Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Noch einmal Pseudogrünewald,

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Noch einmal Pseudogrünewald. *)

Mein Artikel über Pseudogrünewald crhielt eine
lange Erwiderung in Nr. 13 dcr Knnstchronik; niöge
es mir hiermit gestattet sein, auf sie mit einigcn Worten
einzugehen.

Vor allem muß ich kvnstatiren, daß ich nicht erst
durch den archivalischen Fund zu meiner Ansicht ge-
leitct wurde. Wenn ich unt dcr Bilderkritik auch nvch
archivalische Forschungen verbinde, so sollte das doch
wohl „der gegenwärtigcn EntwickelungSphase knnsthistv-
rischer Forschung entsprechen".

Auch mir sind fast alle von den ins Fcld gcführ-
ten sogenannten Jugendwerken Kranachs aus eigener
Anschauung bekannt, dazu noch die meisten in den
sächsischen Ländern. Auf mich haben nun die Werke
des Pseudogrünewald einen ganz anderen Eindruck ge-
macht als die vielen mir zu Gesicht gekommenen kirch-
lichen Darstellungen Kranachs. Daß man unter den
vielen ehcmaligcn Grünewaldschcn Wcrken eine Sich-
tung vornehmcn muß, ist klar. Gcrade der Altar in
Halle spricht gegen die Annahme von Jugcndwerken,
denn er trägt die Jahrzahl 1529, und damals war
Kranach bereits 57 Jahre alt. Frcilich sagt Woer-
mann, daß Kranach den einen — ivie auch von ihm
anerkannt — großartigeren Stil in den Kirchengemälden
längcr festgehalten habe: eine Annahme, zu der man
dann allerdings notgedrungen greifen muß. Bcsonders
auffallend war mir der Untcrschied beim Anblick der
beiden Bilder in der Stadtkirche zu Naumburg. Das
eine, „Die Anbetung der heil. drei Könige", ist von
Wvltmann (Rezensionen und Mitteilungen über bildende
Kunst III, S. 22) cingehend beschricbcn wordcn, doch
noch vom Standpunkte Passavants aus. Neben diesem
hängt das von Woermann als so vorzüglich geschilderte
Bild Kranachs: „Lasset die Kleinen zu mir kommen".
Diese beideu Gemälde, nebencinandcr gchalten, vcr-
mögen allein schon den Glanbeu zu erschüttern, daß
sie von einem Meister herrühren.

Wie wenig kann ferner gcgen das Madvnncnbild
bei Hofrat Schäfer das im selben Besitze befindliche
Parisurtcil Kranachs auskommcn! Es ist niir wohl
bewußt, daß ich damit W. Schmidts Ansicht entgegen-
trete, der im übrigen jedoch gemäß seiner mündlichen
Außerungen nicht als Gegner von niir angeführt
werden darf.

Gerne bin ich bereit, auch noch die übrigen ein-
schlägigcn Gemälde zu besprechen; doch fürchte ich, daß
wir auf dem altcn Standpnnktc bleiben, sv lange
Woermann — wie es ja im letzten Artikel wieder der
Fall ist — kein andercs Argunient bringen kann, als

*) Wir schließen hiermit diese Debatte. Anm. d, Red.

den rein individuellen Eindruck. Selbst die Ansührung
von Gesinnungsgenossen verniag mich nicht von meiner
Ansicht abzubringen. Jch kann mich ebensalls auf
svlche berufen und sogar mit vollem Recht auf die
älteren Kunstforscher beziehen. Wenn sie sich auch in
der Person geirrt haben, so bleibt doch die Thatsache
bcstehen, daß von ihnen für die sraglichcn Gemälde
ein eigener Meister angenommen ivurde. So lange
Eisenmann mit seiner Meinungsänderung nicht in die
Öffentlichkeit getreten war, war ich vvllberechtigt, mich
auf ihn zu berufen. -— Wie will Woermann er-
klären, daß Kranach gerade in den besten Werken sein
Monogramm ängstlich vermieden hat, während es doch
sonst fast auf allen scinen Bildern prangt? — Da-
gegen, daß die Werke Pseudogrünewalds wenigstens
unter indirektcm Einfluß Albrechts II. Vvn Brandenburg
entstanden sind, sprechen auch die Jahrzahlen nicht, die
sick auf niehreren seiner Werke finden. Da ist die
Jahrzahl 1518 auf dem Altar im Brandenburger
Dome, 1521 auf dcm Altarin der Annenkirche zu Anna-
berg, 1529 auf dem Altar zu Halle, Hierzu konimt
noch die Entstehungszeit der sicher hierhergehörigeu
Miniaturen des Mainzer Domschatzes circa 1520 und,
wenn meine Vermutung betreffs der Nielloarbeiten am
Grabmal der heil. Margaretha richtig ist, die Jahrzahl
1535 — Daten, die sämtlich in die Regierungszeit
Albrechts (1514—1545) fallcn. Es kann daher anch
nicht die Rede davon sein, daß Kranach die Gemälde
maltc, „ehe cr nach Wittcnberg ging", was bekanntlich
1504 der Fall war.

Von einem „Dutzend" Bilder zu sprechen, dürfte
sich schon als unrichtig erweisen, wenn man beachtet,
daß der Haller Altar allein aus drei großen Haupt-
bildern und scchs Flügclbildcrn bcstcht. Sicher sind
auch Gemälde zu Grunde gegangen, worauf schon das
fünste Flügelbild zum Erasmusaltar — der heil. Valen-
tinus — schließen läßt. — Daß der Pseudogrünewald
aus der Schule Kranachs hervorgegangen ist, bestreite
ich gewiß nicht, nur nehme ich dazu an, daß er später
auch untcr dem Einfluß Grünewalds gestanden habe,
als dieser selbst schon in vorgeschrittenen Jahren war.
Jn diese hat man auch das im gcraden Gegensatze zu
den Kvlniarcr Bildern äußerst fcierliche und ruhige
Erasmusbild zu sctzen, Jn ineinem Artikel in Nr. 43 der
Kunstchronik XVI. behauptete ich übrigens nicht, daß
die Flügelbilder keineswegs ursprünglich zum Eras-
musbilde gehörten, sondern gab ausdrücklich noch der
Bermutung Raum, daß sie erst später zu dem schon
vorhandenen Mittelbilde bestellt wurden.

So sehr problematisch ist wohl die Annahnic nicht
daß Meister Simon Hofmalcr bei Albrccht II. war.
Mit dem Ausdrucke „erschienen Pension" ist bewiesen,
daß dem Maler Simon oder dessen Witwe mittelst
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