Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Ausstellung des Norddeutschen Gesamtvereins.

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handen sein niuß, uni zwei Werke miteinander in Ver-
bindung zu bringen: die vollkoinmene Mnstlerische Be-
wältigung der technischeu Schwierigkeitcn. Die Gemälde
Rogers sind Ateisterstücke, die vorliegende Kreuzab-
nahme ist eine künstlerisch höchst untergeordnete, nur ihrer
großen Seltenheit und ihres Alters wegen unschätzbare
Religuie. Dies sind auch noch viele andere Blätter
des sogenannten Meisters vom Jahre 1464.

Ohne H. Hynians, der sich in seinem Buche über
die Rubensschule als ein ebenso vorsichtiger wie sach-
kundiger Gelehrter dokumentirte, im geringsten nahe
treten zu wollen, sah ich mich veranlaßt, diese Unter-
schiede zwischen Kunstwerk und Machwerk um deswillen
hervorzuheben, weil der Kunstwert alter Kupferstiche
immer mehr hinter dem Liebhaberwerte zurückzutreten
pflegt. Wie es heute Heiligenbilder,nach allen Wert-
abstufungen giebt, gab es deren auch vordem, und
niemanden wird es einfallen, einen Stahlstich nach
der Siptinischen Madonna deshalb, weil er ein Raffae-
lisches Sujet behandelt, für ein Werk Naffaels zu
halten; Bartsch und Passavant haben in ihren Werken
genug solcher Unwahrscheinlichkeiten zusammengettageni
unsere Aufgabe wäre es, sorgfältig zu prüfen, ehe wir
Meister als Urheber von Objekten bezeichnen, welche
künstlerisch tief unter einem Kalenderstahlstich unserer
Tage stehen. A. v. Wurzbach.

Ausstellung des Norddeutschen Gesamtvereins.

Bremen, Anfang April.

Die am 16. Februar hier eröffnete, vor einigen
Tagen beendete Ausstellung des Norddeutschen Ge-
samtvereins erzielte infolge nicht nur der großen Zahl,
sondern auch des außergewöhnlichen künstlerischen Wertes
der Bilder einen so bedeutenden Absatz, wie er schwer-
lich jemals auf einer gewöhnlichen Vereinsausstellung
vorgekommen ist. Der Anfang derselben erregte nur
sehr mäßige Erwartungen; denn was vorhanden war,
zählte mit wenigen Ausnahmen zu dem Mittelmäßigen
und entbehrte fast ganz der eigentlichen Zugstücke.
Aber bereits gegen das Ende des Februars und niehr
noch während des März kamen so erfreuliche Zu-
sendungen, daß, als die Gesamtzahl der Bilder mehr
als 900 betrug, die mittelmäßigen entfernt werden
mußten und dieser aus Mangel an Raum eintretende
Ersatz eine günstige Veränderung in dem Gesamt-
charakter des Ganzen hervorbrachte, so daß wir in
den letzten Wochen des März eine höchst erfreuliche
Zahl neuer Meisterwerke vor nns hatten.

Aus dem wie gewöhnlich am reichsten und glänzend-
sten vertretenen Fach der Landschaft und einigen seiner
Nebenfächer nennen wir als den Hauptkoryphäen der

Ausstellung Oswald Achenbach mit seinen drei ncucn
Bildern: „Villa Falconieri bei Frascati", „Engelsburg
in Rom" und „Strand von Neapel", die alle drei eine
große Anziehungskraft ausübten. Darunter nament-
lich die genannte Villa, die des Künstlers hohe Meister-
schaft in den Tönen.der Luft und der dnftigen Ferne
zeigte, während dagegen die in mancher andern Be-
ziehung ebenso treffliche „Strandansicht von Neapel"
wiederum an Unklarheit und Undurchsichtigkeit der
glatten Meeresfläche litt, die auch ein langjähriger
Bewohner von Neapel nie in dieser getrübten Gestalt
erbtickt. Sein Meer ist mehr ein sester, stehender, als
ein beweglicher, durchsichtiger Körper. Zwar weniger
glänzend, aber in der Malerei der Wälder, ihrer Bäume
und ihrer sonnigen Durchblicke sehr anziehend erwiesen
sich Fahrbach („Heidelberger Stadtwald", „Abend-
stimmung im Walde" u. a.) und Ebel in Düsseldorf
(„Buchenwald in Holstein"); auch Schirm in Karls-
ruhe brachte aus dem Orient zwei erfreuliche Bilder
(„Oase Gharandel in der Peträischen Wüste" und
„Abendstimmung am Toten Meere"), ebenso Schuch
in seinen unvergleichlichen Haidebildern, von denen
das eine („Einsame Pfade") in den Besitz des Groß-
herzogs von Oldenburg kam. Rühmliche Erwähnung
verdienen auch Karl Ludwig in Berlin mit seiuer
„Hochgebirgslandschaft Vvm St. Gotthard", die, wie
es scheint, eine Art von Pendant zu dem in die
Nativnalgalerie zu Berlin gekommenen „Gotthardpaß"
bildet; Wex (in München) mit einem herrlichen
„Sonnenuntergang im Moor zwischen Salzburg und
Reichenhall", Lutteroth in Hamburg mit seinen ita-
lienischen Küstenbildern, und in Mondscheinlandschaften
vor allen anderen Sophus Jacobsen und Nord-
green, beide in Düsseldorf. Jni landschaftlichen Genre
sind zu nennen: T. F. Hennings in München, dessen
vor kurzem in diesem Blatte erwähntes Bild „Wirts-
haus zum goldenen Löwen" hier eine bleibende Stätte
fand; Hans Dahl mit einem „Motiv aus Norwegen"
und einer zweiten diesem ähnlichen Komposition
(„Heimkehr"); van der Beek mit dem hübschen „Jn-
teressanten Thema" und den in den Gestalten aller-
dings nur schwach charakterisirten „Wallfahrern an
der Fähre"; und als besonders ausgezeichnet das in
allen Einzelheiten, Menschen- und Tiergestalten sehr
geistvoll und fein durchgeführte „Fahrende Volk" von
Ernst Bosch in Düsseldorf, der uns einen Kameel-
treiber und einen Bärenführer bringt, die mit ihrem
ganzen Reiseapparat zu Wagen und zu Fuß durch ein
Dorf ziehen und dessen zweibeinige und vierbeinige
Bewohner in höchstes Erstaunen und Ergötzen ver-
setzen. Jn ihrer ganzen koloristischen Energie und
technischen Gewandtheit erschienen mit ihren ethno-
graphischen Sitten- und Tierbildern Gregor vonBoch-
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