Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Nekrologe.

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Noch ein Wvrt über die deutschen Bilder. Jn
Nr. 192 (Besitzer F. R. Leylcmd) schildert Kranach
eine Lucretia, natürlich eine naive sächsische Bürgers-
frau, der das Heroisch-sein-wollen schier mißglückt. Das
Bild führt das bekannte Monogramm und das Datum
1529. Aus I. Walters Sammlnng stammt das merk-
würdige Bild Nr. 213: „Simsvn bewirkt den Einstnrz
dcs Palastes der Philister". Nun behauptet Waagen
im Handbuch der deutschen und niederländischen Maler-
schulen (II, S. 202) die einzigen Bilder Vvn Johann
Biktvr Plazer (1704—1707), welche er iu England
gesehcn, befänden sich im Besitz des eben Genanuten.
Dagegen läßt sich vielleicht zweierlei einwenden. Das
angeführte Bild ist deutlich „F. I. Plazer" siguirt,
was auf Vornamen deutet, die sich niit keinem der
drei Platzer bei Nagler identifiziren lassen. Das Bild
ist sehr der Beachtung wert, geistvoll komponirt
nnd meisterhaft iu den wohlstudirteu Konturen, Ber-
kürzungen u. s. w. Der Charakter ist durchaus der
des Geschmackes in der zweiten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts, was auch zu keinem der Platzer bei Nagler
paßt. Leider fehlen hier zu Lande die Materialien zu
weiteren Vergleichen, um das kunsthistorische Schicksal
dieses Bildes endgiltig festzustellen.

Vvn dem im Jahre 1820 gestvrbenen Münchener
I. A. Wink hat die Ausstellung ein bezeichnetes Bild
(„lloun 7llng.nckIVinIc xinx. Nonnoliii 1786"; Nr. 64)
aufzuweisen, welches eine Gruppe von Wildpret und
Fürchten darstellt. Der Besitzer, Baronet Sir Francis
Drake hatte es mit der Etikette „IVssnix" eingesandt.

I. P. Richter.

Nekrologe.

II. 8x. Martin Gensler f. Als jüngster vvn drei
Brüdcrn, die sich alle der Malerei zuwandten, wurde
Martin Gensler am 9. Mai 1811 in Hamburg ge-
boren, wo der Vater eine Goldspinnerei betrieb. Den
ersten künstlerischen Ilnterricht enipfing Gensler von
seinem Bruder Gllnther (geb. 1803), einem tüchtigen
Porträtmaler; im übrigen hat er seine Ausbildung nur
sich sclbst zn danken. Seine Leitsterne dabei waren
einige Gemälde und gute Radirungen der holländischen
Schule des 17. Jahrhunderts. Die Eindrücke seiner
Umgebung — das damalige Hamburg war noch reich
an interessanten Baulichkeiten — bestimmten die Rich-
tung seiner Kunstthätigkeit auf die Darstellung von
altertümlichen Häusergruppen und Jnnenräumen. Er
ging jedoch nicht so sehr darauf aus, das architektonisch
Schöne zu schildern, als vielmehr die malerische Wir-
kung einzelner Gebäudeteile, Krenzgänge, Burghöfe,
winklige Gassen u. s. w. wiederzugeben, indem er ihnen
durch die Art der Beleuchtung und durch hübsche Staffi-
rung einen poetischen Reiz zn verleihen suchte. Die
figürliche Staffage seiner Gemälde, die er aus der
unmitlelbaren Gegenwart entlehnte, erhebt sich nicht
selten zu einer selbständigen Bedeutung, ist aber immer

der Hauptabsicht, den Ranm malerisch zu gestalten,
untergevrdnet. Da Gensler in dieser Richtnng damals
in den Kunststädten Deutschlands wenig Anregung
finden konnte, ist es leicht zu erklären, daß er nach
nur zweijährigem Aufenthalte in München nach seiner
Vaterstadt zurückkehrte, um sich dort dauernd nieder-
zulassen. Mit besonderer Vorliebe und geradezu
wissenschaftlicher Griindlichkeit wandte er sich in seinen
Mußestunden dem Studium der mittelalterlichenFvrmen-
sprache in der Architektur wie im Kunstgewerbe zu
und war als eine Autorität auf diesem Gebiete allge-
mein anerkannt. Sein Wissen und Können be-
sähigten ihn zu einer erfolgreichen Lehrthätigkeit, wie
er sie bis znm Jahre 1865 an den Schulen der „Patriv-
tischen Gesellschaft" entfaltete. Besonderes Verdicnst
erwarb er sich svdann als Begründer und Leiter der
Sammlung Hamburgischer Altertümer, zu deren Stif-
tung der große Brand vom Jahre 1842 die Anregung
gab. Bei den massenhaften Neubauten, die das er-
wähnte Ereignis bedingte, diente er nicht selten als
Berater und Mitarbeiter, so insbesondere bei dem Hausc
der „Patrivtischen Gesellschaft", dem ersten streng durch-
gebildeten modernen Backsteinban Hamburgs. Unter
seinen Entwürfen zu knnstgewerblichen Arbeiten ninnnt
der große Silberpokal des Hamburger Künstlervercins
die erste Stelle ein, ein reichgegliedertes, mit Vcr-
goldung, Eniail und Elfenbeineinlagen geschmücktes
Prunkstück, das sich an mittelalterliche Muster anlehnt
^ (vollendet 1857). Gensler war unverheiratet und lebte
mit seinen Brüdern und der alten Mutter, später mit
dem ältesten, ihn überlebenden Bruder zusammen in
fast klösterlicher Zurückgezogenheit. Da er etwas Ber-
mögen besaß und nur bescheidene Ansprllche ans Leben
machte, war er imstande, stch von äußeren Verhält-
nissen ganz unabhängig zu machen und seine Arbeiten
mit Muße durchzubilden und abzurunden. Die meisten
derselben befinden sich in Hamburg im Privatbesitz. Allen
öffentlichen Kunstangelegenheiten wandte er lebhastesJn-
teresse zu, führte auch wohl die Feder in schlichter, klarer
Weise, und der Einfluß, den er im Stillen übte, war um
so größer, als es ihm stets nur um die Sache, nie um
I Persönlichkeiten zu thun war, am wenigsten um seine
eigene. -— Er war von mächtiger Gestalt und kerniger
Gesundheit und das eifrigste und treueste Mitglied des
von ihm 1832 mitbegrllndeten Künstlervereins, an dessen
wöchentlichen Zusammenkünften er selbst dann nvch
teilnahm, als bereits zunehmende Schwerhörigkeit den
Verkehr mit ihm zu erschweren begann. Durch die gleich-
mäßige Heiterkeit seines Gemütes und durch die Milde
seiner Gesinnung erfreute er die Herzen aller, die ihm
nahe standen. Die Folgen einer Operation, der er
sich eines Halsleidens wegen unterziehen mußte, machten
seinem Leben am 15. Dez. 1881 nach kurzem Kranken-
lager ein Ende.

O Der Historien- und Genremaler Eduard Steinbrück
ist ain 3. Februar in Landeck in Schlesien qestorben, nwhin
er sich 1876 nach Abschluß seinsr künstlerischen Thätigkeit
aus Berlin zurückgezogen hatte. Geboren am 3. Mai 1803
^ in Magdeburg, mutzte er sich zuerst der kaufmännischen Lauf-
bahn widmen, bis er 1822 Gelegenheit fand, in das Atelier
Wachs einzutreten. Er begann seine Thätigkeit mit religiösen
Gemälden, die jedoch keinen Erfolg hatten, und begab sich
deshalb l829 nach Düsseldorf, wo er endlich das Gebiet
fand, in wslchem seine Kräfte wurzelten, das romantifche
j Märchenbild und die Kinderidylle. Die „Badenden Kinder"
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