Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Korrespondenz aus Florenz. — Kunstlitteratur. — Nekrologe.

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Aorrespondenz.

Florenz, im April 1882.

0. v. Jn dcr äiißeren Physiognomic der flvren-
tinischen Kunstsammlungen haben in letzter Zeit
nicht unbedeutende Vercinderungen Platz gegriffen. Die
Vereinigung der bisher in den einzelnen Museen zer-
streuten antiken Kunstschätze — das Wort im weitesten
Sinne genommen — war schvn vor längerer Zeit be-
schlossen und als deren künftiger Aufstellungsort der
Palazzo Crocetta auf Piazza Sta. Croce in Aussicht
genommen wordcn. Die Ubertragnng sowohl der ägyp-
tischen als der etruskischen Altertümer, welche bisher
provisorisch in dem ehemaligen Nonnenkloster S. Ono-
frio in Via Faenza untergebracht waren, ist nun be-
endet, und die Ausgabe des von Or. Sciaparelli, deni
Konservator des neuen Museums, verfaßten Kataloges,
steht bevor. Auch die antiken Jnschriften nnd Skulp-
turen, Bronzen und Kameen, die bisher in mehreren
Sälen und den drei Korridoren des zweiten Stock-
werkes der Uffizien verteilt waren, sollen in das neue
Museum ühertragen werden. Unentschieden ist noch,
ob man die aus dem mediceischen Schatze herrührenden
Prachtgefäße und Goldschmiedearbeiten, die jetzt in zwei
Kabinetten des Pal. Pitti und der Uffizien aufgestellt
sind, sowie das Münzkabinet aus letztercn auch nach
dem Pal. Crocetta übertragen, oder ob man die ersteren
vielmehr deni Bargellv einverleiben solle. Die Räuni-
lichkeiten des neuen Museums werden eine Aufstellung
dieser Schätze ermoglichen, wodurch manche Unzuträg-
lichkeitcn der seitherigen Anordnung — wir erinneru
nur an die höchst ungünstige Wirkung der Aufstellung
der Niobegruppe und an das unglückliche Aufeinander-
pferchen der Meisterwerke in der Tribuna — beseitigt
werden dürften. Die Räume der Uffizien hingegen
sollen nunmehr ausschließlich den Schätzen der Malerei
dieneu, insbesondere foll in cinem Teile der freiwerden-
den Säle eine Anzahl von Gemälden, die bisher im
Depot der Galerie verwahrt lagen, der öffentlichen Be-
sichtigung zugänglich gemacht und ein anderer zur
Aufstellung der Handzeichnungen verwendet werdeu,
deren Schätze bisher nur zum geringsten Teil und in
wenig entsprechender Weise (in dem Verbindungsgange
zwischen Pitti und Ufsizieu) ausgestellt werden konnten,
während der weitaus überwiegende Rest wegeu abso-
luten Raummangels uicht nur der öffeutlichen Be-
sichtigung, sondern fast jeglichem Studium und der
Ausbeutung im Jnteresse der Forschung entzogen war.

Die Sammlung der Renaissancebildwerke
im Bargello ist neuerdings um ein ganz bedeuten-
des Werk bereichert worden: es ist dies die bemalte
Terrakottabüste Niccolo's da Uzzano, des edleu
Hauptes derOptimaten und politischen Gegners Cosimo's

de' Medici, ein Werk Donatello's aus desseu bester
Zeit (da Niccolo 1432 als 72jähriger Greis starb,
und unsere Büste ihn als höchstens Sechzigjährigen
darstellt). Sie war mit dem Palast der Uzzani in
Via de' Bardi nach dem Aussterben der Familie durch
Erbschaft an die Capponi gelangt und ist nun nach
dem Tode des Grafen Luigi Capponi durch die Erben
angeblich um den Preis von 27 500 Lire dem National-
museuni abgetreten worden. Sie ist überlebensgrvß,
vollständig mit Otfarbe bemalt, die im Laufe der Zeit
einen bräunlichen Ton angcnommen hat, Haupt- und
Barthaar ist glatt rasirt, Brust und Schultern von
einem roten Gewande umschlossen. Jn potenzirtem
Grade zeigt sie alle die Eigentümlichkeiten der floren-
tinischen Porträtskulptur des Ouattrocento, die scharfe,
lebenswahre Charakteristik, die vollendetste realistische
Modellirung, die eiydringendste geistige Belebung. Die
Härte, die sich zum Teil in der Formenbehandlung
bemerkbar macht, ist ivohl in erster Linie dem Materiale
zuzuschreiben, das dem Meister, dcr ja vorzugsweise
in Marmor und Bronze zu arbeiten gewohnt war
weniger kongenial sein mochte. So wie es ist, zeigt
uns dies lebendige Abbild des alten, nüchternen Floren-
tiners mit seinem vornehm abwehrenden Ausdruck,
den scharsen, stolzen und durchgeistigten Zügen, dem
klaren, ernsten und durchdringenden Blick, wie sich
Naturwahrheit und Stil zu einem Kunstwerk höchsteu
Ranges vereinigen lassen.

Aunstlitteratur.

8n. Von Adolf Rosenbergs „Geschichte der modernen
Kunst" ist soeben die erste Lieferung bei Fr. W. Grunow
in Leipzig erschienen. Der Ausdruck „moderne Kunst" ist,
wie aus dem Jnhalt des Heftes und der Ankündigung des
Verlegers hervorgeht, im engeren Sinne zu nehmen. Es
handett sich um die Kunst des letzten Jahrhunderts, be-
ginnend mit der französischen Revolution von 1789. Den
Anfang macht naturgemäß die französische Kunst, deren
Schicksale in dsr ersten Hauptabteilung des Ganzen erzählt
werden sollen. Die erste Lieferung umfaßt die zwei ersten
und dsn Anfang des dritten Kapitels des ersten Abschnittes,
(der Klassicismus während der Revolution und des Kaiser-
reichs; — der Naturalismus und die Romantik; — die
Reaktion des Klassicismus und die historische Schule); das
Ganze ist auf etwa zehn Lieferungen, welche zwei stattliche
Bände von je 30 Bogen bilden werden, abgemessen. Jndem
wir uns vorbehalten über den Jnhalt späterhin ausführlich
zu berichten, wollen wir nur noch bemerken, daß der Ver-
leger bemüht gewesen ist, dem Werke durch ornamentale
Kopfleisten, Jnitialen und Schlußstücke ein wohlgefälliges
Ansehen zu geben. Der Künstler, der diese Schmuckstücke
entworfen, H. Schaumann in München, hatin die Zeichnungen
mit geschickter Hand hier und da Motive aus solchen Ge-
mälden verwebt, die gewissermaßen die Marksteine in der
Entwickelung der modernen Malerei bezeichnen.

Nekrologe.

Der Bildhauec Professor Karl Heinrich Möller ist
am 21. April in Berlin gestorben. Am 22. Dezember 18V4
ebendaselbst geboren, lernte er die Kunst anfangs im Atelier
seines Vatsrs und arbeitete dann von 1827—1840 bei Rauch,
dessen Einfluß auch die wenigen Arbeiten zeigen, welche er
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