Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Konkurrenzen.

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lenls, die Begabung für das lyrisch-idyllische, offen-
barte. Sie zeigte sich auch in der Gestalt einer Win-
zerin, welche mit der Linken den Traubenkorb auf dem
Kopfe hält, während sie mit der Rechten den Schuh
des linken Fußes faßt. Diese Figur, deren Bewegungs-
motiv von seltener Anmut ist und deren Formen-
schönheit von keiner der späteren Jdealsiguren Drake's
übertroffen wird, befindet sich in der Nationalgalerie.
Eine Wiederholung in großem Maßstabe steht im Tier-
garten in der Nähe des Denkmals Friedrich Wilhelms III.

Jm Jahre 1835 schuf er die erste seiner mvnu-
mentalen Arbeiten, die Bronzestatue Justus Mösers
sür Osnabrück. Nach ihrer Vollendung begab er sich
nach Rom, wo er zu Thorwaldsen in nähere Be-
ziehungen trat, welche seine Neigung zu idyllischen
Stoffen und zu anmutiger Formengebung noch be-
stärkten. Nur in Porträtstatuen und in monumen-
talen Arbeiten blieb er einer gewissen Strenge treu,
die er aber vortrefflich mit monumentaler Würde, mit
imponirender Haltung und mit einem echt plastischen
Faltenwurf in Harmonie zu bringen wußte. Nach
seiner Rückkehr aus Jtalien begann eine umfangreiche
Thätigkeit. Zuerst schuf er im Jahre 1843 acht sitzende
Kolossalstatuen der preußischen Provinzen in Stuck
für den weißen Saal des königlichen Schlosses, im
Jahre 1845 die Marmorstatue König Friedrich Wil-
helms III. sür Stettin, und dann nahm er das Denk-
mal desselben Königs für den Berliner Tiergarten in
Angriff, welches 1849 aufgestellt wurde. Jn der Cha-
rakteristik des Königs ist die Schlichtheit, Anspruchs-
losigkeit und die fromme Demut seines Wesens auf
das glücklichste getroffen. Aber mehr als die Statue
selbst fesselt der köstliche Fries, der um den cylindrischen
Sockel geschlungen ist. Er bezeichnet nicht blos den
Höhepunkt im Schaffen des Meisters, svndern er darf
als eine der vollkommensten bildnerischen Schöpfungen
unseres Jahrhunderts gelten. Jn rhythmisch ver-
schlungenen Gruppen von höchstem Adel der Form und
Von anmutigster Bewegnng, voll tiefer Empfindung
und voll rührender Jnnigkeit schildert er das Leben Ler
Menschen im Genuß der freien Natur, um dadurch den
Dank von Alt und Jung, von Greis, Mann, Frau
und Kind dem königlichen Schöpfer des herrlichen Parks
auszudrücken. Dieser Fries errang dem Meister eine
Popularität, die ihren Abglanz noch auf die Schöpf-
ungen seiner letzten Jahre warf, in denen sich bereits
die abnehmende Kraft des Alters bemerkbar machte.

Die Zahl der Denkmäler, die er in den fünfziger
und sechziger Jahren geschaffen, ist sehr groß. Wir
nennen die Gruppe der Viktoria, welche dem Sieger
den Kranz reicht, für die Berliner Schloßbrücke, die
Büste Okens und die Erzstatue Johann Friedrichs des
Großmütigen für Jena, die Statue Melanchthons für
Bretten in Baden, die Rauchstatue für die Vorhalle des
Berliner Museums, das Denkmal Friedrich Wilhelms III.
für Kolberg und das Schinkeldenkmal für Berlin, wel-
ches in seiner echt plastischen Konzeption, in der Ge-
schlossenheit der Silhouette und in dem begeisterungs-
vollen Ausdruck des Kopfes zu seinen vollendetsten
Arbeiten gehört. Das Höchste aber in der Wncht und
Kraft des monumentalen Ausdrucks hat er in der
kolossalen Reiterstatue König Wilhelms für die Rhein-
brücke in Köln geleistet. Als das Werk 1867 anf der
Pariser Weltausstellung erschien, machte es ein so großes

Aufsehen, daß ihm selbst ein so wütender Deutschen-
hasser, wie der jüngst verstorbene Charles Blanc, ein
gewisses Maß von Anerkennung nicht versagen konnte,
zumal da es die Jury mit der höchsten Auszeichnung,
Ler Ehrenmedaille, gekrönt hatte.

Drake's Thätigkeit auf dem Gebiete der Monu-
mentalbildnerei schloß nicht sehr glücklich mit der
kolossalen Bronzestatue für die Siegessäule in Berlin,
aber weniger durch seine Schuld, als durch die des
Architekten, da Drake seine Figur für einc ungleich
höhere und schlankere Säule konzipirt hatte, als sie
Strack später zur Ausführung brachte. Drake hatte
die höchste Würde erreicht, die in Preußen einem Künst-
ler zu teil werden kann: er war Ritter und Vicekanz-
ler des Ordens xonr Is inörits. Unter den wenigen
Schülern, die in seinem Atelier ihre Ausbildung er-
halten haben, sind Keil und Calandrelli die nam-
haftesten. Adolf Rosenberg.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

x. Die badische Kunstgewerbeausstellung zu Karlsruhe

(1881) hat zu einer Lichtdruckpublikation Veranlassung ge-
geben, von welcher die erste Lieferung bei H. Keller in Frank-
surt erschienen ist. Dieselbe enthiilt fünf Tafeln in kl. Folio
mit folgenden Darstellungen: Deutsch-Renaissance-Zimmer,
entworfen von C. Hammer; Mariaschrein, französische Elfen-
beinarbeit aus dem 15. Jahrhundert; Rokoko-Monstranz aus
dem Münster zu Villingen nebst einem Detailblatt dazu; ge-
wirkter Teppich, deutsche Arbeit vom Anfang des 15. Jahr-
hunderts. Die Erläuterungen zu den Tafeln, von vr. Marc
Rosenberg verfaßt, sind sehr zweckdienlich, hätten aber aus
praktischen Gründsn besser auf einem besonderen Bogen
Platz gefunden als auf den dünnen losen Schutzblättern, die
zwischen den Tafeln eingelegt sind. Nähere Besprechung be-
halten wir uns vor, sobald das Ganze vollständig ist.

Aonkurrenzen.

8.1?. Zur Konkurrenz für das deutsche Reichstaqsgebäude.

Das Ereignis des Tages für unsere Architekten ist die be-
vorstehende Konkurrenz für die Entwürfe zu dem neuen
Reichstagsgebäude. Die Beschickung derselben scheint eine
überaus starke zu werden: die schon bekannten Namen wollen
sich in ihrem Glanze zeigen, und dis noch unbekannten
Künstler hoffen hier schnell berühmt zu werden. Es ist
schon mannigfach darauf hingewiesen worden, daß bis jetzt
recht peinliche Fehler gemacht worden sind; man kennt ja
den Unstern, der über den architektonischen Unternehmungen
des preußischen Fiskus, resp. Les deutschen Reiches, in den
letzten Jahrzehnten gewaltet hat (Generalstabsgebäude, Ar-
tillerie- und Jngenieurschule, Siegessäuls, Nationalmuseum
rc. rc.). Die Zusammensetzung der Kommission läßt nur die
Hoffnung auf eine möglichst passive Haltung derselben noch
übrig; auch die Form der Konkurrenz verspricht nicht den
erwünschten Erfolg: die Arbeit, sich aus den Hunderten
— denn so viele wsrden sich ganz sicher einstellen — von
Plänen herauszufinden, ist eine so kolossale, daß keine
Garantie dafür geboten wird, die Wahl werde das Rechte
treffen. Schon die ungewöhnlich vielen und hohen Preise
(zehn, zusammen im Betrage von 75000 Mk.) werden ihre
Anziehungskraft äußern; daß das Thema an sich schon für
einen deutschen Architekten den denkbar höchsten Reiz bietet,
versteht sich von selbst. Das Programm, welches von dem
Reichsamte des Jnnern ausgegeben worden ist, enthält die
Bedingungen in Lankenswerter Detaillirung. Begleitet wird
es von fünf lithographischen Blättern, deren drei die drei
Geschosse des gegenwärtig sür den Reichstag benutzten Ge-
bäudes, die beiden anderen den Situationsplan des für das
neue Reichstagsgebäude in Aussicht genommenen Bauplatzes
zur Anschauung bringen. Der letzters kann günstiger mcht
wohl gedacht werden. Der östliche Teil des Königsplatzes,
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