Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Die Kunst- und Kunstindustrieausstellung in Venedig.

teilte sich mit wie ein elektrischer Strom. Daß
Gerolamo d'Adda uns so bald verlassen würde, hätte
ich nicht gedacht, trotzdem scine Briefe die tiesste Melan-
cholie atmeten. Den 18. Augnst 1879 schrieb er mir
„llv us snis pLs bisn äu tont, 6t so snis snooro
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änns l'nvsnir gui m'nttsnä". Jnzwischen waren in
seinen Gehirnzellen derartige Veränderungen vorge-
gangen, daß eine Besserung nicht mehr im Bereiche der
Möglichkeit lag, der Patient wurde von den Ärzten
aufgegeben. Und sv kam denn der Tod als erlösender
Engel und befreite ihn vvn der Oual eines freud- und
zwecklosen Daseins. Die sterblichen Reste Gerolamo
d'Adda's sind dem Schvße der Erde zurirckgegeben; was
er aber als erlcuchteter Forscher im Dienste der Wissen-
schaft geleistet hat, ist unvergänglich!

Zürich, den 11. Oktober 1881. Carl Brun.

Die Aunst- und Aunstindustrieausstellung
in Vcnedig.

Die gelegentlich des Geographenkvngresses in der
venetianischen Akademie der jKUnste veraustaltete Fach-
ausstellung alter Kunstgegenstände hat nicht ganz das ge-
boten, was man erwarten durfte. Noch weniger interessant
ist die Ausstellung des „Borrates" der Gemäldegallerie
ausgefallen. Die der Akademie anvertrauten Kunst-
gegenstände aus Privatbesitz sind in der ebenerdigen Halle
der ehemaligen Loiiolu äsllu Onritü untergebracht. Daß
es da an Giorgone's, Tizians u. s. w. nicht fehlt, läßt
sich leicht denken. Die Bilderbesitzer sind hier noch
mehr als anderswo mit nicht nur erheuchelter, sondern
mit wirklicher Blindheit geschlagen. FUr die durch alle
die vermeintlichen Größen herbeigeführte Enttäuschuug
entschädigt jedoch das aus der Galerie Giovanelli ent-
lehnte, unter der sinnlosen Bezeichnung: „Die Familie
des Giorgione" bekannte Bildchen. (Zeitschr. f. bild.
Kunst, Jahrg. I, S. 250.) Fürst Giovanelli hat es
durch raschen Ankauf aus der Galerie Manfrin fiir
Jtalien gerettet, als es schon für Berlin cingepackt
war. Eine Kopie desselben in der Galerie des Grafen
von Schack in MUnchen, Welche angefertigt wurde, be-
vor die Reinigung und Restauration des Originals
vorgenommen war, gewährt einen Vergleich mit der
jetzigen Erscheinung desselben. Beim Reinigen ist
pes guten wohl zu viel geschehen.*) Der Blitz zuckt

Unseres Wissens wurde die Reinigung des Bildes von
sehr geschickter Hand in Mailand ausgesührt. Anm. d. Red. j

jetzt wie aus heiterem Himmel herab. Erwähnens-
wert sind sodann zwei Pordenone's, stark lebensgroße
Halbfiguren, auf einer Tafel den h. Hieronymus und
Johannes d. T., auf der andern St. Peter und einen
Bischof darstellend, beide aus dem Besitz des Grafen
Collalto di S. Salvatore. Aus der Sammlung Borrv
findet sich allerlei Anziehendes: eine Madonna in
Palma's Manier, dann ein kleines Bildchen, Giorgione
genannt, welches zwei junge Mädchen aufgeschiirzt ein-
herschreitcnd in reizender Landschaft darstellt. Der
Kunsthändler Mercato hat mancherlei Gutes beige-
steuert, eiue schöne, fälschlich dem B. Montagna zuge-
schriebene Madonna, ein ausgezeichnetes lebensgroßes
Halbfigurenbild eines predigenden Klosterbruders spani-
schen Ursprungs u. s. w. Von Bologna kam eine mehr
als gewvhnlich gute alte Kopie verkleinerten Maßstabes
von Tizians in S. Giov. e Paolo verbranntem Petrus
Martyr. An Bellini erinnert einigermaßen ein segnen-
dcr Christus, lebensgroßes Brustbild (Aussteller C.
Nardi). — Vom Grafen Contin ist ein bezeichneter Car-
paccio ausgestellt: Christus mit einigen Aposteln, kleine
Figuren; doch dürfte die Unterschrift, welche von der
sonstigen Schreibweise abweicht, Zweifel erwecken. Sie
lautet: VbllOL 80ilK?V20.

Man hätte erwarten sollen, daß die spätereu Vene-
tianer zahlreich vertreten sein würden; doch bemerkten
wir nur einige Tiepolo's, zwei venetianische Masken-
scenen, prächtige Bilder mit lebhaft bewegten kleinen
Figuren, drei sehr schöne kleine Guardi, sowie mehrere
der bekannten Darstellungen aus dem venetianischen
Privatleben von Longhi, meist aus dem Besitze des
Grasen Papadopoli.

Jn zwei oberen Sälen der Akademie ist der
„Vorrat" untergebracht, der meist aus Bildern des vori-
gen Jahrhunderts besteht, welche bei äußerst beschädig-
tem Zustande kein besonderes Jnteresse erwecken können.
Wir erwähnen jedoch einige der benierkenswerteren Bilder.
Aus dem Besitz des Conte Bonaventura Benucci
in Mailand stammt eine heilige Rosa, die mit vollem
Rechte dem Moretto zugeschrieben wird. Die lebens-
große Halbfigur der jugendlichen Nonne hält auf den
ausgestreckten Armen das Christuskind, welches mit be-
schattetem Kopfe zu ihr emporlächelt und mit einer
Rose spielt. Die Jnnigkeit des Ausdrucks in Ver-
bindung mit dem prachtvollen Farbentone machen das
Bild zu einem Meisterwerk ersten Ranges. Man ver-
langt dafür deu hohen Preis von 20 000 Lire. Es wird
hier ausgestellt, weil es in den unteren Räumen der
Leihausstellung keinen Platz mehr fand. Aus dcm
Vvrrate der Galerie zähleu wir auf:

Paolo Beronese: Zwei lebensgroße grau in
grau gemalte Figuren mit Gold, in Nischen stehend,
Caritas und Glaube, gut erhalten;
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