Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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,7. Iahrgantz.
Beiträge

die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zn richten.

Y. ^ebruar

Nr. s7.
Inserate

ct 26 ^>f. für die drei
Mal gespaltene j?etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Aunschandlung
angenommen.

,882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Ausstelluitg alter Meister iit Burliugton House.

Londcin, im Jannar 1882.

Die soeben ervffnete dreizehnte, von den Mitgliedern
der Royal Academy veranstaltete Ausstellung von
Werken der altitalienischen Schulen, der hollcindischen
und der älteren englischen Maler bildet, wie alle vor-
angehenden, eine Auswahl aus dcm cnglischen Privat-
besitz. Mit deni Beginn eines jeden Jahres hat das
kunstliebende Pnblikuin Englands Gelegenheit, auf die
Daucr von nahezu drei Monaten in einer ylötzlich
entstandenen Gemäldegalerie Meisterwerke zu bewun-
dern, die den meisten Kunstsreunden bisher entweder
unzugänglich oder ganz unbekannt gebliebeill waren.
Auch die Tagespresse nimmt im weitesten Umsang und
eingehend davon Notiz, nnd alle Welt ist mit sich darin
einig, daß Englands Reichtum an echten Kunstwerken
grenzenlos und unerschöpflich ist. Der Katalog, ein
ansehnliches Hest, giebt eiugehende Beschreibungen der
Bilder, die Signaturen, Größenverhältnisse ic. und
bei den Porträts auch kurze Biographien. Was aber
die Namen der Maler betrifft, so ist hier prinzipiell
auf alle Kritik Verzicht geleistet. „Die Gemälde sind
niit den Nanien katalvgisirt, nnter denen sie die Be-
sitzer leihen, und die Akadem ie ist fiir ihre Anthentizität
nicht verantwortlich", das ist das Schibolet, welches
großgedruckt jedem Kataloge auf die Stirn gcdrückt
ist. Natürlich haben dic Herren von der Presse kcinen
Geschmack für eine so heroische Entsagung, und so be-
steigt der Troß der Kunstreporter seinen unverant-
wortlichen kritischen Klepper, um mit der Unfehlbarkeit
von Schwarz auf Weiß Bannstrahlen oder Heilig-

sprechungen mit einer uns in Staunen versetzenden
Kühnheit dcr Uberzengung ausznteilen, oder auch um
aus dcn jewciligen Eindrücken nach rein individuell-
ästhetischer Prädisposition ein sententiöses Raisonnement
abzuleiten, das darauf ausgeht, den Charakter oder
Gehalt eines Bildes gleichsam mit Worten nachzumalen.
Nehmen wir die signirten holländischen und die engli-
schen Bildcr aus, so ist es mit der Verläßlichkeit des
angehängten Malernamens gewöhnlich nicht weit her.
Freilich wird ein Raffael von halbwegs gewinnendem
Schein, wenn er aus der berühmten Sammlung irgend
eines Herzogs stammt und dazn in dcr Ausstellung einen
Ehrenplatz erhalten hat, von den Feuilletonisten schwer-
lich mit unhöftichen Zweifeln behelligt werden. Der
dauernden Bedeutung guter Bilder geschieht durch die
Feder der Reporter natürlich auch kein Eintrag. Dem
großen Publiknm wird die Betrachtung derselben imnier
eine angenehme Unterhaltung sein, während die Kolli-
sion der Ansichten, die von diesem und jenem Kritiker
vorgetragen werden, kaum irgend welchen Lärm her-
vorbringt. Können die Meister sür ihre legitimen
Rechte nicht mehr selbst eintreten, so haben sie doch
darin eine Art Revanche, daß die heutigen Benennungen
ihrer Werke den leichtgläubigen Kritikern nur eben
eine Mausefalle, den mißtrauischcn aber eine Vogel-
schenche sind.

Der Katalog umfaßt 275 Numniern. Von den
sünf Galericsälen sind der erste und der letzte den älteren
englischen Meistern gewidmet, der zweite enthält die
holländischen Bilder, der dritte, der Hauptsaal, über-
wiegend Jtaliener der Hochrenaissance und einzelne
Spanier, der vierte die Jtaliener der Frührenaissance.
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