Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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1?. ^ahrgang.
Beiträge

die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

13. >li

Nr. 38.

Jnserate

ü 25 j?f. für die drei
Mal gespaltene ssetit-
zeile werden von jeder

l882.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Kunstchronik Nr. 39 erschcint nm 27. Juli.

Die Aonkurrenzentwürfe für das deutsche
Reichstagsgebäude.

I.

Hat schon das Ergebnis der Konkurrenz um das
Gebäude des deutschen Reichstages in den Kreisen der
Architekten eine große Überraschung hervorgerufen, so
steigerte sich diese Überraschung noch, als sich am
28- Juni die Räume des provisorischen Kunstaus-
stellungsgebäudes öffneten und die prämiirten Entwürfe
jedermann sichtbar wurden, und als die Zeitungen zu
gleicher Zeit bekannt gaben, in welcher Weise man
die Bauausführung betreiben wolle. Obwohl zwei
Architekten, Paul Wallot und Friedrich Thiersch, je
einen ersten Preis erhalten haben, soll bei einer even-
tuellen Ausführung des Baues, worüber die Parla-
mentsbaukommission zu entscheiden haben wird, nur
der erstere berücksichtigt werden. Derselbe ist auch
bereits nach Berlin berufen worden, um sich zunächst
an eine Umarbeitung seines Planes zu machen, wozu
ihm die preisgekrönten und die außerdem noch ange-
kauften Entwürfe als schätzbares Material dienen sollen.
Die selbständige Leitung des Baues würde ihm aber
auch dann noch nicht übertragen werden, sondern er
würde, wie in Architektenkreisen verlautet, als eine Art
Bauführer unter einer Kommission zu fungiren haben,
als deren Mitglieder man die geheimen Räte Adler
und Persius nennt. Wenn diese Kombination zu
staude käme, würde man das bis dahin noch nicht
dagewesene Schauspiel erleben, daß die Mitglieder der
Jurh einen hervorragenden Einfluß auf die Ausführung

eines Baues gewinnen, sür welchen sie selbst die Pläne
ausgesucht haben, Jst diese Kombination von vorn-
herein beabsichtigt worden, Was wir nicht hoffen wollen
und was auch bereits formell dementirt worden ist,
so könnte man aus dem ganzen Verlauf dieser Kon-
kurreuz Schlüsse ziehen, welche von neuem ein sehr be-
denklichcs Licht aus das Konkurrcnzwesen werfen,

Wir wollen diese Schlüsse nicht ziehen, da selbst
iu der Diskussion Uber rein künstlerische und technische
Dinge, bei welcher niemand an Beleidigung und
Kränkung von Personen denkt, jetzt plötzlich Personen
hinter diesen Dingen aufzutauchen pflegen und den
Staatsanwalt zu Hilfe rusen, ^Wir wollen nur eine
allgemeine Bemerkung über das Jllusorische der
Anonymität in den Konkurrenzen machen. Die „künst-
lerische Handschrift" eines Architekten, welcher sich seit
einem oder mehreren Jahrzehnten an alleu möglichen
Konkurrenzen beteiligt hat, ist für den Fachmann kein
Geheimnis. Jeder, der sich nur einigermaßen mit den
architektonischen Publikationen der letztenJahre beschäftigt
hat, weiß, wie jeder hervorragende Architekt zeichnet.
Es liegt also in der Hand von Jurors, welche von
vorgefaßten Sympalhien und Antipathien nicht ganz
frei sind oder überhaupt nicht das nötige Maß der
Objektivität zu ihrem verantwortungsvollen Geschäfte
mitbringen, Entwürfe von Architekten, die ihnen unbe-
guem sind oder vor deren Überlcgcnheit sie sich fürchten,
auszuschließen und die Mittelmäßigkeit zu bevorzugen,
und es wird ihnen dies um so leichter sein, je glück-
licher ihre Beredsamkeit und je größer ihr persönliches
Übergewicht über andere Jurors ist, die minder ener-
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