Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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123 Kunstlitteratur rc. — Kunstunterricht rc. — Sammlungen und Ausstellungen. — Vermischte Nachrichten. 124

Aunstlitteratur.

-I'. Die 10. Lieferung der Geschichte der Malerei von Alfr.
Woltmann und Karl Wörmann, welche soeben ausgs-
geben wurde (Verlag von E. A. Seemann in Leipzig), bringt
den Schluß der I. Äbteilung des vierten Buches imd sührt
uns von Augsburg (Burckmair, Hans Holbein d. ä.) nach
Basel (Hans Holbein d. j.) und Bern (Nikl. Manuel) und
von dort nach dem Niederrhein und Westfalen, endlich in den
Kreis der niederländischen Maler (Quinten Massys und Lukas
van Leyden), die an der Wegscheide stehen, wo die Ver-
wälschung der nationalen Kunstrichtung beginnt. Die letzten
Bogen der Lieferung bringen die Ansänge der 2. Abteilung
des 4. Buches, welche von den Malern der italienischen Kunst-
blüte handelt. Mit dem Lionardo da Vinci gewidmeten
Kapitel bricht die Lieferung ab, welche wiederum sehr reich
mit fünfzig Jllustrationen ausgestattet ist.

Neue Aunstblätter und Aupserwerke.

„Friedrich der Große in der Schloßkirche zu Char
lottcnburg" benennt sich ein Kupferstich in gr. Fol., der im
Kunstverlage vonStiefbold L Comp. inBerlin soeben erschienen
ist. Das Gemülde, welches diesem Blatts zu Grunde liegt,
ist von Oskar Begas und wurde auf der akademischen
Kunstausstellung in Berlin 1888 viel bewundert. Friedrich
der Große hatte nach Beendigung des siebenjährigen Krieges,
bevor er nach Berlin kam, sich nach Charlottsnburg begeben
und in der Schloßkirche die Ausführung des Tedeum von
Graun befohlen, der er ganz allein beiwohnte. Diese Scene
hat Beqas ebenso einsach wie ergreifend geichildert. Jn einer
vortresflichen Radirung hat nun William Unger das Ge-
mälde vor kurzem auf die Kupferplatte übertragen; die
Korrektheit der Zeichnung, die Harmonie der Töne ist an der
Reproduktion ebenso zu bewundern, wie das Geschick, mit
welchem der malerische Gesamtcharakter des Bildes in Schwarz
und Weiß übersetzt worden. Jedenfalls wird man das Blatt
zu den Hauptwerken des berühmten Künstlers rechnen dürfen.

Neligiöse Bilder großer Meister. Jm Verlage von Rich.
Hanow in Berlin erscheinen, durch gelungenen Lichtdruck
von A. Frifch reproduzirt, die kostbarsten Stiche, welche nach
klassischen Gemälden mit religiösen Darstellungen angefertigt
wurden. Der Verlcger hat sich zu diesem Unternehmen durch
die Erwägung bestimmen lassen, daß sich in neuerer Zeit ein
erfreuliches Verständnis für die religiösen Gemälde alter
Künstler auch in Laienkreisen bemerkbar macht, daß aber
künstlerisch ausgeführte Stiche nach solchen Bildern für minder
bemittelte zu hoch im Preise stehen. Es sind bis jetzt 17
Blätter, fast durchweg Madonnen von Raffael, erschienen
und zwar in drei verschiedenen Formaten. Da man die
Blätter einzeln kaufen kann-, der Preis sehr gering ist und
da in der That die besten Kupferstiche in größter Treue
wiedergegeben sind, so dürfte das Unternehmen, wenn es
seinem Vorsatze, nur Gediegenes zu bringen, treu bleibt, nicht
ohne Erfolg sein. I. E. W.

« Eincn ncuen Stich von Naffacls „Madonna dclla
Scdia" hat der Kupferstecher Joh. Burger in München
unlängst vollendet. Es liegt uns eine Probedruck des hoch-
willkommenen Blattes vor, welches schon durch seine Größe
die jüngsten Reproduktionen des Bildes beträchtlich überragt.
Die Bildfläche mißt im Durchmesser 41 orn, während der
Durchmesser des Mandelschen und des Calamatta'schen Stichs
nur 31, der des Schäfferschen gegen 37 om beträgt. Abge-
sehen davon aber zeichnet sich der neue Stich durch die treue
Wiedergabe des Ausdrucks der Köpfe vor allen bisherigen
Nachbildungen des Gemäldes vorteilhaft aus, und für den
Grad seelischen Ausdrucks wurden wir ja durch die treff-
lichen großen Originalphotographien alle ganz besonders
feinfühlig. Einzelne Stellen, rvelche in dem uns vor-
liegenden Abdruck noch etwas grau wirken, hat der Meister
inzwischen zu voller Kraft gesteigert, und so dürfen wir er-
warten, daß die mit Hingebung und Sorgfalt durchgearbeitete
Leistung sich beim großen Publikum ivie bei den ernsten
Freunden strenger Grabsticheltechnik des verdienten Beifalls
zu erfreuen haben werde.

personalnachrichten.

Professor Bendemann ist aus Anlaß seines 70. Geburts-
tages von der philosophischen Fakultät der Berliner Univer-
sität zum Doktor Iionoris oausa ernannt.

Aunstunterricht und Aunstpflege.

Rgt. An der Kunstgewerbeschule in München soll eine
Fachschule für Keramik eingerichtet und durch sie jungen Fach-
leuten Gelegenheit zu höherer Ausbildung und Geschmacks-
bildung im Sinne geläuterter Kunstanschauung wie selbstän-
diger erfinderischer Thätigkeit geboten werden.

Sammlungen und Ausstellungen.

8. Der königl. Staatsgalerie in Stuttgart hat der un-
längst verstorbene Minister 'des Jnnern von Sick zwei be-
achtenswerte Gemälde vermacht, welche derselben bereits ein-
verleibt sind. Das eine ist ein kleines Bildnis seiner jung
gestorbenen Schwester, gemalt von Josef von Schnrtzer
(geboren 1792, gestorben 1870), welches deshalb besonders
wertvoll für die Sammlung ist, weil sie bis jetzt kein Werk
dieses bekannten schwäbischen Malers besaß; das andere ist
eine Landschaft „Motiv vom Starnberger See" von Professor
Karl Ludwig, der neben.dem großen „St. Gotthardtpaß",
welchen Ludwig vor seiner Übersiedlung nach Berlin an unsere
Galerie verkaufte, eine charakteristische Probe der verschiedenen
Richtungen seines Schaffens bietet.

Vermischte Nachrichten.

ÜAt. Münchener religiöse Kunst. Zu den schönen Werken
der Plastik und Malerei unter den Arkaden des südlichen
Camposanto in München ist kürzlich ein neues hinzugekommen:
ein Fresco von Friedrich (Hohfelder über der Müllerschen
Familiengrabstätts. Die von echt kirchlichem Geiste durch-
wehte, aus überlebensgroßen Figuren bestehende Koniposition
zeigt in der Hauptgruppe die Gottesmutter mit dem Kinde,
die heil. Anna und den heil. Joachim, beide in anbeten»
der Stellung und etwas tiefer den heil. Josef. Darüber
schweben zwei Enael mit einem Spruchbande eiitsprechenden
Jnhaltes. Den Äbschluß nach oben bildet die Taube und nach
unten eine Ansicht Jerusalems. Das energische und zugleich
harmonische Kolorit des umfangreichen Bildes widerlegt in
glänzender Weise den Vorwurf, die Meister der alten Schule
könnten nicht malen. Freilich sind auch hier die modernen
Farbenkünsteleien und Experimente als der großen histori-
schen Kunst unwürdig vermieden, aber dafür große, ruhig
wirkende Flächen gegeben, welche mit dem schönen und edeln
LinienflussederKomposition in wohlthuendemEinklange stehen.
Friedr. Hohfelder gehört der geringen Zahl der Münchener
Künstler an, die unter der psrsönlichen Leitung des Altmeisters
Cornelius an der Münchener Äkademie ihren Studien oblagen
und ihrer hervorragenden Begabung halber sich seines be-
sondern Wohlwollens erfreuen durften. Er bewies in
diesen Tagen seine volle Hingebung an die geliebte Kunst
dadurch, daß er trotz schweren körperlichen Leidens das um-
fangreiche Werk mit Äusdauer und ungeschwächter Kraft zu
Ende führte. — Ferner hat dsr tresfliche Max Fürst sein
drittes Wandgemälde in der Karmeliterkirche zu Straubing
vollendet. Der „Vision des herl. Andreas Corsinus während
seines ersten Meßopfsrs" (vollendet 1879) und der 1880 voll-
endeten „Vision des heil. Petrus Thomas, Patriarchen von
Jerusalem", folgte nun das Wunder, von dem das 3. Buch der
Könige im 18. Kapitel berichtet und durch welches die Macht
des allein wahren Gottes erprobt wird. König Ahab hatte
sich vom Gotte Jsraels zu Baal gewendet und sein Volk zur
Äbgötterei verleitet. Diesem Frevel trat der Prophet Elias
mutig entgegen und forderte den Gott der Baalspfaffen zu
einem Wettkampfe mit dem Gotte Jsraels heraus, der denn
auch mit der Niederlage des ersteren endete, indem das ihm
dargebrachte Opfer trotz aller Anrufung an seine Macht ohne
irdifches Feuer nicht in Brand zu setzen war, während Je-
hova auf das seine, des Elias Gebet erhörend, Feuer vom
Himmel niedersandte. Fürsts Komposition zeigt in drei
wohlverbundenen charakteristischen Gruppen das verunglückte
Opfer der Baalspriester, den Altar Jehova's und Elias,
auf dem Berge Karmel, die dem Könige Ahab am fernen
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