Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunsihandel.

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erwähnte Herakles auf dem klemeren Friese und einige
gleich noch zu nennende Figürchen es zeigen, wüßte ich
kaum irgendwo nachzuweisen, und was die Gewandbe-
handlung der Fraucnfiguren anlangt, so kann man von
einigen der in dieserHinsicht vollkvmmensten Werke, etwa
der Münchencr „Leukothea" vder der Niobide Chiara-
monti, ruhig zu den besseren Gcwandfiguren des großen
wie des kleinen Frieses gehen, und man wird bckennen
müssen, daß hier die Kunst noch eine neue Provinz
im Reiche des Schönen erobert hat. Der ferner
Stehende mag sich dcr Gewandmuse ans der sogen.
„Familic des LykonicdeS" in Bcrlin crinnern, welche,
wcnn auch entschieden röniischc Kopie, doch durch dic
Vergleichung mit den vorliegenden Pergamenern als
Schöpfung der Diadvchenzeit ganz sicher bestätigt wird.

Derselben Zeit angchörig erscheinen vicr in dcr Nähe
des Athenatempels gefundene, etwa ein Drittcl lebens-
große Figürchen, wclche mit den eben crwähntcn Werkcn
die svrgfältige, mit licbevollster Treue ins Detail ein-
gchende Tcchnik teilen. Ein Herakles, in dessen leid-
lich erhaltenem Kopfe wir vcrmutlich ciuen Lysippischcn
Typus zu erkeuncn habcn, ein in lebhaftcster Ausfall-
stcllung befindlicher Kämpfer vhne Haupt und endlich
eine liegcnde und eine stehende Frauensigur, die letztere
von vorzüglichster Arbeit, wcnn auch nur als Tvrsv
gut erhalten, habcn offenbar cine Gruppe gebildct,
zu deren Deutung indessen das vorhandene Material
nicht auszureichcn scheint. Auffallend ist die Kleinheit
der Figuren bci ciner so bewcgten Kampfesscene, doch
erinncrc nian sich der zum „Weihgeschcnk dcs Attalos"
gehörigen, ebenfalls bedeutcnd unterlebensgroßen Fignren
in Venedig, Rom nnd Neapcl. Mit dem durch die
Pergamener gewonnencu Kanon wird sich durch Kvn-
frontativn nunmehr ohne Mühe cntscheiden lassen, wclchc
von den eben genanntcn als Originale, welche als
Kopien zu betrachten sind.

Ohne auf den ganzen Rcichtum dcs in unserem
Besitze bcsindlichcn „Attalischcn Schatzes" einzugchen,
mag heute nur noch zweierlei hervorgehoben werden.

Zunächst ein ca. 1 m hoher Fries, welcher Waffcn
und Kriegsmaterial aller Art in buntem Durcheinander
als Flachrclief darstcllt, als da sind: Schilde, Helme,
Kcttcnpanzer, Beinschienen, Schleudermaschinen rc. rc.
Daß durch diese Trophäen der Triumph über einen
besiegten Feind zum Ausdruck komnien sollte, ist zweifel-
los, unsicher dagegen vorläufig die Art dcr Architektur,
wclche für einen derartigen Frics Platz gehabt hat, —
etwa die Balustrade an einem Portikus? Die Fund-
berichte, wclche mir noch nicht vorlicgen, helfcn vielleicht
zur Beantwvrtung diescr Frage. Ein Analvgvn für
einen solchen fortlausenden Trophäenfries ist mir nicht
bekannt; das Ganze mutet sehr römisch au, einen direkten

Grund indessen, es nicht auch der Attalidenzeit zuzu-
weisen, finde ich nicht.

Ferner fcsselu zwci überaus wertvolle Frauen-
tvrsen unsere Augen und Herzen auf den ersten Blick,
Werke von größter Bedeutnng, vermutlich gute
Kopicn aus derselben Zeit nach älteren attischcn Wcrken.
Zunächst eine Pallas, etwas überlebensgroß; der be-
sondcrS gearbeitete Kopf sowie die Arme und Hände
fehlcn. Das Werk zcigt eine Grvßartigkeit dcr Auf-
fassung, welche auf die Perivde des Phidias zurückwcist,
es steht nicht in der Arbeit, aber im Stil der kürzlich
gefundenen ParthcnoSstatuette nicht fern. Der andere
Torso cbenfalls von crnster, großartig schöner Gewand-
behandlung, ohne Kopf, mit nur teilweise erhaltenen
Armen stimnit im wescntlichen in den erhaltcneu Teilen
mit der sogenannten „Leukothea" dcr Glyptvthek, doch
erschcint mir die Getvandbchandlung strenger alS die
der Münchencr Gruppe, in Ivelchcr man indessen doch
wohl schwerlich mehr als cine treffliche rvmische Kopie
nach dem Originale des ältercn Kcphisodotvs crblickcn
darf. Eine Kvnfrontation dieser Werke, resp. der ent-
sprechenden Gipsabgüsse, würde das Urteil sehr erlcich-
teru. Sv hat sich Conze schvn dadurch, daß er den
„Laokvon" neben dic in der Rvtunde dcs alten Museums
aufgcstellte Pallasgruppe der Gigantomachie sctzen ließ,
das große Verdienst erworben, in die so reichlich dis-
kutirte Lavkvonfrage ein klärendes Momcnt zn bringen.
Daß die, wie auch immer bcschaffenen und wann und wv
auch iinmer lebcndcn Künstler der Lavkoongruppe ihre
Studicn zum Laokoonvater an dem dreifach geflügelten,
Vvn der Pallasschlange umringelten Giganten gemacht
haben, erscheint als absolut zweifellos. Hieraus
ergcben sich manche Fvlgerungen Vvn selbst.

Man sieht: die Pergamenischen Entdecknngen sind
nicht blos imstande, auf die uns noch vvr einigeu
Jahren fast gauz dunkle Kunst der Diadochcnzeit sehr
helles Licht zu werfen, sondcrn sic lassen auch einzelne
ausklärcnde Strahlen in die früheren und späteren
Perivdcn der antiken Skulptur fallen nnd habcn uns
der Möglichkcit, eine Geschichte der griechischen Kunst
zu schreiben, ein crfrculiches Stück näher gcführt.

B. Förstcr.

Aunsthaiidel.

x.— Dic plastische Kunstaiistalt von G. Eichlcr in Berliii
hat soeben ihren neuesten Katalog herausgegeben, wetcher bri
bekannter Reichhaltigkeit dieses Mal noch den Vorzug erhöhter
Ubersichtlichkeit besitzt. Die erste Abteilung enthält die
Gemmenabgüsse der Anstalt; aus derselben seien besonders
hervorgehoben: die vollständige von Stoschische Daktyliothek,
von Winckelmann geordnet, dessen gedruckter Katalog dazu
geliefert wird — eine Sammlung mittelalterlicher Medaillen
von Pisano, Tob. Woost, Jamitzer, Albrecht Dürer u. a. —.
Außer einer großen Anzahl antiker Statuen (Originalgrüße),
Statuetten. Büsten und Reliefs verdient besonders hervor-
gehoben zu werden die Sammlung moderner Porträtbüsten,
IS0 Nummern, und die in Deutschland wohl einzig dastehende
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