Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Ausstellung alter Meister in Burlington House.

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erschienen sind und über 10 000 Exemplare abgesetzt
wurden. Der neue amtliche Katalog ist im Werke.

G. Wittmer.

Ausstellung alter 2sleister in Burlington bsouse.

(Fortsetzung.)

Fast alle holländischen Feinmaler ersten Ranges
sind in besten Bildern vertreten, am überraschendsten
Paul Potter in einem Landschaftsbilde ohne Gleichen
vom Jahre 1646. Zwei Kühe im schattigen Vorder-
grunde links sind hier ganz Nebensache, kaum bemerkbar.
Die Landschaft ist ganz um ihrer selbst willen da und
steht unter den Schöpsungen der großen holländischen
Landschaftsmaler ganz einzig da. Am ehesten könnte
man vielleicht an Govaert Camphuysen erinnert wer-
den, wenigstens bezüglich der Farbenharmonie, aber
die Auffassung ist weit schlichter, die Charakteristik
viel intimer. Die Mitte des Bildes nimmt ein direkt
nach dem Hintergrunde sich verjüngender Kanal ein;
an ihm entlang läuft eine breite Straße, auf der
zwei Männer selbander wandeln. Häuser und Hlltten
stehen zur Seite. Sonnenschein breitet sich über die
Landschaft. Am Himmel erscheinen einzelne Wolken.
Der glückliche Besitzer des Juwels ist Sir George
Philips, Baronet (Nr. 69; auf Holz; 45 oin hoch,
61 oiu breit). Daneben hängt ein im Todesjahr des
Jsaak vanOstade gemaltes Bild, vier Figuren an der
Thür einer von hohen Bäumen überschatteten Hütte,
das, soviel mir bekannt, farbenglühendste des damals
erst 28jährigen Meisters (Nr. 70; aus Bearwood).
Lord Peurhyns Jan Steen (Nr. 238) zieht uns darum
ganz besonders an, weil das Bild neben der Signatur
das Datum 1655 führt und wohl als ein im Auftrag
gemaltes Porträtbild zu gelten hal. Eine Straße von
Haarlem mit einem Kanal bildet die Scenerie. Vor
der Thür eines Hauses im Vordergrunde sitzt eine Magi-
stratsperson, der eine Bettlerin mit ihrem Söhnchen
eine Bittschrift überreicht, während die Tochter des
Hauses in vornehmer Tracht, die Treppe des Vorplatzes
herabsteigend, eben ihren Ausgang nimmt.

War Metsu auch kein Schüler des Ter Borgh,
sondern vielmehr des G. Dou, so mag er doch, wie
schon z. B. von V. de Stuers ausgesprochen worden
ist, an den Werken des ersteren seinen malerischen Ge-
schmack ausgebildet haben. Wenige Bilder dürften das
so deutlich ins Licht stellen wie das köstliche, jeden-
falls frühe Halbfigurenbild einer Dame, welche einem
Herrn Wein einschenkt; eine alte Frau im Hinter-
grunde. Dieser Metsu ist nicht bezeichnet und gehört
der Sammlung des I. Walter, Esg. an (Nr. 92).
Das Strandbild von Scheveningen von Willcm van
de Velde, im Besitz dcs Earl of Calcdon (Nr. 81),

ist mit 1653 datirt, gehört also zu den srühesten Werken
des 1633 geborenen Meisters, der hier schon ganz
selbständig erscheint und kaum irgendwie an seinen
Lehrer Simon de Vlieger erinnert. Die See ist leicht
bewegt und mit emzelnen Booten belebt, der Himmel
ist wolkig. Ein weiteres Jnteresse erregt das Gemälde
wegen der zahlreichen Figürchen am Strande, welche
ungewöhnlicherweise nicht von dem Meister selbst her-
rühren, sondern, wenn nicht alles täuscht, von seinem
jüngeren, damals erst 14jährigen Bruder Adriaen, der
bekanntlich zu den frühreifsten Talenten der holländi-
schen Schule gehört. Dieselbe Jahreszahl 1653 tragen
auch fünf von den 21 Radirungen seiner Hand. Auf
dem Bilde ist die Jahreszahl mit der Zeit leider so
blaß geworden, daß bei der letzten Ziffer möglicher-
weise statt der 3 eine 4 zu lesen wäre.

Von den unter Franz Hals' Namen gehenden Ge-
mälden, zwei männlichen Brustbildern (Nr. 87, Besitzer
S. K. Mainwaring und Nr. 107 im Besitz deS Par-
lamentsmitgliedes Lewis Fry), steht nur dem ersten die
Echtheit unverkennbar an der Stirn geschrieben. Und
dieser vorzüglich erhaltene echte Franz Hals stellt zu-
gleich Franz Hals selbst dar. Der rechte Arm mit
einem Pinsel in der Hand lehnt auf einer Stuhllehne.
Ein breiter schwarzer Hut bedeckt den Kopf. Schwarz
ist auch das Gewand, Las ein breiter weißer Hals-
kragen ziert. Auf dem dunkeln Hintergrunde befindet
sich das Monogramm mit der Jahreszahl 1635.

Unter den Bildern der vlämischen Schule be-
haupten wohl die erste Stelle die drei zu einem
Triptychon vereinigten, auf Holz gemalten Skizzeu
zu dem weltberühmten Flügelbilde der Antwerpener
Kathedrale von Rubens mit derhochdramatischen Dar-
stellung der Aufrichtung des Kreuzes. Jch habe kaum
nötig hervorzuheben, daß der von Prof. Lemcke in
Berruf erklärte zottige Hund auf dem ausgefiihrten
Gemälde (s. Dohme, Kunst und Künstler I, 20—22,
S. 32) auf der Skizze fehlt. Der Rahmen, in welchen
letztere gefaßt ist, scheint mir übrigens darauf zu deuten,
daß diese Skizzen zu König Ludwigs XIV. Zeit im
Versailler Schloß sich befanden.

Der jiingere Teuiers ist iu nicht weniger als
neun vorzüglichen Genrebildern vertreten, und von diesen
sind drei mit folgenden Daten versehen: 1644: Nr. 89
„Rauchgesellschaft" (Sammlung des Earl von Strafford);
1649: Nr. 88 „Bauerntanz", aus Bukingham Palace,
und 1658: Nr. 85 „Kartenspieler" (Besitzer S. Sandars).
Die lebensgroßen Porträtfiguren englischer Edelleute,
welche unter Van Dycks Namen gchen — und die
Kritik kann hier den gewandten Maler von der Ver-
antwortlichkeit solcher Produktionen nicht freisprechcn —,
wird man weniger loben als entschuldigen müssen.
Sind sie doch nicht mit der Absicht gemalt, um auf
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