Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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17. Iahrgang.

Beiträge

sind an Lrof. Dr. L. von
Lützow (Wien, There-

die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

7. 5eptember

Nr. ^2.
Jnscrate

ti 25 für die drei
Mal gespaltene jl>etit-

Vuch- u.Runschandlung
angenommen.

1882.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Kniistchronik Nr. 43 crschcint am 21. Scptcmbcr.

Aunstgewerbliche Nnterrichts- und Organisations-
Fragen.

Als eine der eigentümlichsten Erscheinnngen nuf
dem Gebiete des movernen Kulturlebens ist gewiß die
zu betrnchten, dnß Frngcn der Kunst, welche in srüherer
Zeit nur tleinere cingeweihte Kreise beschäftigten, gegen-
wnrtig, wenigstens bis zu einem gewissen Grnde, das
Gemeingut nller geworden zu sein scheinen. Aller Orten
sehen wir Mnstersnmmlungen und Lehrnnstnlten für
Kunstindnstrie im Entstehen begriffen, Vorträge, die
über dieses Themn gehalten werden, gehören zu den
populärsten, und die demselben zugewendete Litterntur
snngt fnst schon nn eine unübersehbnre zu werden. Es
weht wie ein Frühlingshauch über diese so lange Zeit
bei uns Vervdeten Gebiete:

— „Die Sonne duldet kein Weißes,

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben".

Und gerade die Farbe, fehlte sie uns nicht nüzn sehr
in unserem eintönigen knlten Norden, wo es ihr gnr
so schwer wird, sich einzubiirgern? Schien es doch
noch vor nicht langer Zeit, als ob alles, vom Archi-
tekten bis zum letzten Kunsthandwerker herab, und das
liebe Publikum nicht minder, geradezu von Farben-
blindheit geschlagen wäre, so nngstlich ward alles ver-
micden, was etwa einen noch nicht ganz abhanden
gekommenen Farbensinn und Freude nm heitern Fnrben-
spiel hätte verrntcn kvnnen! Wenn wir in aller Wclt
als nordische Barbnren verschrieen waren und es noch

sind, so mag das vielleicht nicht am wenigsten in diesem
Umstande begründet sein.

Die merkwürdige Erschcinung, dnß die dentsche
Knnstarbeit, in alter Zeit hochberühmt in allen Lnndern,
trotz der großen Fortschritte, die unser Knlturleben in
andercr Richtnng gemacht hatte, so schr verkommen
wnr, ist hauptsächlich aus dem nationalen Unglück
zu erklären, das während der letzten Jahrhunderte
auf uns lastcte. Nachdem in den furchtbnrcn Er-
schütternngen des dreißigjährigen Krieges, des schreck-
lichsten, welcher jemals ein Volk heimgesucht hat, fast
alle Tradition in technischer Hinsicht und jede gedeih-
liche Fortentwickelung der künstlerischen Zustände unter-
brochen worden wnr, hat unserem Volke als solchem
bis auf die Neuzeit herab dasjenige Gesühl der
Sicherheit, Kraft und Harmonie gefehlt, ohne welches
namentlich nuf den höheren Gebieten des menschlichen
Schnffcns weder vom Einzelnen noch vom Volke als
Ganzem bedeutende Leistnngen zu crwarten sind. Recht
hnndgreiflich wnr die allgemeine Unsicherheit und Zer-
fahrenheit auf nationalem wie aus künstlerischem Gebiete
besonders in der Architektur hervorgetreten, in welcher
die schöpferischen Gedanken jeder Zeit am deutlichsten
zum Ausdrvck gelnngen. Hier schien eine völlige
Annrchie, eine Stilverwirrung ohnegleichen eingerissen
zu sein, bis man endlich in neuerer Zeit im Anschluß
an Renaissnnce und Antike eine den modernen An-
schanungen nnd Bedürsnissen am meisten entsprechende
nene Richtung eingeschlagen hnt. Abgesehen von dem
Vcrlust sciner Trnditionen wnr aber das Handwerk in
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