Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Neue Erwerbungen der Dresdener Gemäldegalerie.

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und Georg V., deren Munificenz vor allem das Auf-
blnhen des Vereins gesordert hatte, gedacht, und der
hohen Staatsregierung ein warmes Jnteresse fiir die
Kunst ans Herz gelegt wurde. Nach dieser mit vielem
Beifall aufgenommenen Rede ertönte auS einem Neben-
saale der Choral „Die Himmel erzählen die Ehre des
Herrn", ausgesuhrt vom Dvmchor unter Leitung
O. H. Lange's. Dann erschienen zahlreiche Destuta-
tionen, welche dem Kunstverein Adressen und Glück-
wünsche darbrachten. Dabei glänzten durch ihre Ab-
wesenheit die Vertreter der mit unserem Kunstverein
zu einem Cyklus verbundenen Vereine — westlich der
Elbe — was um so auffälliger erschien, als bei der füns-
undzwanzigjährigen Jubelfeier von diesen Vereinen eine
künstlerisch ausgeführte Adresse Uberreicht worden war.

Der Präsident des Kunstvereins, welchem vorher
von dem Kunstvereinsvorstande eine kunstvoll gearbeitete
Adresse durch den Konservator des Vereins überreicht
Worden war, dankte für das dem Verein erwiesene lebhafte
Jnteresse und das ihm seit so langen Jahren entgegen-
gebrachte Vertrauen, verlas auch ein Glückwunschtele-
gramm der Großherzogin von Mecklenburg - Strelitz
(einer Tochter des Herzogs von Cambridge) und ein
solches ves Kunstvereins in Hamburg, gab sodann einen
Rückblick auf die Thätigkeit des Vereins, aus welcher
bemerkenswert ist, daß der Verein im Lause seines Be-
stehens über 1650 000 Mark für Kunstzwecke eingenom-
men und ausgegebcn hat, knllpfte hieran die Hoff-
nung, daß der Verein fröhlich weiter wachsen und
gedeihen möge und erklärte hierauf die 50. Kunstaus-
stellung für eröffnet. Jhren Abschluß fand die Feier
wie üblich in einem Festmahl, welches in den festlich
dekorirten Räumen des Künstlervereins stattfand.

Was die Ausstellung selbst betrifft, so ist die-
selbe etwa doppelt so reich beschickt wie die früheren.
Diese reichere Ausstattung ist der von dem Vorstande
herbeigeführten Leihausstellung zu danken, welche sich
der gewöhnlichen Ausstellung mit einer stattlichen An-
zahl aus Privatbesitz stammender, in den letzten 50
Jahren entstandener Bilder und Skulpturen anschließt.

L. Schulze-Waldhauscn.

Neue Lrwerbungen der Dresdener Gemälde-
galerie.

Die moderne Abteilung der königl. Gemäldegalerie
ist in dem letztverflossenen wie in dem angetretenen
Jahre um einige treffliche Werke bereichert worden.
Die Wahl ist wiedernm als eine recht glückliche zu
bezeichnen. Ohne Voreingenommenheit, möglichst alle
lebensfähigen Richtungen berücksichtigend, wird die
Sammlung ihrer Aufgabe, ein Gesamtbild der neueren
Malerei zu bieten, immer näher geführt.

ZunLchst wurde der Sammlung eine der besten
Leistungen Wilhelm Riefstahls einverleibt: ein siguren-
reiches Bild, welches einen Leichenzug vor dem Pan-
theon in Roni darstellt und in der Geschlossenheit der
Stimmung, in der Feinheit der Beleuchtung, wie in
der lebendigen Charakteristik der Gestalten zu den besten
Darstellungen des italienischen Volkslebens gehört. Das
Werk ist bereits 1871 gemalt und befand sich 1873
auf der akademischen Ausstellung in Berlin. Jn einer
Besprechung jener Ausstellung in der „Zeitschr. f. bild.
Kunst" wurde das Bild mit Recht eine Meisterleistung
ersten Ranges genannt.

Ferner wnrden einige Landschaften aus den Mitteln
der Pröll-Heuer-Stiftung auf der letzten Dresdener
Kunstausstellung angekaust. Dahin gehört eine Arbeit
von Gustav Schönleber in Karlsruhe, in welcher
die malerische Behandlung einen großen Triumph über
den Gegenstand feiert und welche für die naturalistische
Entwickelung der neneren Landschaftsmalerei sehr be-
zeichnend ist. Das an sich reizlose Motiv ist eine Gasse
des alten holländischen Hafenortes Blissingen zur^Zbbe-
zeit. Der graue Himmel und die wettergewohnten
Häuser spiegeln sich selbander gelangweilt in den
Wasserlachen, welche die Flut zurückgelassen hat. Die
alles umschleiernde Feuchtigkeit, das Spiel der Reslcxc,
überhaupt das elementarL Leben ist in dem Bilde mit
feiner Beobachtung schlagend veranschaulicht. Ebenso
wird man sich mit den beiden anderen erworbenen
Landschaften einverstanden erklaren. Die eine, von
Werner Schuh in Hannover, „Hünengrab" betitelt,
spiegelt mit warmer, frischer Empfindung die schwer-
mütige Poesie unserer norddeutschen Heiden wieder;
während die andere Landschaft von Arthur Thielc in
Dresden, in einer ebenfalls recht stimmungsvollen
Weise eine im Dämmerlichte ruhende Waldblöße mit
einem Rudel Wild darstellt. Thiele, dessen Spezialität
das Wild ist, zählt auf diesem Gebiete zu unseren
tüchtigsten Künstlern; seine gut beobachteten Tiere ver-
steht er zugleich vortrefflich mit der Landschaft und
Beleuchtung in einen inneren und abgerundeten Zu-
sammenhang zu bringen.

Weiter wurde aus dem Überschuß der vorjähri-
gen Ausstellungsgelder ein GemLlde von Libert Sury
angekauft, einem Belgier, der gegenwärtig in Dresden
lebt und mit dem in Rede stehenden Werke in unserem
letzten „Salon" unter großem und gerechtem Beifall
debutirte. Dasselbe stellt eine Nonne, in halber Figur
und on knoo dar. Vor ihr, auf einer Brüstung, liegt
ein offenes Gebetbuch. Sie ist in schwarze Gewänder
gehüllt, und nur der Kopf ist voll beleuchtet, dessen
Blick anf den Beschauer fLllt. Letzteres aber nur wie
zufällig. 'Man fühlt, die Seele weilt, vom äußeren
Dafein abgewendet, noch im Gebete oder anderwärts.
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