Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Aus dem Wiener Künstlerhause.

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Wasil Wereschagin (geb. 1842 im Gouvernement
Nowgorod) begann seine Laufbahn in der russischen
Marine, welche er mit dem Offiziersgrad verließ, um
in die Petersburger Kunstakademie einzutreten. Er
erhielt dort sür sein erstes Bild, welches die „Ermordung
der Freier der Penelope" darstellte, einen Preis, ver-
nichtete aber später selbst diese Frucht seines akademischen
Studiums, dessen Grundlagen ihm verkehrt schienen.
Die zweite Etappe in Wereschagins künstlerischem
Studiengang war ein längerer Aufenthalt in Paris,
wo er in Gerüme's Atelier arbeitete. Der Einsluß
dieses Meisters auf die Darstellungsweise des hoch-
begabten Russen ist in dcssen Arbeiten deutlich wahrzu-
nehmen, vornehmlich in der Genauigkeit, mit welcher
alles Stoffliche, Architektur, Kostüm, Bewaffnung und
dergl. wiedergegeben ist, ferner in der Richtung auf das
ethnographisch und kulturhistorisch Jnteressante und
Fremdartige. Den Drang seines Geistes in die Ferne
konnte der Künstler bald besriedigen: er machte 1867 die
Expedition des russischen Generals Kauffmann nach
Turkestan mit, bereiste 1875 Jndien und nahm endlich
Teil an dem letzten großen russisch-türkischen Kriege,
dessen greuelvollen Verlauf er im Hauptquartier des
Großsürsten Nikolaus aus nächster Nähe beobachten
konnte.

Die Erlebnisse während dieses Schauerdrama's
sind für Wereschagins eigentliche Richtung ausschlag-
gebend geworden; die Bilder vom bulgarischen Kriegs-
schauplatzc sind die Hauptanziehungspunkte der hier
besprochenen AuSstellung. Doch bevor wir zu ihnen
übergehen, erst noch einige Worte über Wereschagins
asiatische Reisefrüchte. Sie sind sllr uns der erfreu-
lichere Teil seiner SchöpfungeN, reine Zeugnisse eines
glücklich angelegten außerordentlichen Talents. Es sind
einige sechzig größere und kleinere Ölbilder (gegen-
Wärtig Eigenlum des Herrn Tretiakoff in Moskau)
mit Architekturen, Landschaften, Kriegsbildern, Genre-
scenen und einzelnen Figuren, ausgewählt mit dem
schärfsten Blick für das Charakteristische und Bedeutsame,
und mit einer klassischen Einfachheit gemalt, welche die
staunenswerte Fülle der Produktion erklärt. Die Selten-
heit der dargestellten Objekte, die offenbar ganz unver-
fälschte und dabei malerisch höchst virtuose Wiedergabe
derselben machen diese Bilder ebenso interessant für den
wissenschaftlichen wie sür den künstlerischen Beobachter.
Beide werden z. B. das Jnnere des Tschaitja von Ad-
junta (Nr. 9) mit den Resten alter buddhistischer Malerei
an den Pfeilern dieses Grottentempels in gleichem
Maße bewundern und nicht minderes Jnteresse nehmen
an den Bildern der Moschee über dem Grabe Tamer-
lans in Samarkand (Nr. 40 und 44), an dem großen
Gemälde der Marmormoschee des Großmoguls in
Delhi, in deren Hallen der Blick durch den sonnigen

Vorhof eindringt, ferner an den Wundern der Natur,
z. B. deni See von Kaschmir vvr Sonnenaufgang
(Nr. 32), endlich an den zahlreichen prächtigen Charak-
terfiguren der Muhammedaner, Parsen, Jnder, Chine-
sen, Kirgisen u. s. w., unter denen sich einige Bildchen
(wie Nr. 47 und 48) von einer Feinheit der Farbe
und des Tones befinden, welche den besten Sachen von
Passini und Pettenkofen nichts nachgeben. Wir hatten
uus eben in den Genuß dieser köstlichen kleinen Ge-
mälde vertieft, als Plötzlich ein schriller Mißton uns
aufschreckte —- der Anblick einer Schädelpyramide,
welche der Künstler in Nr. 45 als „Apotheose des
Krieges" den Betrachtern vorführt, mit dem Beisatz:
„Gewidmet allen Siegern der Vergangenheit, der
Gegenwart und der Zukunst", und mit der weiteren
Bemerkung: „Der Kopsdes deutschen Gelehrten Schlag-
intweit geriet in eine solche Pyramide, welche der klein-
kaschgarische Despot Welicha Ture zu seinem Vergnügen
errichten ließ".

Das Bild dieser „Apotheose des Krieges" kann
als Ouverture dienen zu der grauenvollen Serie von
Scenen aus dem letzten russisch-türkischen Kriege, mit
denen die Wände Vvn vier Sälen des Künstlerhauses
bedeckt sind. Auch diese Werke tragen selbstverständlich
den Stempel der seltenen Begabung des Künstlers an
der Stirn; ohne diese würde die Welt sich sofort mit
Schaudern abwenden von dem, was ihr hier geboten wird.
Die Treue der Schilderung, der staunenswerte Fleiß der
Ausführung, die Meisterschaft in der Behandlung der
Luftperspektive, der feine Sinn für die Bedeutung der
Gefamttöne und Stimmungen, kurz der enorme Auf-
wand von Können und Wiffen beschäftigen das ge-
schulte Auge des Künstlers und Kenners dermaßen,
daß es eine Weile sich über den Jnhalt der Dar-
stellungen selbst gar nicht Rechenfchaft zu geben vermag,
und manches zufriedene Gemüt sich einer näheren
Prllfung dessen, Was hier geboten wird, gern ganz ent-
schlägt. Wem aber dieses Glück nicht gegeben ist, Wer
sich der erschütternden Wahrheit dieser Schauderscenen,
mit dem Jammer der auf dem Schlachtfelde vergeffenen
und vom Feinde zu Tode gemarterten Verwundeten,
mit den weiten Leichenfeldern, über denen der Pope
das letzte Gebet spricht, mit den eben vom Schneesturm
verwehten, erfrorenen einsamen Schildwacheu hoch am
Schipkapaß, mit dem verlassenen Spital, in dem alles
verhungert und vermodert ist, kurz dieser ausgesuchten
Galerie von Schrecknissen und Blutthaten mit mensch-
licher Empfindung und Nerven von nicht übermenschlicher
Stärke hingiebt, wird alles eher als einen erhebenden
und künstlerisch befriedigenden Eindruck davontragen.
Diesen hat Wereschagin auch gewiß nicht beabsichtigt.
Daß er gesagt haben sollte: „Jch will für alles
lieber gehalten werden, als fllr einen Tendcnzmaler!"
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