Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

Page: 381
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1882/0193
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
381

Korrespondenz aus Berlin.

382

Dicses Insichversunkensein oder Jngedankcnsein ist mit
großem psychologischen Verständnis bewundernswert
dargestellt. Aber auch in Bezug auf die rein male-
rische Durchsührung, namentlich in der Lichtwirkung,
folgtc der Knnstlcr dcn bestcn Traditioncn sciner hcimi-
schcn Kunst.

Schlicßlich tvurde kürzlich ans dcni Galcriefonds
noch cin großeres Bild von Heinrich Hvfmann in
Dresden erworben. Die Galerie besitzt bereits eine Arbeit
diescs Künstlcrs: „Die Ehebrcchcrin vor Christo", doch
wird dicselbe in vieler Beziehung von dem jüngst ange-,
kanstcn Wcrk übertroffen, welches nicht nur zu dcn bestcn
Leistungen Hofmanns zählt, sondern überhaupt zu den
gelungenstcn biblischen Gemälden, die scit Jahren aus
Dresdener Ateliers hervorgegangen. Bereits bewarben
sich auswärtige Sammlungen um das Bild, und so
war es wohl sür die hiesige Galerie angezeigt, sich
dasselbe zu sichern. Der Gegenstand des Gemäldes ist
dcr zwölfjährige Jesus im Tenipcl unter den Schrift-
gelehrten (Dreiviertelfiguren); eine anziehende, schon oft,
aber nicht immer glücklich behandelte Aufgabe. Meist
wird der Knabe geradezu lehrend, ja predigend dar-
gestellt, gleichsam in bewußter geistlicher und gött-
licher Überlegenheit den verwunderten Graubärten
gegenüber, wodurch etwas Unverständliches und Er-
kültendes in die Darstellung kommt und was auch
gar nicht dcm Berichte des Evangelisten cntspricht.
Nach letztcrcm hatte dcr Drang nach Erkenntnis dcn
Knaben in den Tempel geführt; er war gekommen,
„daß er ihnen zuhörte und sie sragte". Jn dieser
menschlicheren Weise hat Hofmann den Gegenstand
aufgefaßt. Das tiefe, klare Auge, die ganze beseligte,
in sich sclbst rnhende Erscheinung des Knabcn läßt den
künftigen großen Lehrmeister der Menschheit wohl
ahnen, abcr er ist sich seincr Größe wie des Eindrucks
seiner Fragen und Antworten nicht bewußt. Bei
lebendigstcr Beseelung ist ihm alle Frische und Naive-
tät des Kindes gewahrt. Auch die fünf Schriftgelehr-
tcn, deren Wisscn an den nnbcfangenen, tiefsinnigen
Fragen und kühnen Antworten des Kindes zu Schan-
den wird, sind je nach ihrer Gemütsart, in stillem
Staunen und frendigem Eingehen oder in hochmütiger
Rechthaberei und ärgerlichem Eifer, fein und lebendig
charakterisirt. Das Ganze ist mit jenem weichen
Schvnheitssinn durchgeführt, welcher dcm Künstler
eigentümlich ist. Bon derselbcn Fcinheit und Noblesse,
wie dic Zeichnung, ist anch daS warmc harmonischc
Kolorit des Bildes. C. C.

Aorrcspondenz.

Berlin, 13. März 1882.

Die künstlerische AuSschmückung dcs Kuppel-
saales in der Ruhmeshalle ist in den lctzten
Wochen in erfreulichster Weise fortgeschritten: der
Haupteingang desselben, zu welchem eine Freitreppe von
dem glasbedeckten Hofe sührt, hat ein paar prachtvolle
Flügelthüren von Bronze erhalten, und von dem eben
beendigten Bleibtreu'schen Gemälde ist das Gerüst
entfernt worden. — Jene von Ewald modellirten, von
Gladenbeck gegossenen Bronzereliefs, sowie eine An-
zahl von Bronzeplatten mit allegorischen Reliefdar-
stellungcn, tvclche in Gestalt von Emblemcn an dem
unteren Teile der Wand angebracht sind, verdienen
unsere Teilnahmc in hohem Maße, wcil sie das
schönste Zeugnis von der Vervollkommnung der hiesigen
Bronzetcchnik ablegen. Der Gesamteindruck dcr Thürcn
ist der einer edlen Einfachheit, das Ornamentale ist
aus das Nötigste beschränkt; die Thüren selbst sind in
je drei viereckige Felder eingeteilt, deren mittleres auf
der linkcn Seite den Beginn des Krieges, auf der
rechten das Ende desselben symbolisch zur Darstellung
bringt. Auf dcni ersten reichen zwei Genien dem
Krieger die Waffen, während eine zu seinen FUßen
sitzende, schmerzlich bewegte Frauengestalt mit einem
Kinde das Mitleiden und den Abschiedsschmerz sym-
bolisirt. Auf dem zweiten Bilde diktirt eine Biktoria
der Muse der Geschichte die Begebenheiten; zu ihren
Füßen stellt ein trauerndes Weib mit einem Kranze
in der Hand dic Klage und den Schmerz um dic Ge-
fallenen dar. Beide Bilder sind vornehm empfunden,
die Aussührung aber ist in so hohem Maße stilvoll
.und fein, daß man in der That fürchtet, sich im Lobe
nicht genug thun zu können. Ruhig darf man be-
haupten: diese Technik des Gusses und des Ciselirens
wird jetzt von wenigcn — nicht blos hier, sondern
allerwärts — erreicht, von keinem übertroffen.

Wenden wir uns von der wohlthnendcn Bctrach-
tung dieser Thüren links, so stehen wir vor Bleib-
trcu's socbcn vollendetem Werke — vollendet erscheint
es in der That! Die Notwendigkeit, in welche der
Künstlerversetzt wurde,die Case'infarben, mit welchen
Geselschap in den oberen Kuppelteilen so Uberraschende
Erfolge erzielt, zn Gunsten der Wachsfarben aufzu-
geben, hat ihn nicht verhindert, seinem Gemälde die-
jenige Tiese zu verleihen, welche er, der Meistcr der
Lnftperspektive, bei großen Figurenbildern anzubringen
pflegt nnd in den neueren Werken mit immer größerem
Ersvlgc durchführt. Wir werden an cinen nicht ganz
klaren Frühlingsmorgen versetzt; die Vormittagssonne
will sich durch Dunst und Gewölk durchringen, wir
j glauben, mit Erfolg — eine bezeichnende Atmosphäre
loading ...