Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Dürers Allerheiligenbild in der Umrahmung.

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dem Triumphwagen, hinter ihm in großartig wildem
Getnmmel die siegreichen Streiter, die nberwundenen
Feinde, die tragische Muse u. s. w. Über die Maßen
frisch und frei schöpferisch erweist sich Geselschaps Phan-
tasie im Ornamentalen. Es ist ja naheliegend und
bequem, hier an die verführerischen Muster der großen
Meister der Renaissance mehr oder minder unselbständig
anzuknüpfen und sich das „Ragout aus Anderer Schmaus
zu brauen"; wir wollen auch keinen schelten, der dies
Kompiliren mit dem nvtigen Geist und Geschniack
vollzieht; aber doppelt dankbar niiissen wir dem Künstler
sein, der unserer Ornamentik durch eigene Vernunft
und Krast neue Provinzen erobert. Geselschap gehört
zu diesen ganz entschieden; man merkt es ihm leicht
an, daß die Natur seine Meisterin in höherem Grade
gewesen ist als die noch sv gelehrigen Schüler der-
selben. Dian darf in der That gespannt sein, wie er
den weiteren Teil der ihm gestellten Anfgabe lösen
wird: die Füllung der vier großen Schildbögen auf
den vier Seiten unterhalb der Kuppel; es ist dies der
Teil des Saales, welcher über den Raum des Stock-
werkes emporgeführt ist. Diese Arbeiten werden ihn
auch nach Beendigung des übrigen Banes noch lange
Zeit in Anspruch nehmen; er gedenkt dort große alle-
gorische Gemälde, welche zu der Bestimmung des Ge-
bäudes Beziehung haben, anzubringen. Bei dem oben-
genannten Figurensries hat er sich der Casttnfarben
bedient und mit Hilfe derselben eine Leuchtkraft und
eine Luftperspektive erreicht und den Figuren eine plastische
Abrundung gegeben, wie sie mit einer anderen Technik
wohl kaum zu erlangen gewesen wären.

Jn dem unteren Teile des Saales befinden wir
uns in dem eigentlichen Hauptgeschosse des Baues; hier
werden die östliche und westliche Seite des quadraten
Raumes durch offene Bogen gebildet; die Nord- und
Südseite hat Raum für je zwei große historische Ge-
mälde, in denen die vier größten Haupt- und Staats-
aktionen der preußischen Königsgeschichte zur Dar-
stellung kommen sollen. Dem Programm gemäß werdeu
Steffeck, Camphauseu, Bleibtreu und A. v.
Werner die Krönung Friedrichs I. in Königsberg,
die erste Anwesenheit Friedrichs II. in Breslau, den
„Aufruf au mein Volk" 1813, und die Kaiserkrönung in
Versailles in Wachsfarben malen. Camphausen und
Bleibtreu sind bereits in voller Thätigkeit; des letzteren
Werk wird, klar durchdacht und mit echter Begeiste-
rung empfunden, wie es ist, gewiß nach seiner Durch-
führung den Eindruck des echten Historienbildes, wie
es an jeuen Ort gehört, machen; schon jetzt kann die
Kvmposition als eine äußerst glückliche bezeichnet werden.
Auf diese Werke, sowie auf das ganze Waffen- und
Trophäenmuseum werden wir noch zurückkommen müssen;
dann wird auch von Camphausens Bilde, das augen-

blicklich noch durch das Gerüst verdeckt ist, weiteres zu
melden sein. L. I'.

Dürers Allerheiligenbild in der Umrahmung.

Die Galeriedirektion des Belvedere bereitete kürz-
lich einer Anzahl von dazu besonders eingeladencn
Wiener Kunstfreunden einen Genuß der seltensten Art.
Jn einem der unteren Säle des Galeriegebäudes, welche
dem Publikum sonst verschlossen sind, war das Dürersche
Allerheiligenbild im Rahmen aufgestellt, nämlich in
einer für das neue Hofmuseum bestimmten getreuen
Kopie des Originalrahmens, welcher vor Zeiteu
bekanntlich nach Dürers eigenem Entwurf angefertigt,
aber bei der Überlassung des Bildes an den Kaiser
Rudolph II. von den NLrnbergern zurückbehaltcn
wurde. Trotz der argen Entstellung durch moderne
Zuthaten und dem abscheulichen grauen Ölanstrich, wo-
durch das prächtige Werk Altnüruberger Holzschnitzerei
neuerdings fast unkenntlich gemacht worden ist, hatte
man sich darüber längst Gewißheit verschafft, daß die
reiche Frührenaissance-Architektur und ornamentale
Bildhauerarbeit, aus welcher dasselbe besteht, ursprüng-
lich in Gold und Farben prangte. Dies alles galt
es also nachzubilden und wieder herzustellen. Die
oberste Leitung der Wiener Hofmuseen betraute niit
der ebenso schwierigen wie dankbaren Aufgabe den
Bildhauer Jos. Ludwig Geiger in Nürnberg, und
dieser hat sich des ehrenvollen Auftrags in der rühm-
lichsten Weise entledigt.

Der Rahmen liegt in Thausings „DUrer" (S. 305)
in nahezu vollständiger Ergänzung der nicht mehr am
Original befindlichen, aber aus dem Entwurfe von
1508 resultirenden Teile trefflich abgebildet vor. Es
ist ein nahezu guadratischer Aufbau, rechts und links
von Säulen flankirt und nach venetianischer Art mit
einer halbkreissörmigen Bekrönung abschließend, iu
deren Bogenfeld der von Maria und Johannes ange-
betete Heiland auf der Weltkugel thront; zu den Seiten
und oben auf dem Bogen sitzen geflügelte Engelfigürchen.
Der Fries über den Säulen zeigt in kleinen Reliefs
die Scheidung der Seligen und Verdammten. An
der Predella steht die Widmungsinschrift inmitten Vvn
reichem Rebenornament, welches auch die unteren
Schaftenden der Säulen in durchbrochener Arbeit um-
schlingt. Ähnliches spätgotisches Ranken-, Laub- und
Astwerk süllt die Kehlung des inneren Rahmenumfangs,
und zwar hat sie Geiger an allen vier Seiten, auch
unten, herumgeführt, was wir nur billigen köunen.
Wie die beiden Eckeu rechts und links über dem flach-
bogigen Abschlusse des Bildes auszuführen seien, blieb
längere Zeit fraglich. Man hat sich auch da schließ-
lich für solchen durchbrochenen Rankenschmuck eutschiedcn,
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