Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die mnere Einrichtung der neuen Bildergalerie zu Kassel.

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als einen sehr glücklichen Gedanken bezeichnen. Hier
waren flache Kuppeln das natürlichste und für das
Auge wohlthuendste, nnd wirklich haben anch fast alle
übrigen Architekten die Ecken des Gebäudes durch solche
Kuppeln inarkirt, resp. abgeschlossen. „Diese vier Auf-
bauten", sagt Wallot, „erschienen nötig, weil die Größe
des Königsplatzes eine bedeutende Höhenentwickelung
erfordert. Da diese bei zwei Geschossen nicht erreicht
werden konnte, wurden die Aufbauten gewählt". Mit
dem mittleren Aufbau, welcher übrigens durch ein Glas-
dach von dem Sitzungssaal getrennt ist, hat Wallot
nvch einen ganz besonderen Zweck verbunden. Während
nämlich der Saal bei Tage durch seitliches Oberlicht
erhellt wird, soll am Abcnd in dem Aufbau elektrische
Beleuchtung fungiren. „Das durch die Lichtöffnungen
des Aufbaues auch nach außen ausströmende Licht",
so heißt es in den Erläuterungen, „soll den getreuen
Berlinern jederzeit Kunde geben von dem Fleiß und
der Pflichttreue der Reichsvertreter". Wir fürchten,
daß dieser originelle Gedanke >—^ es sollen sich von
21 Stimmen 1g für Wallot ausgesprochen haben —
den Ausschlag für die Entscheidung gegeben hat, da
die Fassade recht unbedeutend ist und vor allen Dingen
der monumentalen Wirkung entbehrt. Wenn die Abge-
ordneten das Haus auch zumeist vom Brandenburger
Thor oder von der Sommerstraße aus betreten werden,
so liegt doch die Hauptfassade am Königsplatz. Diese
ist nun ziemlich dürftig behandelt und läßt jene Ori-
ginalität vermissen, die dem System der Aufbauten
nicht abzusprechen ist. Über einem Quadergeschoß er-
hebt sich das obere Stockwerk niit einer Fensterordnung,
wie sie die römische Palastarchitektur bis zum Überdruß
wiederholt: ein Rundbogen von zwei Halbsäulen flankirt,
auf welchen das übliche Giebeldreieck steht, und eine
Brüstung mit Doggengeländer. Das Portal ist eben-
salls rccht unscheinbar behandelt. Drei rundbogige
Eingänge ohne monumentale Treppe, dariiber im oberen
Geschoß wiederum drei reichere Rundbogenöffnungen,
von Pfeilern eingeschlossen, mit liegenden Figuren in
dcn Zwickeln, also dem ebensalls sehr abgedroschenen
Sansovinomotiv Vvn der Libreria in Venedig, und
endlich, dem abschließenden Halbgeschoß entsprechend,
drei kleinere rundbogige Öffnungen. Ein großer Reich-
tum der Phantasie bekundet sich also in der Fassade
nicht. Wie es scheint, soll hier die Hauptarbeit dem
Bildhauer überlassen bleiben, da reicher Skulpturen-
schmuck die Ärmlichkeit der Fassade zu verdecken be-
stimmt ist. Auch der Grundriß verrät keine besondere
Originalität. Vor allem fehlt es an einem konseguent
durchgesührten Gedanken. Eine große Halle ist zwar
als Mittelpunkt des Verkehrs gedacht; indessen charak-
terisirt sich dieser Mittelpunkt nicht nach außen hin,
und die Ubrigen Räume sind wie zufällig aneinander

gereiht, ohne daß ein leitender Gedanke zu erkennen
ist. Man scheint auch den Grundriß besonders be-
mängelt zu haben, da die Umarbeitung des Entwnrfs,
wie es in einer Zeitungsnotiz heißt, hauptsächlich die
praktischen Bedürfnisse der Reichstagsabgeordneten u. s. w.
berücksichtigen soll. Nach dieser Umarbeitung wird das
Plenum des Reichstages das letzte Wort zu sprechen.
haben. Adolf Rosenberg.

Die innere Linrichtung der neuen
Bildergalerie zu Aassel.

Nachdem unter der Regierung des letztcn Kur-
fürsten von Hessen für die monumentale Kunst wenig
oder gar nichts geschehen war, hat dieselbe auch hier
in neuerer Zeit einen erfreulichen Ausschwung genom-
men.*) Der letzte bedeutende Monumentalbau aus
hessischer Zeit war jener im Jahre 1817, an Stelle des
1811 durch Brand verwüsteten alten Landgrafenschlosses,
großartig begonnene Schloßbau, die herrlich gelegene
„Kattenburg", welcher Bau seit 1821, nachdem cr
überall gleichmäßig bis zur Höhe des Erdgeschosses ge-
diehen, plötzlich eingestellt worden war. An dieses
traurige Ende der alten knüpfte sich der fröhliche An-
fang der neuen Bauperiode; denn man beschloß, das
prachtvolle Material jener merkwürdigen Ruine zum
Neubau unsererGemäldegaleriezu verwenden. Ursprüng-
lich hatte man daran gedacht, letzteren an Stelle der
Kattenburg selbst aufzuführen, indessen gab man schließ-
lich der obern Bellevuestraße, als dem schönsten Punkt
der Stadt, den Borzug. Hier war ja auch unsere
Galerie, früher im Bellevueschloß befindlich, seit langer
Zeit heimisch. Man hat mehrfach die Frage aufge-
worfen, ob der Bau eines neuen Galeriegebäudes über-
haupt eine Notwendigkeit gewesen sei, da das alte
Lokal, hätte man geringe bauliche Veränderungen daran
wenden wollen, vollkommen ausgereicht haben würde.
Vor den um 1811 zum Nachteil der Galerie vorge-
nommenen Bauveränderungen muß diese in der That
einen recht stattlichen Eindruck gemacht haben. Jene
Veränderungen waren notwendig. „Das abgebrannte
alte Schloß", so heißt es in einer uns vorliegenden, anf
die Gründung der Kasseler Galerie bezüglichen Schrist,
„gewährte dem König von Westfalen keine Wohnung
mehr, und so mußte eine neue improvisirt werden, die
in allem die Spur unbedachter Eilfertigkeit aufwcist.
Das mag Mitursache sein, warum man späterhin in
Beurteilung der Kasseler Galerie nie ganz gerecht gc-
wesen, weil, wie begreiflich genug, die nachfolgende

*) Der Neubau unserer BUdergalerie, die Post, das
Justiz- und Regierungsgebäude u. a. geben davon Zeugnis.
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