Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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Es ist aber immer derselbe Pappdeckelkrieger, mit
demselben nichtssagendcn Gesichte, demselben blonden
Schnurrbart und derselben von ihm ausströmenden
Langeweile. Es wäre wirklich Zeit, zum Vorteil der
französischen Armee und der französischen Kunst, diesen
Helden zu pensivniren.

Ein wahres Kleinod ist ein kleines Bild mit Erd-
beeren, die, einer umgestürzten Ssvrestasse entspringend,
auf dem Tischtuche hernmkollern. Die Tasse, der Tisch, das
Tuch, namentlich aber die Früchtchen und die Malereien
des Porzellangefäßes stnd von täuschender Ähnlichkeit.
Der Maler besitzt in den Fingern jene Vollkomnienheit,
welche der Franzose mit dem Ausdruck Is üni treff-
lich bezeichnet. Die Signatur des Bildes mahnt mich
an eine persönliche Reminiscenz. Vor drei Äahren
ungefähr traf ich draußen bei den Festungswäken, dort
wo die Stadt aufhört und das Bois de Bologne be-
ginnt, einen Bekannten, den ich seit einer guten Spanne
Zeit nicht gesehen hatte und der in der That so ziem-
lich verschollen war. Er erzählte mir, daß er sich ab-
sichtlich zurückgezogen habe und in diesem entlegenen
Quartier ein verborgenes Häuschen bewohne, um die
kllnstlerischen Anfänge seines Sohnes zu überwachen,
der damals, ein Knabe von 15 Jahren ungefähr, be-
reits zu den besten Hosfnungen berechtigte. Er redete
mit überschwänglichem Enthusiasmus von den außer-
ordentlichen Anlagen seines Sohnes, und die väterliche
Liebe hatte ihn nicht geblendet, denn der junge Louis
Schreher ist der Autor des Erdbeerenbildes und von
zwei anderen ähnlichen Fruchtstücken.

Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß die Pastell-
malerei in diesem Versailles, wo sie einst ihre größ-
ten Triumphe feierte, nicht vergessen wurde, daß drei
Vitrinen mit sehr niedlichen Damenköpfen gefüllt sind
und daß die Liebhaber schöner Fächerarbeiten auch
nicht unverrichteter Dinge abzuziehen brauchen. Be-
sonders zu empfehlen ist eines dieser Kunstindustrie-
produkte, welches eine Volksversammlung im Bearn
znr Zeit Hcinrichs IV. darstellt. Um den Schloßherrn
drehen sich im Reigen Banditen und Landsknechte,
Bettlerinnen und Hexen, BUrgersleute und Seiltänzer,
ein wilder Tanz, der auf einen Fächer, der ja ebenfalls
für den Ball bestimmt ist, vielleicht ganz am Platze ist.

Paul d'Abrest.

Aunstiitteratur und Aunsthandel.

Das Schloß zu Meißen. Ein kunstgeschichtliche
Studie von Cornelius Gurlitt. Dresden, Gil-
bers'sche Verlagsbuchhandlung. 1881. 44 S. Mit
vier heliographischen Darstellungen und vier Holz-
schnitten.

Durch klare lebensvolle Schilderung in hohem
Grade geeignet, dem gebildeten Besucher der Albrechts-

burg und des Meißener Domes als trefflicher Führer
zu dienen, enthält die vorliegende Arbeit überdies nicht
unbedeutende, auf eigener Forschung bernhende Mit-
teilungen. Unter diesen sei hervorgehoben, daß der
Beginn des Dombaues in die Zeit um 1260, gegen
die frühere Annahme von 1222, gesetzt wird, was bei
gänzlichem Mangel romanischen Details auch völlig
begründet erscheint. Bezüglich der divergirenden An-
sichten Kuglers und Schnaase's, ob die Seitenschiffe
des Domes ursprünglich niedriger waren als das
Hauptschiff, tritt Gurlitt auf Seite dcs letzteren,
bejaht die Frage, nnd liefert dafür einen überzeugenden
Beweis (S. 7). Ebenso scheint seine Angabe, daß die
Mehrzahl der Pfeiler des Langhauses erst im 14. Jahr-
hundert und nicht schon im 13. errichtct wurden, auf
richtigem Urteil zu beruhen.

Bezüglich des Meisters Arnold von Westfalen,
des Erbauers der Albrechtsbnrg, basirt der Verfasser der
Hauptsache nach auf Distels erschöpfender urkundlicher
Arbeit und erwähnt als neues Aktenmaterial blos ein
Steinmetzen-Verzeichnis vom Frühjahre 1481 (S. 20).
Als wesentliches Verdienst muß es ihm aber zu-
erkannt werden, die Jndividualität Arnolds in frischer
und klarer Weise zur Anschauung gebracht zu haben.
Lebendig steht vor nns die Gestalt jenes Mannes, der
obwohl dem Einflusse der Antike völlig entrückt, durch
sein höchst individuelles Streben als Vorbote der
Renaissance in Deutschland erscheint. Arnold stellt
sich im Gegensatze zn den bisherigen Schloßbauten die
neue Aufgabe, einen wirklichen Palastbau auszuführen,
einen Bau, in dessen Konzeption ein Jneinandergreifen,
eine Steigerung, eine künstlerische Verbindung von
Raum und Raum zum Ausdruck kommen soll. Dieses
Streben des Künstlers wcist der Verfasser im Einzelnen
nach und findet darin mit Recht die hohe, noch nicht
genng gewürdigte Bedeutung Arnolds für die Geschichte
der Architektur in Deutschland. Demselben Meister
schreibt der Verfasser auch den Bau der Sakristei am
Dome, den Kreuzgang südlich vom hohen Chor, den
oberen Stock des breiten Westturmes, sowie die An-
fänge am Bischofsbau in Meißen zn, ferner den Bau
der Wolfgangskirche ini Meisethal und einige andere
weniger bedeutende Bauten. Dagegen spricht er ihm
im Gegensatze zu Distel den Bau des Chores der
Kirche von Mittweida und des Schiffes der Kuni-
gundenkirche zu Rochlitz ab. Jm weiteren bespricht
der Verfasser die nach Arnolds Tode 1481 in Meißen
wirkenden Meister, und es wäre eine dankenswerte
Fortsetzung, wenn derselbe Arnolds Einfluß auf Benesch
von Lann und dessen Wradislawsaal auf dem Hradschin
nachzuweisen unternehmen würde.

Wir haben uns mit der Aufzählung neuer Einzel-
heiten des Näheren befaßt, weil diese im Kontexte
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