Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 17.1882

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Laokoonstudien.

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antwortung, die am liebsten die Berechtigung aus-
löschte und sie dann verklausulirt doch wieder zugesteht,
die Grundlage für die das „Endziel" der Betrachtung
bildende Frage wcrden: „Jst die Allegorie für unsere
heutige Kunst unentbehrlich?" Da die heutige Kunst
nur ein Teil der Kunst llberhaupt ist, so kann die
Allegorie, wenn die Kunst überhaupt nicht ohne sie
auskommen kann, auch der heutigen nicht entzogen
werden. Der Verfasser geht jedoch einen andern Weg.
Er stellt die Forderung der Allgenieinverständlichkeit
der Knnst: die Allegorie ist in der Regel nicht allge-
meinverständlich; erZo ist sie zu verwerfen, wo sie es
nicht ist. Zugleich aber ergiebt sich hieraus, daß sie,
wo sie verständlich ist, zuzugestehen sei. Was heißt
aber „Allgemeinverständlichkeit?" Der Verfasser be-
lehrt uns darüber: „Dre Kunst braucht sich in ihren
Motiven nicht so zu beschränken, daß sie sich an das
Berständnis des großen Haufens wendet; sie darf bei
vielen ihrer Schöpfungen in der That den Anspruch
auf einen gewissen Grad von Bildung bei den Be-
trachtern mit vollem Rechte erheben". Dieser höchst
allgemeine Maßstab wird für die Malerei etwas
schärfer dahin bestimmt, daß man für die „große monu-
mentale Malerei" wesentlich die Forderung der Allge-
meinverständlichkeit machen müsse, wührend „die in der
Regel für Galerien und Privatbesitz bestimmten kleineren
Tafelbilder höhere Anforderungen an das Berständnis
der Beschauer stellen dürfen". Konsequenterweise werden
daher „verurteilt die Gedankenmalereien im Treppen-
haus des Berliner Museums", wobei man sich freilich
nicht der Frage erwehren kann, ob, — „denn die Kunst
ist nicht blos dazu da, um das Leben zu verschönern,
sie hat auch die höhere Aufgabe, erziehend nnd ver-
edelnd zu wirken, namentlich auf das Volk" — dieses
„Volk" nur im Treppenhaus bei der monnmentalen
Malerei verweilen darf und nicht auch in die Galerie
zugelasien wird, wo die Tafelbilder hängen, welche
höhere Ansprüche machen dürfen? Aber auch dieser
Maßstab ist noch sehr vag. Etwas deutlicher, wenig-
stens durch Beispiele, wird er uns bei der Skulptur,
da alles von ihr, „was zur öffentlichen Aufstellung
bestimmt ist, gleichfalls in einer Weise dargestellt sein
muß, daß es dem Veständnis der Menge nahe liegt".
Wenn wir nun auch bei Seite lasien wollen, zu
fragen, wie diese Forderung mit der obigen, daß die
Kunst in ihren Motiven sich nicht so zu beschränken
braucht, „daß sie sich an das Verständnis des großen
Haufens wendet", in Einklang zu bringen sei, so dürfen
und müffen wir doch an diesem Grundsatze festhalten,
daß die Skulptur an öffentlichen Werken nur bringen
darf, „was dem Verständnis der Menge nahe liegt".
Ein Beispiel giebt der Verfaffer unter Verwerfung der
allgemeinen Allegorie bei Statucn berühmter Männer,

indem er sagt: „Demgemäß wäre es für das Stand-
bild eines Dichters weit bezeichnender, wenn man
Hauptgestalten aus seinen Werken (und wenn es sich
um Reliefs handelt, Scenen daraus) an dem Piede-
stal darstellte, als die Allegorie von Epos, Lyrik, Tra-
gödie u. s. w.; denn diese letzteren Gestalten sind
farblos, können dem einen Dichter ebenso gut beige-
geben werden wie dem anderen, jene Gestalten aber
sind die Schöpfungen des Verherrlichten, sind dem Be-
schauer, bei dem man natürlich Bekanntschaft mit den
Werken des Dichters voraussetzen muß, lieb und ver-
traut, und daher auch allgemein verständlich". Jn der
That, eine treffliche Logik! Die Skulptur darf nur
bringen, was dem Verständnis der Menge nahe liegt;
sie soll z. B. Scenen aus dem Werke des betreffenden
Dichters bringen, und da man beim Beschauer „natür-
lich" die Bekanntschaft mit dem Werke „voraussetzen
muß", so ist die Kunstschöpfung folglich „allgemein
verständlich!" Armes Frankfurter Goethemonument!
Was bliebe bon deinen Piedestalreliefs übrig, wenn
man ausmerzen müßte, was dem Verständnis der Menge
nicht nahe liegt, wenn man nicht glücklicherweise bei dem
Beschauer, also doch auch bei der großen Menge, auf
die jedoch die Kunst bei der Wahl ihrer Motive keine
Rücksicht zu nehmen braucht, dennoch die Kenntnis des
Faust, der Jphigenie, des Tasso, des Wilhelm Meister
vvraussetzen dürfte?! Die Forderung der Allgemein-
verständlichkeit bringt aber den Verfaffer noch zu anderen
Seltsamkeiten der Logik. Verurteilt sind durch sie
„zahlreiche moderne Kunstschöpfungen". Gegenüber der
strengen Theorie kann er aber „in xraxi einige Kon-
zessionen" machen. „Es giebt in der That eine An-
zahl Allegorien, welche durch nun schon mehr als
tausendjährigen Gebrauch beinahe einem jeden ver-
ständlich geworden sind. Nicht eine jede hat deshalb
schon ein Anrecht auf Existenz. Die zwar noch nicht
so alte, aber einem jeden ohne weiteres deutliche
Allegorie des Todes als Skelett, zu so tiefsinnigen
Schöpfungen sie auch Holbein, Rethel und andere be-
geistert hat, sollte doch beffer von der Kunst wieder
aufgegeben werden". „Besser?" Und warum? Jn-
folge dieser Vorschrift und ohne Grund? Sie ist
„jedem ohne weiteres deutlich", also allgemein ver-
ständlich, wie kaum eine andere, sie hat großartige
Schöpfungen ermöglicht, und trotzdem hat sie nicht das
Recht der Existenz und soll mit dem Urteil: „sollte
doch besser wieder aufgegeben werden" aus der Welt
des Künstlers verschwinden? Doch nein! Der Verfaffer
hat einen Grund: sie verstößt „gegen die erste For-
derung an die Knnst, die Forderung der Schönheit!"
Aber merkt denn der Verfasser nicht, daß er hier seinen
Grund aus einem ganz fremden Gebiete holt und so-
mit nichts beweist? Mit dem Wesen der Allegorie,
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