Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstlitteratur.

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Fürnemlich ist der Taflen ein
Noch in einer statt ligt an dem Main.

Solt ste Apelles han gemacht,

Er hat sich noch vier mal bedacht.

Jch gschweig der Kunststück die er hat
Gestochen in der werden Statt.

On was er sunst in truck hat geben,

Des mutz sein Nam auch ewig lebsn.

u. s. w. Zunächst fällt auf, das Scheidt die alten
Meister blos mit Namen nennt, von allen deutschen
Künstlern aber nur Dürern und diesen in einer längern
Apostrophe feiert.

Was fiir ein Tafelbild gemeint ist, das „Noch in
einer statt ligt an dem Main" vorhanden sei und der
Dichter selbst wohl gesehen hatte, erklärt eine ge-
drnckte Nandbemerkung noch etwas deutlicher: „Zu
Frankfurt zn den Predigern";') ebenso wird der Vers
„Gestochen in der werden Statt" durch die Randglosse
„Zu Nürmberg" erläutert. Freilich ist damit allein
nicht alles erklärt, wenn sich das Bild in neuerer Zeit
oder auch gegenwärtig nicht an der bezeichneten Stelle
noch befindet. Die Beantwvrtung der hieran sich
knüpfenden Fragen ist indessen Sache der Kunstgelehrten
nicht des Litterarhistorikers. Jch würde mich freuen,
wenn die beigebrachte Notiz nicht blos ein neues ehren-
volles Zeugnis für den Nachruhm Dürers wäre, sondern
auch znr Geschichte eines seiner bedeutenderen Werke,
falls dies überhaupt nvtig ist, ein wenig nützen kvnnte.

Wolfenbüttel. Gustav Milchsack

Aunstlitteratur.

Abdrücke eines vollständigen Aartenspiels auf Silber-
platten, gestochen vvn Gcorg Heinrich Bleich.
Herausgegeben von Rat vr. Karl Förster, Kunst-
exporteur in München 1881. 36 Blatt mit Text.
Selbstverlag des Herausgebers. Preis Mk. 10.

Vor Jahresfrist etwa ging durch die Zeitungen
die Kunde von der Auffindung eines auf Silber-
platten gravirten Kartenspiels aus dem 16. Jahr-
hundert. Karl Fvrster, der es im Besitz des Grafen
Friedrich von Rothenburg, eines Sohnes des letzten
Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, entdeckt halte,
stellte eine baldige Publikation in Aussicht, der nian
allerdings mit Spannung entgegensehen durfte. Die-
sclbe liegt jetzt uuter obigem Titel vor und hat gewiß
mauchem eine große Euttäuschung bereitet.

Das Spiel zeigt den gewvhnlichen Typus der
deutschen Karten des 16. uud 17. Jahrhunderts:

I) Offenbar ist der Hellersche Altar gemeint, das von
Dürer im Auftrage Jakob Hellers für den Thomasaltar in
der Predigerkirche zu Fransfurt a. M. gemalte Bild.

Anm. d. Herausg.

Könige, Landsknechte (Ober) und Damen (Unter), die
zehn auf einer flatternden Fahne, die übrigen Karten
sind mit den bekannten Tiersiguren geziert. Die Arbeit
ist — im Vergleich mit den sonst bekannten silbernen
Kartenspielen — unverhältnismäßig rvh, ohne höheren
künstlerischen Wert. Die Karten waren ursprünglich
mit Lackfarben bunt bemalt, deren Reste, um den Ab-
druck zu ermöglichen, entfernt sind.

Auf der „grün Sechs" (nicht auf dem „Gras-
As" wie es im Text heißt) befindet sich ein Zeichen,
völlig gleich einer Hausmarke, zusammengesetzt aus den
Buchstaben 6l 8 L (nicht bei Nagler). Förster hält
diese Marke sür das „Goldschmiedezeichen" des Kupser-
stechers Georg Heinrich Bleich (Nagler II, 3075), dem
er das Spiel ohne weiteres zuschreibt. Eine Gold-
schmiedemarke ist dies Zeichen unter allen Umständen
nicht, da dieselben niemals in Form von Hausmarken
vorkommen; aber auch die Beziehung auf S. H. Bleich
ist höchst fraglich. Zunächst kann die Buchstabenfolge
eine ganz andere sein; der Schluß Försters, „es kann
mit dem Monogramm wohl niemand anderes gemeint
sein, als Bleich", ist absvlut nicht stichhaltig. Die
Ubrigen bekannten Stiche von Bleich zeigen einen durch-
aus ändern Charakter. Die Zeit stimmt auch nur
allenfalls: das Spiel stammt aus der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts, dahin weist es das Kostüm
(obwohl sich einige ältere Kostümfiguren finden). Bleich
lebte noch 1696, müßte also das Spiel in ziemlich
jungen Jahren gestochen vder ein sehr hvhes Alter er-
reicht haben. Die Urheberschaft Bleichs ist also mehr
als zweifelhaft.

Wie oben bemerkt, waren die Karten ursprünglich
mit Lackfarben bemalt, welche um den Abdruck zu er-
möglichen, entfernt worden sind. Förster setzt, dies Ver-
fahren entschuldigend, hinzu: „der Zustand vollständiger
Zerstörung, in welchem sie (die Farben) sich befanden,
schien die Wegnahme dieses Farbenauftrages zu Gunsten
einer Veröffentlichung zu rechtfertigen". Zwar weiß
Referent nicht, wieviel von der ursprünglichen Be-
malung erhalten war und ob vor der Zerstörung der-
selben farbige Kopien genommen sind; das steht aber
fest: ein solches Verfahren ist unter allen Umständen
eine Barbarei, gegen welche auf das Energischste pro-
testirt werden muß! Vor allem gilt es doch, Kunst-
werke zu konserviren, und nur in dem Falle, daß
durch Zerstörung nebensächlicher Dinge das Ganze er-
halten werden kann, ist dieselbe erlaubt. Hier, wo es
sich um eine Publikation, welche auch auf andere Weise
möglich war, handelte, giebt es keine Entschuldigung
fllr solch brutales Verfahren.

Was die Ausstattung angeht, so werden die jedem
einzelnen Btatt aufgedrückten. meist undeutlichen und
schicf sitzenden blauen Stempel des Herausgebers gerade
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