Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Neues aus Pergamon.

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Art nur cms Balken mit Brettbeschlag vor der West-
seite angebaut —, so soll gleichzeitig mit dem Bau des
Turmes die „Restauration" dcr Kirche vorgenommen
werden, welche an Stelle des gewvlbten Schiffes wieder
eins mit Bretterdecke setzen soll, cin Rückschritt, der
um sv weniger begriindet ist, als die uur 40 oin dicken
Stiitzcu keiuen Menschen stören. Schon ist der Putz
des Schiffes, unter dcssen Überweißung die alte Be-
nialung zum Vorschein kam, — im Chore mag sie
noch vorhandeu sein — abgehauen, und man wartet
des Frühjahrs, um dcm Lande eins seiner, trotz der
Einfachheit, interessantesten Bauwerke zu entziehen und
cinen niichterueu Predigtkasten daraus zu machen —
aber mit cinem Turme. Daß man sich deu Luxus
ciues Turmes crlaubcu kaun — unser Land hat vicl
Beispiele gelungener Turmnachbauten, doch viel mehr
von verfehlten —, beweist, daß Geldmangel nicht der
Anlaß sein kann, weun man ein Gewölbe beseitigen
will, das übrigens nnter Benutzung der bestens er-
haltcnen Materialien, leicht kvnnte wieder hergestellt
werdcn.

Wer droben im gesegneten Vaterlande sitzt, wv
die Fliisse herkvmmen, und der Stein im Berge wächst,
und an allen Ecken die schönsten Hausteinkirchen stehen,
dem mag es wohl wenig richtig scheinen, daß man nm
so ein einfaches spätgotisches Gebäude, an dem nur die
Zweischiffigkeit, ein schönes Gewölbe uud etliche saubere
Hausteine der Rede wert sind, Klage erhebt. Aber
hier im Backsteinland, wo man jahraus jahrein nur
ein paar rohe Granitbrocken sieht, wenns hoch kvmmt
ein bischeu Stuck, lernt man mit Ehrerbietung einen
anständigen Hausteiu betrachten, und wo rohe Erzeug-
nisse des 12. und 13. Jahrhunderts die breite Masse
der vorhandenen Kirchenbauten ausmachen, findet auch
die viel verkannte Spätgotik ihre dankbare Statt, wv
man ein Ohr hat für die Sprache der Steine.

Man droht und plant in diesem Jahrc den ein-
zigen noch vvrhandenen Stadtthoren in Flensburg und
Schleswig den Untergang; sollte das Beabsichtigte in
Erfüllung gehen nnd cs auch nicht möglich seiu, die
Erneuerung der Kirche in andere Wege zu lenken, so
wäre dies Jahr sür die paar arnieu Reste unserer
Spätgotik verhängnisvvll und für jeden Freund unseres
Landes und seiner Geschichte betrübend. Und bedenk-
lich nur nm so mehr, als die Kenntnis von dem Be--
sitze des Landes an Banwerkeu noch die lückenhafteste ist,
nnd niemand dafür bllrgt, daß uicht, wic zu Hiittcn,
sv anderswv wichtigste Maler der Vergangenhcit und
Jllustrationen unserer Kunstgeschichte unbeachtct, unge-
kannt in den Staub sinken. Nich. Haupt.

Neues aus j)ergamon.

Berlin, Mitte Januar 1882.

Weitaus das regste Jnteresse aller jüngeren Er-
werbungen der Bcrliner Kunstsammlungen beanspruchen
mit vollstem Rechte noch immer die aus Pergamou
hierher gercttcteu Marmorwerke. Dank der Unermüd-
lichkeit und praktischen Findigkeit Humanns und Conze's
haben sich diese Schätze in den letzten Monateu wieder
um wertvolle Stücke vcrmehrt, und so wenig man
jetzt schon imstande ist, ein definitives Urteil abzn-
gebcn und ein vollständiges Jnvcntar anfzunehmen,
so ist doch ein weiterer „vorläufiger" Bericht recht sehr
am Platze.

Zuvörderst haben sich die großcn Liicken der
Gigantomachie wenigstens hier und da noch ausfllllen
lassen, einige größere Figurcnteile und zahllose kleincre
Fragmente sind dem Relicf, welches im östlichen Flllgel
des alteu Museunis eine zlvar prvvisorischc, aber doch
rccht beciueme Lage erhalten hat, hinzugefllgt und er-
leichtern das Verständnis des gewaltigen Kampfge-
dichts. Auf dieses Werk wird, je mehr die Vervoll-
ständigung desselben fortschreitet, noch immer wieder
zurückzukommen sein.

Neben der überlebensgrvßen, ausführlichen, uns zu
etwa zwei Drittcl erhaltenen Kampfesdarstellung habcn
sich allerdings nur geringe Reste eines Frieses erhalten,
welcher etwa in halber Lebensgröße denselben Gegen-
stand behandelte. Der Stil dieser wenigeu, neuerdings
angelangten Bruchstücke deutet auf dieselbe Zcit, der
wir die Mehrzahl der gefundenen Kunstwerke znschreiben
müssen: das zweite Jahrhundert vor unserer Zeitrech-
nung; speziell die zuletzt geuannteu Werke verratcn
eine entschiedene Stilverwandtschaft niit dem früher
beschriebenen kleineren, pergamenische Lvkalsagen be-
handelnden Friese. Die zum Teil vortrefflich erhaltcneu
Triimmer dieses letztereu sind zur größteu Mehrzahl
gereinigt und haben in ihren hervorragendsten Stllcken
ebenfalls in dem östlichen Saale des alten Muscums
ihre Anfstellung gefunden. Eine Zusammenfügung der
Stücke zu einem Ganzen erscheint noch nicht möglich,
aber einzelne Teile, z. B. Herakles, der aus seine Keule
gestützt neben dem früher schvn gefundeuen Telephos
steht, verschiedene noch uicht crklärte Frauenfiguren u. a.,
rücken die Möglichkeit näher, uns über den Stil der Dia-
dochenzeit ein Urteil zu bilden. Was dcm Bildhauer jener
Periode ani Herzen lag, war eine eingehende und liebe-
vollc Ausfllhrnng des Details sowohl in der Behand-
lung des Nackten als auch der Gewäuder. Die Künstler
von Pergamon sind hier offenbar über die letzte große
Kunstperiode rückwärts von ihnen, über die Schule des
Praxiteles und Skopas, hinausgegangen. Ein genaueres
Belauscheu dcr Natur iu ihren Einzelheiten, als der eben
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