Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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s7. sZcchrgang.

Nr. ,2.

Beiträge

5. Ianuar

Inserate

ü 25 j?f. für die drei

s882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



<Lin historischcr Bildercyklus aus dcm sch Iahr-
hundert.

Die Direktion der königl. preußischen Staats-
archive hat soeben cin Werk herausgegebcn. welches
das Jnteresse der Kultur- und Kunsthistoriker in hohem
Maße in Anspruch nimmt. Das Koblenzer Provin-
zialarchiv bewahrt eine vom Erzbischof Balduin vou
Trier, dem Bruder Kaiser Heinrichs VII., nngeordnete
und auf sein Geheiß zierlich und schmuckvoll geschriebene
Urkundeusammlung, welcher auf 37 Blättern und 74
Bildern die Schilderung des Römerzuges Kaiser Hein-
richs vorgesetzt ist. Die Bilder stehen in keinem Zu-
sammenhang zu dem Jnhalte des Kodex, sind aber mit
dem letzteren glcichzeitig; sie stammen aus der ersteu
Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sämtliche Bilder liegen
uns in der Publikation der preußischen Staatsarchive
vortrefflich in Farbendruck wiedergegeben, auf das
genaueste facsimitirt vor. Jn erster Linic werden aus
dem Bildercyklus die Kulturhistoriker für die Kenntnis
der Sitten und Gebräuche im 14. Jahrhundert reiche
Belehrung schöpfen. Der Künstler hat offenbar den
Kriegszug des Kaisers persönlich mitgemacht und ver-
wertet in seinen Darstellungen, was er unmittelbar
gesehen hat. Die letzteren empfangen dadurch das
Gepräge vollkommener Treue. Soweit reicht natürlich
die Schulung des Auges nicht, daß er die landschaft-
lichen Hintcrgründe, die Bauten uach der Natnr zeichnete.

Die Romfahrt Kaiser Heinrichs VII. im Bildercyklus
des Kodex Balduini Trevirensis herausgegeben von der Direk-
tion dsr königl. preutzischen Staatsarchive. Erläuternder
Text von Georg Jrmer. Berlin 1881.

Ein einziges Mal giebt er das Terrain charakteristisch
wieder, da wo er den Übergang des Heeres Uber deu
Mont Cenis beschreibt. Die Felscugalerien, durch welche
das Fuhrwerk geht, erkennt man auf's deutlichste.
Scharf hat er dagegen die Einzelheiten in der äußeren
Lebenserscheinung beobachtet. Für das Trachten- und
Rllstungswesen im 14. Jahrhundert bietet die Bilder-
reihe willkommene Aufschlüsse. Wir erfahren genau,
wie die Pferde gezäumt und gesattelt wurden, welcher
Unterschied zwischen der Rüstung im Felde und in
Friedenszeiteu auf dem Marsche bestand; die Vorgänge
bei Hinrichtungen, bei der Knpitulation belagerter
Städte, bei Turnieren u. s. w. werden ebenso in das
Einzelne anschaulich gemacht wie die Ceremonien,
welche bei Prunkessen walteten. Wir teruen die ver-
schiedenen Formen der Schwerter und Helme kennen,
und beobachten, daß die Frauen auch bei festlichem An-
lasse im Gegcnsatz zu den Männern verhüllt giugeu,
Nacken und Hals bis zum halben Kinn unter einem
dicken Schleiertuche bargen. So groß abcr die kultur-
geschichtliche Ausbeute sich zeigt, so bildct sie doch nicht
den eiuzigen Gewinn. Auch die kunsthistvrische Er-
kenntuis wird erweitert. Zwar erscheiut der Formen-
sinn des Künstlers geriug ausgebildet, sein technisches
Vermögen völlig unentwickelt. Die Prüfung der einzelnen
Darstellungen ergiebt wenig erfreuliche Nesultatc. Der
Schwerpunkt der kunsthistorischen Bedeutung des Bilder-
kreises liegt vielniehr darin, daß zeitgenössische Ereig-
nisse verherrlicht, rein historische Schilderungen ver-
sucht werden. Der Verfasser des mit großer Um-
sicht und trefflicher Quellenkunde geschriebenen Textes
macht es wahrscheinlich, daß die Miniaturbilder als
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