Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die Konkurrenzentwürfe für das deutsche Reichstagsgebäude.

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Denn traurig ist der Ärmste, und er hat allen Grund
dazu. Offenbar hat sich der Delphin zur Zeit der
Flut aus der Höhe des Brunnenstockes festgefahren und
sieht sich vergeblich nach der heilbringendcn Welle um,
die ihn wieder flott machen könnte. Jn weiser Be-
riicksichtigung der Unzulänglichkeit der städtischen Wasser-
leitung haben nämlich die drei viribus nnitis arbeiten-
den Künstler nur auf dünne fadenscheinige Wasser-
strahlen Bedacht genommen, wclche den leierschlagenden
Arion den Mangel cines Regenschirms nicht allzu
schwer empfinden lassen.

Nach dieser Analyse des künstlerischeu Gedankeus
und seiner Ausführung hoffen tvir wenigstens bei einem
Teil der Leser dieses Blattes auf Zustininiung rechnen
zu dürfen, wenn wir daS Urteil des Preisgerichts als
ein rätselhaftes bezeichnen. Derartige Rätsel sind frei-
lich bei sogen. anvnymen Konkurrenzen schon häusig da-
gewesen und werden ihr Sphinxgesicht auch in Zu-
kunft der verwunderten Welt zeigen, so lange die
Anonymität bei Wettbewerbungen zur Bedingung ge-
macht wird. Die Anonymität hat unseres Erachtens
nur dann Wert, wenn sie streng respektirt und den
Preisrichtern die Verpflichtung auserlegt wird, vvn
dem übernonimenen Amt zurückzutrcten, svbald ihnen
der Urheber auch nur eines Konkurrenzentwurfes be-
kannt ist. Konkurrenzen, bei denen mit offeneni Bisir
gestritten wird und der Mißerfolg sich niemals unter
der Maske der Namcnlosigkeit verkricchen kanu, halten
wir für das einzig Richtige, mit der Einschränkung
freilich, daß den Preisrichtern, wie den Zeugen vor
Gericht, vor Ausübung ihres Amtes die Frage Vvrge-
legt wird, ob sie mit irgend einem der Bewerber ver-
wandt oder verschwägert sind oder in einem Persvn-
lichcn Verhältnisse zu ihm stehen, welches die Unbe-
fangenheit des Urteils von vornherein ausschließt.

L. L. 8.

Die Aonkurrenzentwürfe für das deutsche
Reichstagsgebäude.

II.

Jm grvßen und ganzen lasien sich die Einwllrfe,
welche sich gegen das Wallotsche Projekt erheben lassen
und die auch von allen Seiten fast übereinstimmend
erhoben worden sind, dahin zusammenfasien, daß es
den Fassaden durchweg an mvnumentalem Charakter,
an einer auf das Große gerichteten Auffassung fehlt,
daß die Unmasse spielender Zierformen das Projekt
auf das Niveau eines Werkes der Kleinkunst herab-
drückt — man wird an einen Tafelaufsatz oder eine
ähnliche Goldschmiedearbeit erinnert — und daß selbst
der viereckige Aufbau über dem Sitzungssaale, die pibos
äs rosistnnLS dieses Entwurfes, mit seinen zwvlf durch-

brochenen Fenstern und der zierlicken Laterne darüber
vvn diesem goldschmiedartigen Zuge nicht freizusprechcn
ist. Daß wirklich dieser Ausbau zu Gunsten Wallots
sehr stark iu die Wagschale gefallen ist, scheint auch
aus Andeutungen hervorzugehen, welche wir im „Cen-
tralblatt für Bauverwaltung" finden, von dem man
annehmen darf, daß es auch in seinem nicht-amtlichen
Teile die Ansichten der Regierung, in diesem Falle die
einiger Jnrors widerspiegelt vder denselben doch
nicht fremd gegenübersteht. Jn diesem Blatte wird
der „herrliche Kuppelbau" besonders betont, „welcher
das Ganze wirkungsvvll beherrscht und in seiner frischen
Ursprünglichkeit geeignet ist, die Silhouette der Reichs-
hauptstadt mit eiuer ganz eigenartigen Erscheinung zu
bereichern". Aber selbst diesem Blatte ist der Übel-
stand nicht entgangen, daß der Kuppelbau „von der
Hauptfront am Königsplatz etwas ungünstig zurück-
geschobcn" erscheint. Es werde „daher nvch wirkungs-
vvllerer Mittel bedürfen, als die Hauptfassade jetzt zeigt,
um in derselben ein angemessenes Gegengewicht gegen
jene Kuppel zu gewinnen". Noch ungünstiger, gerade-
zu unschön präsentirt sich der Aufbau vom Branden-
burger Thvre aus. Dem Vvn hier Kommendcn wird
er bis zum Ansatz der Kalvtte von dem südöstlichen
der vier Ecktürme verdeckt, welche sich übrigens nicht
in halber, svndern, wie ich znr Berichligung eines Jrr-
tunis in dem ersten Artikel hervorhebe, in ganzcr Stock-
werkshöhe aufbauen. Gegen den Grunvriß läßt sich
! hauptsächlich einwenden, daß die große Halle, welche
j das Centrum des Gebäudes bildet, zugleich als Mittel-
punkt des gesamten Berkehrs gedacht und daher von
allen Seiten leicht zugänglich ist, vom Kvnigsplatze
aus mittelst einer dvppelarmigen, schön kompvnirteu
Treppe. Da aber das Programm verlangt, daß dic
Halle zugleich als Festraum und als Sitzungssaal für
größere Kommissionsberatungen verwendet werden soll,
muß hier eine gründliche Umgestaltung des Grundrisies
erfolgen, wenn die Programmbedingung erfüllt werden
foll. Dann müssen zugleich die Garderoben eine andere
Lage erhalten, da sie gegenwärtig zu beiden Seiten
des Sitzungssaales so disponirt sind, daß die vom
Königsplatz, also von der Hauptfassade aus, Eintreten-
den die Halle ganz durchschreiten müssen, um zu den
Garderoben zu gelangen, und das dürfte doch bei fest-
lichen Gelegenheiten eine sehr mißliche Einrichtung sein.
Nach, den neuesten Nachrichten, welche aus dem Schoße
der Subkommission der Parlamentsbaukommission in
die Offentlichkeit gedrungen sind, soll sich die Um-
arbeitung vorzugsweise auf den Grundriß erstrecken,
während die Fassaden und der Kuppelbau fast unver-
ändert bleiben sollen. Nach erfolgter Umarbeitung
wird das Plenum des Reichstages sich über die Aus-
führung des Entwurfes schlüssig zu machen haben
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