Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Ein Bermächtnis von Anselm Feuerbach.

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in dem Mittelpunkte der hcilbrunden Apsis fand sich
der mächtige Unterbau für eine Kolossalstatue. Es ist
die Wiederherstellung wenigstens eines Teiles dieses
Saals als Musterbild für die Architektur der Augustei-
schen Epoche beabsichtigt, und nach dem Aufgefundenen
ist es kein Zweifel, daß er sich der Nachbarschast des
Pantheons wnrdig erweisen wird.

Auch ein zweites, wenngleich weniger ansgedehn-
tes Unternehmen geht in den nächsten Wochen seiner
Vollendung entgegen. Bisher war der Überblick der
Ausgrabungen am Forum durch den Straßen-
damm, der von Sta. Maria Liberatrice nach San
Lorenzo in Miranda hinüberführt, gehemmt. Regierung
und Munizipium sind nun übereingekommen, den Damm
abzntragen und an seiner Stelle eine eiserne Brücke
auf gemeinsame Kosten herzustellen. Die Arbeiten
unter Leitung Rod. Lanciani's, des verdienstvollen
Sekretars der städtischen archäologischen Kommission,
anfangs Februar begonnen, versprechen außer etwa der
Aufdeckung von Überresten des Triumphbogens des
Fabius wenig Ausbeute, doch wird nunmehr der ganze
Zug der Via Sacra von ihrem Beginn am Colosseum
bis zu ihreni Ausgang am Kapitol freigelegt werden und
die Wirkung des Forums dadurch nicht wenig gewinnen.

Die Ausgrabungen, welche im Gefolge der neuen
Straßenanlagen auf dem Esguilin und Viminal
vorgenommen werden, haben in letzter Zeit auch zwei
bemerkenswerte Funde ergeben. Der eine, von Via
Venezia auf dem Nordabhang des Biminals, ist eine
Hebe, welche im Begriffe ist, aus einem Gefäße in
ihrer Rechten eine Schale in ihrer Linken mit Ambrosia
zu süllen. Der Kopf der Statue ist bisher nicht aus-
gefunden. Die vortreffliche Behandlung der durch-
scheinenden Gewänder, welche die feinen Formen bis
inS Detail erkennen läßt, kennzeichnet sie als ein Werk
der späteren römischen Kunst. Der zweite Fund, von
Piazza Vittore Emanuele auf demEsguilin, ist dieStatue
eiues gallischen Gefangenen, wohlerhalten, doch von ge-
ringerer Arbeit und aus noch späterer Epoche stammend.

Lin Vermächtnis von Anselm Feuerbach.*)

III.

Schon am Beginn seiner künstlerischen Lanfbahn
sehen wir bei Feuerbach den Drang nach großen und
bewegten Gestaltungen sich änßern. Er erfüllt ihn
wie die Sehnsucht nach einem nie erreichbaren und
deshalb nur um so leidenschaftlicher angestrebten Ziel.
Jn der römischen Atmosphäre brach bei aller Weich-
heit der Stimmungen, und obwohl die meisten der

*) Jm II. Artikel, Sp. 430, Z. tt v. u. ist: „ausge-
prägt" (statt: eingsprügt) zu lesen.

damaligen Werke Feuerbachs einen vorwiegend lyrischen
Charakter tragen, die alte Liebe zu Historienbildern
von mächtigen Dimensionen und heroischem Jnhalt
aufs neue mit unwiderstehlicher Gewalt hervor. Die
„Amazonenschlacht" und das„Gastmahl desPla-
ton" entstanden. Erstere entwickelte sich aus einer
schon im Jahre 1857 entworfenen Skizze. Den größeren
Entwurf in Kohle von 1860 beschreibt der Künstler
(S. 98) sehr schön mit folgenden Worten: „Ein abend-
licher Horizont, Campagna, Meer, wolkiger Himmel;
ein wildes Plänkeln, Streiten, Stürzen; entsesselte
Leidenschaft, die gebändigt wird durch vollendete Farbe
und wo ich streben will, die plastische Formenschön-
heit in den verschiedensten Stellungen auszudrücken".
Während Feuerbach an der Ausführung des Entwurfes
arbeitete, kam sein Gönner Graf Schack (1866) nach
Rom, und der Künstler drückte ihm den Wunsch aus,
das Werk für ihn malen zu dürfen. Wir haben über
den bedeutungsvollen Konflikt, der sich darans ent-
spann, und von dem unser Autor (S. 89) in kurzen,
aber charakteristischen Worten Zeugnis ablegt, unlängst
ausführlichen Bericht erhalten in dem vor einigen
Monaten angezeigten Bnche Schacks: „Meine Ge-
mäldesammlung". Der Verfasser erzählt, S. 108 ff.:
„Jch konnte nach diesem Entwurf (der Amazonen-
schlacht), so viel Schönes er auch im Einzelnen ent-
hielt, nicht glauben, derartige große bewegte Kompo-
sitionen seien das ihm durch sein Talent angewiesene
Feld . . . . Es war meine Meinung, Feuerbach sei
bisher die ihm von seiner Natur vorgeschriebene Bahn
gewandelt, und er werde sich verirren, wenn er seine
Kraft an einem figurenreichen Schlachtgemälde oder
einem Titanensturze (schon damals beschäftigte ihn die
Jdee eines solchen) versuchte. Jch lehnte daher die
Bestellung der Amazonenschlacht ab und teilte ihm
meine Gründe dafür mit, die zwar wenig Eingang
bei ihm fanden, aber doch den Erfolg hatten, daß er
einstweilen in sein früheres Geleise zurückkehrte". —
Man weiß, daß diese Rückkehr nur von kurzer Dauer
war: die Amazonenschlacht, das Gastmahl, dann auch
das Urteil des Paris wurden wieder anfgenommen und
mit der Berufung nach Wien, welcher Feuerbach zu
Anfang des Sommers 1873 folgte, schienen sich ihm
die verlockendsten Aussichten zu öffnen auf ein im
Großen zu bethätigendes monumentales Schaffen. Die
Enttäuschung mußte nur allzu bald folgen. Es ist
auffallend, daß Graf Schack den Mißerfolg des ersten
Gastmahls und der Amazonenschlacht nun znm großen
Teil dem Publikum und der bösen Kritik in die Schuhe
schieben will, während er doch selbst früher von der
Ansführung dieser Bilder in großen Dimensionen ab-
geraten und ihren Ankauf abgelehnt hatte! Mir
scheint, es ist hier — einzelne Übertreibungen abge-
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