Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Aus den Haager Archiven.

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um ihn zu bemerken, nicht einmal den Blick so weit
schweifen zu lassen, denn fast jedes Schaufenster unserer
ösfentlichen Verkaufsgeschäfte zeigt ihn uns bereits an.

Jm Anschluß an diese einleitenden Betrachtungen
möge es uns nun gestattet sein, noch einige dcr wescnt-
lichen Bedingungen und Momente hervorzuheben, unter
welchen obigen Bestrebungen erst ein allgemeinerer Er-
solg gesichert scheint, und ein größeres Feld für eine noch
vielseitigere Thätigkeit zu gewinnenist. Vor allem dürfte
eine gründliche Reorganisation des Unterrichts-
wesens, mit besonderer Berücksichtigung des künst-
lerischen Elementes ins Auge zu fassen sein, ohne welche
eine neue Grundlage für die kunstgewerbliche Thätigkeit,
diesen wichtigsten Arbeitszweig der nächsten Zukunft,
nicht gewonnen werden kann.

Bevor wir diejenigen Maßregeln und Veran-
staltungen etwas näher ins Auge fassen, welche vor-
zugsweise geeignet scheinen, auf das Gedeihen unserer
künstlerischen Zustände fördernd einzuwirken, ist zu-
nächst der vielfach verbreiteten Ansicht entgegenzutreten,
daß hierbei die Erziehung wenig, alles aber die freie
Entwickelung des Talentes bewirke, welches nur als
ein Geschenk des Himmels an einzelne Glückliche ver-
liehen werde. So richtig das letztere in Beziehung auf
die höchste künstlerische Begabung sein mag, so kann doch
ebensowenig bezweifelt werden, daß auch das bedeutende
Talent ohne die entsprechende Pflege und Ausbildung
nicht zur Entwickelung kommen kann. Auch ist die
Seltenheit des Talentes im Grunde nur eine schein-
bare; es findet sich im rohen Zustande häufiger, als
man geneigt ist anzunehmen. Nicht das Talent, selbst
das Genie nicht, ist das Seltene im Leben, wohl aber
sind es die Unistände und Verhältnisse, unter denen
allein es zu seiner vollen Entfaltung gelangen kann.
Das Wort, daß viele berufen, wenige aber auserlesen
sind, läßt sich auch in dem Sinne deuten, daß nur die
wcnigsten so glücklich sind, die rechten Mittel und
Wege zu ihrer Ausbildung zu finden. Die überwiegend
große Mehrzahl der Talente verkümmert im Ver-
borgenen. Die Organisation der menschlichen Natur
ist bei aller Mannigfaltigkeit der Anlagen und Rich-
tungen doch keine grundverschiedene, sondern in den
wesentlichen Zügen eine gleichmäßige, und gemeinsam
ist unscrem Geschlecht vor allem das Prinzip der
schasfenden Thätigkeit und das Streben nach Vervoll-
kommnung. Damit aber scheint zugleich von der Natur
selbst eine gewisse Allgemeinheit auch des künstlerischen
Talentes vorgesehen zu sein, das jedoch nur wie im
klassischen Altertum oder in der Zeit der Renaissance
durch besondere Gunst der Umstände zur allgemeineren
Blüte gelangen kann.

Die Bedingungen, an welche eine svlche Kunst-
blüte geknüpst ist, die Kräfte, wclche sie zeitigen und

hervorbrechen lassen, sind kaum zu erforschen, viel
Weniger auf methodischem Wege herbeizuführen; un-
zweifelhaft aber kann es auf diese Weise gelingen, das
große Publikum, mit Einschluß der arbeitenden Klassen,
zu den Prinzipien des guten Geschmacks zurückzuführen,
und damit ist viel, wenn nicht alles gewonnen. Denn
svbald erst Bedürfnis und Ausmerksamkeit des Publi-
kums auf das Solide und Schöne, welches meist Hand
in Hand zusammengeht, und womit die Vorstellung
der Kostspieligkeit keineswegs ohne weiteres zu ver-
binden ist, hingelenkt sein werden, so werden auch die
entsprechenden Leistungen nicht fehlen, zumal, wenn
gleichzeitig umfassende Vorarbeiten getroffen wurden,
um auch dem Arbeiter die nötige Ausbildung in dieser
Richtung zu verschasfen. Beide Rücksichten sind stets
vereint ins Auge zu fassen, wie auch beide Ziele, zum
Teil wenigstens, auf dem nämlichen Wege, dem einer
neuen Erziehung zur Arbeit, zu erreichen sind. Es
sindet hierbei eine stete Wechselwirkung statt; die fort-
schreitende Bildung auf der einen bedingt eine solche
auch auf der andern Seite.

Kassel. G. Wittmer.

lSchluß folgt.)

Aus den ^aager Archiven.

Von A. Bredius.

VII.

Johannes Anthonisz van Ravesteyn.

Dieser große Meister, dessen herrliche Werke rnan
fast nur im Haag im städtischen Museum bewundern
kann, wurde nach den Notizen des I. de Jongh in
der dritten Ausgabe des van Mander (1764) im Haag
1572 geboren. Ob er im Haag geboren ist? Ein
Anthonis van Ravesteyn, „Aölaosuinllsr, vonsnäs
tot vnslöinburell" erhält am 5. August 1593 mit
Quiryn Coensz. (van der Maes) im Haag 138 L
für drei Fenster mit den Wappen der Generalität rc. darauf
gemalt (Oräonnantisbosllsn äsr 8tatsn Osnsruul).
Jm Jahre 1602 erhält er für derartige Arbeit 126 L;
aber ohne Angabe des Wohnortes, was darauf hindeutet,
daß er damals im Haag lebte.

Am 17. Februar 1598 wird er als „Nssstsr
solliläsr" in der Haager St. Lucas Gilde eingeschrieben.
(Obrcens Archief, III.)

Jn dem Aanteekeningboek auf dem Rathause
lesen wir:

„17. äannur 1604. äun vun Kuvssts^n Vntonisr,
Lolliläsr, snäs llnns, L.rsnts vun Lsrsnärssllt, sonAS-
äoolltsr. I's Zsvsn vunt statlln^s.^ Dieser Zusatz
deutet an, daß Ravesteyn nicht zur reformirten Reli-
gion gehörte. Er war katholisch; den Beweis liefern
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