Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach,

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sind, scheinen die ausgestellten Gegenstände, von denen
eine Schale mit dcr Darstellung des Kampfes des
Hcrzogs Ernst mit dem Reiherkönig geschmückt ist,
aus der crstcn Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts
herzurühren, Eine reichhaltigere Farbenskala wurde
erst später erzielt,

Adolf Nosenberg,

Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach,

II.

Die Schilderung des Karlsruher Aufenthaltcs
beginnt heiter, ja humoristisch; Feuerbach ist wohl
und thätig, seine Arbeitslust wird durch kleine Anfträge
von seiten des Hofes gesteigert, allcs läßt sich befrie-
digend und hoffnungerweckend an — da erfolgt plötz-
lich ein verhängnisvoller Umschlag: der „mit einer
schwer zu schildernden Begeisterung gemalte Aretino"
wird von der großherzoglichen Galeriekommissivn zurück-
gewiesen; auch die „Versuchung des heil. Antonius"
findet dcs Gegenstandes wegen keine Gnade vor den
Augen dcr Kunstbehörde; dcr Kllnstler überstreicht im
Unmut das Bild und zerreißt es in tausend Stücke.
Nur ein kleines Daguerreothp ist davon übrigge-
blicbcn. Der Autor begleitct scine damalige, spätcr
von ihm bitter bereute Handlungsweise mit den schwer-
mlltigen Worten: „Es ist dies der erste Ning in der
langen Kctte von Mißverständnissen und Begriffsver-
wirrungen, die meinem Künstlerlebcn zum Flnch gewor-
den sind. Ein krästigcr Arm, der mich über die kleincn
Sorgen des Lebens hinweggehoben hätte, und ich würde
in einem Freudenstnrm dcn Gipfel crrcicht haben, auf
den ineine Natur sich erhebcn konnte. Abcr die Hilfe
kam immer zu spät und immer nur halb. So habe
ich zchn Jahre, die für die Kunst entscheidenden, ver-
loren, ein Verlust, der nie zu ersetzen ist".

Ähnliche Ausbrüche, mit Vorwürsen gegen maß-
gebende Pcrsvnlichkeitcn, mit Äußerungcn des Unmuts
übcr die Gleichgiltigkeit und Ungerechtigkeit der Zeit,
wiederholen sich häusig in dem Buche. Und wir müssen
gestehen, daß sie uns um sv peinlicher berühren, je
weniger wir von ihrer objektiven Berechtigung uns
überzeugen können. Von den Karlsruher Autoritäten
wird namentlich C. F. Lessing arg mitgenommen. Er
soll es vornehmlich gewesen sein, der auch Schirmers
srüheres Wohlwollen für Feuerbach ins Gegenteil um-
wandelte. Die Motivirung nimmt sich häßlich genug
aus: „Lessing" — schreibt unser Antor — „konnte mir
nicht verzeihen, daß ich einst glaubte in Düsseldorf
nicht genug lernen zu können. Als zehn Jahre nach-
her ein Münchener Kunstmäcen mir seine Ausmerksam-
keit zuwcndete, gereichte ihm dies zu größter Ver-
wunderung. Nur ein Mecklenburger Baron könne

solches thun, meinte er". -— Was die vermeintliche Um-
stimmung Schirmers anlangt, so machen zwei in den
Anmerkungen am Schlusse des Buches abgedruckte
Briefe es für uns evident, daß Schirmer dem Künstler
nicht nur srüher, sondern auch noch während der ita-
lienischen Zeit mit Rat und That freundlichst zur
Seite stand. Wärmer und verständiger kann sich nie-
niand ausdrücken, nls Schirmer es hier thut. Fener-
bach glaubt auch, er sei ihm „wirklich gewogen", macht
ihn aber in dcmselben Atem als Künstler und Charak-
ter geradezu lächerlich. Was das Künstlerurteil — des
einen über den andern — an Lieblosigkeit zu leisten im-
stande ist, davon enthält das Buch überhaupt eine
Reihe von charakteristischen Beispielen.

Jm Juni 1855 zog nnser Künstlcr znm crstenmal
über die Alpen, mit dem vom Großherzoge von Baden
erhaltenen Auftrage, ihm Tizians Astunta zu kopiren;
sein Begleiter war der Dichter des „Trompeter von
Säkkingen". Ein prächtig geschriebener Reisebricf aus
Venedig schildert ihre gemeinsame Fahrt. Schvn in
den Blättern aus der ersten Jngendzeit überrascht uns
biswcilen ein Blick in die Natur, mit dem Auge des
Malers erschaut und in wahrhaft klassischcr Form
festgehalten. Sv z. B. in den von tiefem Heimats-
und Naturgcfühl durchdrnngenen Wortcn: „Jmmcr
werde ich des unauslvschlichcn Eindruckes gcdenken,
wenn auf der ersehnten Heimfahrt bei Emmendingen
die Eisenbahn den weiten Bogen beschrieb, dic ganze
so geliebte Schwarzwaldkette sich aufrollte, und die
fcine Spitze des Freiburgcr Münstcrs in der Ferne
sichtbar wnrde, nach öden akademischcn Jahren in der
sandigen Ebene des Niederrheins". —> Nun, in Jtalicn
steigert sich dieser Sinn für die Natur zu leidenschaft-
lichcr Liebe; wir fühlen mit, wie der Künstler erst auf
diesem Boden zu sich selbst kommt, wie er hicr scine
geistige Heimat sindet. Zugleich mit dcn Wonnen
der südlichen Lust und Sonne geht dic grvße Kunst der
Jtaliener ihm auf. Die weiche Stinnnung, der Grund-
ton seiner Seele, bemächtigt sich mehr und mehr scincs
Wesens, und wir könnten es hier — wenn wir's nicht
schon wüßten — auf jeder Seite bestätigt, mit des
Künstlers eigenen Worten ausgedrückt finden, daß cs
ein eingcprägt lprisch.es Talent, ein klassischcr
Stimmungsmaler ist, dessen Werden wir belauschen.
Die Abschnitte aus Venedig, Florenz und Rom ge-
hören schriststellerisch zu den glänzendsten Partien des
Buches. Wie poetisch und wahr schildert der Autor
z. B. die „8anta eonvsrsamons" der Venetianer!
„Dunkle Madonnen in schöner Architektur sitzend, nm-
geben von ernsten Männern und schönen Frauen in
heiliger Unterredung. Jmmer sind drei Engelchen
darunter mit Geigen und Flöten. Jch finde, daß da-
mit alles gesagt ist, was man braucht, um schön
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