Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstlitteratur.

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Frankreich und England repräsentirenden und gleich-
falls als Personifikationen der Künste in diesen Ländern
aufgefaßten Standbilder bereits früher dort aufgestellt
wurden. Diese Meisterwerke haben mit Recht unge-
teilte Anerkennung gefunden. An der Rückwand des
Treppenhauses wurde inzwischen noch in einer Nische
die von Karl Begas in Marmor ausgeführte Kvlostal-
biiste unseres Kaisers nufgestellt. VV.

Aunstiitteratur.

Deutsche Rünstler des sst. Iahrhunderts. Studien
und Erinnerungen von Friedrich Pecht. Dritte
Reihe. Nördlingen. Beck. 1881. 379 S. 8.

Den beiden ersten Bänden von Biographien deut-
scher Künstler, welche Friedrich Pecht unter dem vor--
stehenden Titel veröffentlicht hat und welche wir denLesern
dieser Blätter vor geraumer Zeit angezeigt haben. läßt
der vielgewandte Autvr nuu einen dritten fvlgen, worin
er die Absicht ausspricht, seine fragmentarisch nnter-
nommene Arbeit zu einem „deutschen Vasari" zu ge-
stalten. Aus diesem Grunde geht er einerseits auf
drei Meister zurück, welche die moderne deutsche Kunst-
entwickelung eingeleitet haben: auf Raffael Mengs,
Asmus Carstens und Daniel Chodowiecki, und be-
handelt andererseits einen noch jungen Künstler, der
in der Vollkrast seines Schaffens steht und dessen Werk
in der Folge wahrscheinlich noch mehr als eine Über-
raschung bieten wird: Gabriel Map. Dabei hat der
Autor, nach seiner alten, höchst löblichen Gewohnheit, nicht
unterlassen, die Objekte seiner Studien zu beaugen-
scheinigen und sie auszufragen; ja er bekennt, daß
er das weitaus Beste, was sein neues Buch enthält,
den von ihm geschilderten Künstlern verdankt. Der
Wert des Quellenwerks, welchen Pecht seiner neuen
Publikation mit um so größerem Recht vindicirt, als
die meisten Essays derselben vor der Drucklegung der
Revision den betreffcnden Künstlern unterbreitet wurden,
ist derselben auch ohne weiteres zuzugestehen; wir haben
nur zu wünschen, daß es dem immer noch reise- und
schreiblustigen Berfasserbeschieden sein möchte, derVasari
seiner jüngeren Kunstgenossen für das ganze neunzehnte
Jahrhundert zu werden.

Bezüglich der ersten drei Essays im besprochenen
Bande, die Mengs, Carstens und Chodowiecki
gewidmet sind, entwaffnet der Autor die Kritik von
vornherein durch die Bemerkung, daß er nur Material
für eine künftige Geschichte der modernen deutschen
Kunst biete, aber nicht selber eine solche schreiben wolle.
Wir finden denn auch in diesen drei Aufsätzen gar
manche wertvolle Reminiscenz des Autvrs, in dessen
Jugendzeit die Tradition über die erwähnten Künstler
nvch lebendig war; aber von semen llrteilen möchten wir

nur die wenigsten unterschreiben. Jnsbesondere scheint
er uns den Einfluß von Mengs auf die deutsche Kuust-
entwickelung eben so sehr zu überschätzen, wie er die
große Bedeutung von Carstens nicht genügend wllrdigt.
Ani anziehendsten ist der Auffatz über Chodowiecki,
von dem Menzel, der sich mit Stolz als sein Schüler
bekennt, in einer geistvollen brieflichen Mitteilnng an
Pecht mit Recht bemerkt, daß Chvdowiecki „in der
ganzen heutigen Berliner Malerei mitkomponirt und
mitzeichnet". Recht gelungen ist der ziemlich um-
fangreiche Essay über Führich, bei welchem dem
Verfasser persönliche Erinnerungen und Mitteilungen des
Sohnes dieses Meisters, des Herru Lukas von Führich,
zu statten kamen; wesentlich neues Material wird uns
jedvch nicht geboten, umsoweniger, als der wertvolle
Nachlaß des Meisters*) nicht berttcksichtigt erscheint.
Erfrenlich ist für uns blos, daß Pecht diesem österreichi-
schen Meister volle Gerechtigkeit und die verdiente
Anerkennung widerfahren läßt, obgleich Führichs Stand-
punkt in der Kunst von den allerwenigsten deutschen
Malern neuerer Zeit geteilt werden konnte.

Den Trägern der mvdernen Wiener Architektur:
Ferstel, Hansen und Schmidt widmet der Autor
sodann drei umfangreiche, auf Autopsie ihrer Bauten
beruhende Aufsätze. Besonderen Wert haben in den-
selben die autobiographischen Mitteilungen, mit denen
namentlich Schmidt nicht gekargt hat; auch ist Pccht
den Wiener Architekten gegenüber weniger von deni
Geiste des berühmten Schillerschen Distichons über
das vermeinte Wiener Phäakentum befangen als sonst
in seinen Äußerungen über Wiener Kunst. Dennoch
entfährt ihm bei Besprechung des großeu Saales iu
Hansens Musikvereinsgebäude die Bemerkung, daß der-
selbe „von jener Überladung nicht ganz srei zu sprechen
sei, die mehr auf ein Demimondepublikum von Bankiers
und galanten Damen als auf eine wahrhaft vornehme
Gesellschaft berechnet erscheint". Der Autor scheint von
seinerJugendzeit her jeneVorliebe für diestereotypeSaal-
dekoration in Weiß, Gold und Rot bewahrt zu haben,
mit welcher man selbst bei den modernsten deutschen
Saalbauten nvch nicht gebrochen hat, und es hat ihm
offenbar das Verständnis für die von Hansen mit emi-
nentem Farbensinn glänzend gelöste Aufgabe gesehlt,
einen Saal zu dekvriren, der bei künstlicher Beleuch-

*) Die Hauptwerke aus Führichs Nachlaß sind in-
zwischenpublizirt worden.undzwar, wie dieLeser bereits wifsen,
die „Legende vom heiligen Wendelin" von der Gesellschaft
für vervielfältigende Kunst in Wien, ferner das „Leben
Mariä", ein Cyklus von 25 Blättern, herausgegeben in Licht-
drucken von G ebr. Benzig er in Einfiedeln. Alphons Dürr
in Leipzig besitzt einen Cyklus „Aus dem Leben", bestehend
aus einem Titelblatt und elf Scenen in kleinem Quartfor-
mat, welcher ebenfalls zur Publikation gelangen soll.
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