sie einen Lehrer, dem es gelang, die
in ihr schlummernden Geisteskräfte zu erwecken. Dann
ging es aber auch mit reißender Schnelligkeit vor-
wärts; bald hatte sie in der Geschichte, der Geo-
graphie und den fremden Sprachen, für welche sie
ein erstaunliches Talent besaß, umfassende Kenntnisse
erworben. Gezeichnet hatte sie schon als kleines Kind
und auch Unterricht in diesem Fache empsangen; bald
wurde es jedvch deutlich, daß es dem WarschauerJnfor-
mator nicht gelingen würde, sie in der Kunst sehr weit
zu bringen, und als jetzt — sie war damals ungefähr
16 Jahre alt — der Bater um sein Vermögen ge-
bracht wurde, und sie sich genötigt sah, sich um einen
Erwerb zu bemühen, reiste sie über Dresden nach
Berlin, um bei Hübner Rat und Hülfe zu suchen. Da-
von erhielt sie jedoch bei Hübner nichts; die Zeich-
nungen, die sie dem Meister mitgebracht, wurden von
ihm für absolut talentlos erklärt, und einen Augenblick
war es ihr, als ob Mut und Hoffnung sie verlaffen
würden. Aber auch uur einen Augenblick; weqige Tage
danach befand sich die energische junge Künstlerin in
Düsseldorf, wo sie bei Karl Sohn freundliche Auf-
nahme fand. Drei Jahre hindurch lebte sie in seinem
Hause als Schülerin; in seinem Atelier genoß sie den
ersten eigentlichen Unterricht im Malen, wie sie denn
auch von Künstlern wie Lessing, Hildebrand und
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